Zebra
Wie lange könnte diese Mannschaft also noch zusammen spielen, wenn es nach Vorstellung der Clubführung geht?
Uwe Schwenker
Ich denke, es wäre vermessen zu sagen, diese Spieler spielen noch x oder y Jahre beim THW Kiel. Die Situation ändert sich stetig, wodurch man unweigerlich dazu gezwungen wird, auf bestimmte Vorgänge und Herausforderungen Einfluss zu nehmen. Es ist sehr schwierig, wirklich langfristig zu planen. Es war und ist Ziel des THW Kiel, nicht nur im Umfeld, sondern auch in der Mannschaft Kontinuität an den Tag zu legen und eine Mannschaft solange wie möglich von großen Veränderungen zu verschonen um auch eine Identifikation mit den Fans herstellen zu können. Das sind wir unseren treuen Zuschauern, als auch unseren langjährigen Sponsoren einfach schuldig.
Zebra
Werfen wir nun einen Blick auf den Rest der Liga. Wie schätzen Sie Ihre Konkurrenz ein? Wer ist Ihr Favorit?
Uwe Schwenker
Die Konkurrenz ist immer groß. Es wird in dieser Saison wohl sieben Mannschaften geben, die um die ersten Plätze mitspielen können, was ich sehr positiv bewerte. Problematisch, aus meiner Sicht zumindest, ist die Gefahr, dass die Liga sich mehr und mehr zweiteilt. Wir müssen aufpassen, dass die Attraktivität der Liga erhalten bleibt, dass der letzte im Zweifel den ersten der Liga noch schlagen kann, denn nur dann kann man auch über die gesamte Saison hinweg die Hallen ausverkaufen. Es darf nicht sein, dass es, ähnlich wie in Spanien, eine kleine Spitze von Topmannschaften gibt und der Rest der Liga fällt deutlich ab.
Zebra
Welche Mittel kann man der Zweiteilung der Liga entgegensetzen?
Uwe Schwenker
Das sind Fragen, die man innerhalb der Liga diskutieren muss. Angefangen bei der Zentralvermarktung, Verteilung von möglicherweise noch zu generierender Gelder und dergleichen. Ich weiß selbstverständlich, dass durchaus gewisse Egoismen vorherrschen, welche durch den freien Wettbewerb ganz natürlich sind. Dennoch sollten alle unsere Bestrebungen darauf hinauslaufen, diese Zweiteilung zu verhindern, denn nur wenn man spannende Spiele garantieren kann, wird man genügend Zuschauer in die Hallen bewegen und auch die Spiele richtig vermarkten können.
Zebra
Glauben Sie an einen erneuten Alleingang des TBV Lemgo?
Uwe Schwenker
Der TBV Lemgo hat eine herausragende Mannschaft, mit der auf jeden Fall wieder zu rechnen ist. Das Team ist perfekt eingespielt und besitzt auch das nötige Selbstvertrauen, den Titel erneut zu holen. Dennoch ist der Lemgoer Kader auch nicht besonders üppig mit Spielern ausgestattet, so dass es abzuwarten gilt, wie die Mannschaft mit der hohen Belastung und drohenden Verletzungen umgehen kann. Es hängt auch vieles von einem guten Saisonstart ab. Wenn wir selber gut in die Gänge kommen, können wir auch eine gute Rolle spielen.
Zebra
Die SG Flensburg-Handewitt hat sich im letzten Jahr sehr darüber gefreut, vor ihrem Nordrivalen, dem THW Kiel zu stehen. Denken Sie, das Blatt wird sich in dieser Saison ändern?
Uwe Schwenker
Wir selbst haben eigentlich nie in Richtung Flensburg geschielt. Wir sind wir und wollen jedes Jahr den bestmöglichen Handball bieten. Es gibt eine gewisse Konkurrenzsituation, welche sowohl für Flensburg als auch für uns sicherlich sehr positiv ist. Es wäre nicht gut, wenn eine der beiden Mannschaften sich am Ende der Tabelle wiederfinden würde, da die Konkurrenzsituation somit stark abnehmen würde. Unsere Begegnungen sind voll von Emotionen und ich denke, dies ist für beide Seiten positiv. Bei der Platzierung schauen wir, wie gesagt, nicht auf Flensburg, sondern versuchen einfach, jedes Spiel zu gewinnen.
Zebra
Denken Sie auch an bestimmte Überraschungsmannschaften?
Uwe Schwenker
Ich hoffe und glaube eigentlich, dass es dieses Jahr mehr Überraschungen geben wird als letztes Jahr. Das liegt daran, dass sich viele Mannschaften durchaus gut und sinnvoll verstärkt haben. Wer momentan immer noch als eine Art "Underdog" gehandelt wird, ist der HSV Hamburg, die aus meiner Sicht aber, was Personalkosten, Etat, Budget und Zusammensetzung der Mannschaft mit das Beste haben, was der deutsche Handball zu bieten hat. Auch Mannschaften wie Nordhorn, Wallau-Massenheim oder Gummersbach werden eine gute Rolle spielen können. Insbesondere die Gummersbacher sind immer wieder für eine Überraschung gut. Es bleibt abzuwarten, wie sie sich über die gesamte Saison mit ihrem eher knappen Kader in der oberen Hälfte der Tabelle beweisen können.
Zebra
Sie haben auf der Pressekonferenz zur Saisoneröffnung gesagt, die Einnahmen aus der Champions League würden Ihnen schon fehlen. Kann man sagen, oberste Priorität ist es, die Champions League so schnell wie möglich zu erreichen?
