Kopfschuss-Opfer arbeitet wieder Vollzeit
Wochenlang bangten sie um das Leben ihres Kollegen, der auf der Theresienwiese niedergeschossen worden war: Polizeibeamte am Tattag in