Uwe Schwenker
Die Champions League ist ganz klar die Premiumklasse im Handball und es ist sicherlich für jeden Spieler und jedes Team, diesen Wettbewerb zu erreichen, um mit den besten Mannschaften Europas einen gemeinsamen Titel auszuspielen. Aus wirtschaftlichen Gründen könnten wir aber auch längerfristig darauf verzichten, Ziel ist und bleibt es aber diesen Cup zu erreichen und irgendwann einmal ihn hoffentlich auch zu gewinnen
Zebra
Wie wichtig war die Qualifikation für den EHF-Cup in der letzten Saison? Uwe Schwenker
Es ist immer gut für den Verein, auch europäisch vertreten zu sein. Es ist eben nicht die Premiumklasse Champions League, in der man gegen solch große Vereine wie Barcelona spielen kann, aber ich denke, es ist dennoch wichtig, auch für die Spieler aus dem Bundesligaalltag einmal herauszukommen und natürlich auch besser für unser Image als europäischer Spitzenverein. Ebenfalls nicht zu unterschätzen war der dazugehörende Leistungsschub zum Ende der letzten Saison, der doch viele Fans noch einmal versöhnlich gestimmt hat und für die verbleibenden Spieler einen besseren Übergang in die neue Spielzeit darstellt. Darüber hinaus muss man anmerken, dass wir als zweiter deutscher Teilnehmer in diesem Cup nicht gesetzt sind und von Anfang an gegen die Topmannschaften antreten können, was der Attraktivität der Spiele zugute kommen wird. Wir werden uns bemühen, soweit wie möglich zu kommen.
Zebra
Die stets ausverkaufte Ostseehalle wurde im letzten Jahrzehnt sehr verwöhnt und erwartet Erfolge. Muss sich das Publikum in näherer Zukunft bescheidener geben?
Uwe Schwenker
Ich war und bin davon überzeugt, dass wir ein sehr sach- und fachkundiges Publikum haben, das durchaus einschätzen kann, wie die Situation sich momentan darstellt. Ich denke, es wird auch sicherlich einer jungen Mannschaft Rechnung tragen, dass sie zu 100 Prozent Einsatz und Siegeswillen zeigt, auch wenn der ein oder andere Spieler mangels Erfahrung nicht die nötige Routine und Kontinuität bringen kann. Ich hoffe und glaube auch, dass es die Mannschaft trotzdem weiter ermutigen und unterstützen wird, wie es seit eh und je war.
Zebra
Sie haben zuletzt schon mehrmals auf die immer weiter steigenden Spielergehälter aufmerksam gemacht. Kann dieses asymetrische Verhältnis der Entwicklung von relativ stabilen Einnahmen und höheren Ausgaben bald zum Problem werden?
Uwe Schwenker
Natürlich kann das ein Problem sein und es ist unsere Aufgabe, mit dieser Entwicklung fertig zu werden. Der Handball wird durch gute Spieler natürlich auch attraktiver. Allerdings ist der Transfermarkt sehr übersichtlich, was wirklich gute Spieler betrifft, so dass sich oft viele Vereine gleichzeitig auf die besten Spieler stürzen, wodurch die Preise entsprechend der Nachfrage steigen. Bei der momentanen wirtschaftlichen Lage ist dies ein antizyklisches Verhältnis und kann nicht endlos gut gehen, da wir nicht mehr ausgeben können, als wir einnehmen. Hinzu kommt, dass die Spielergehälter auf Netto-Basis ausgehandelt und Brutto bezahlt werden. Ein junger, unverheirateter Spieler kostet also mehr Geld als ein Verheirateter.
Zebra
Kleineren Vereinen stehen noch wesentlich weniger Mittel zur Verfügung als dem THW. Dennoch war von drohenden Insolvenzanträgen in letzter Zeit nichts zu hören. Hat sich die Bundesliga sozusagen "gesund geschwitzt"?
Uwe Schwenker
Ich war in den letzten Jahren nicht im Ligaausschuss dabei und kann somit wenig über die Internas sagen, auf der anderen Seite glaube ich schon, dass das neue Lizensierungsverfahren, welches vor einigen Jahren neu eingeführt worden ist, nun auch langsam greift. Dies ist sehr positiv für die gesamte Liga, da uns sportliche Nachrichten natürlich wesentlich besser bekommen als finanzielle Insolvenzfälle. Ich glaube schon, dass man mittlerweile schrittweise dazu übergegangen ist, insgesamt seriöser und sicherer zu wirtschaften.
Zebra
Der THW ist dabei, sich mit Hilfe einer Münchner Agentur ein neues, moderneres Gesicht zuzulegen. Was versprechen Sie sich davon?
Uwe Schwenker
Grundsätzlich war es für mich eigentlich klar, dass wenn eine Ära zu Ende geht und die Zukunft einer neuen, jungen Mannschaft startet, sollte dies auch nach außen hin sichtbar sein. Insofern lag es nah, "wann, wenn nicht jetzt", sich auch ein neues Design zuzulegen. Es dient dazu, den THW unverkennbar darzustellen und zu vereinheitlichen, was zwar wichtig ist, hinter dem Sport aber deutlich zurücksteht. Ich denke, es ist einfach wichtig für einen Spitzenverein wie den THW Kiel auch ein entsprechendes Erscheinungsbild zu haben, im Zweifel auch etwas jünger und moderner rüberkommt und man sofort erkennt: Das ist der THW! Diese neue Wahrnehmung wird sich aber sehr schnell einstellen, sobald die ersten Tore wieder fallen.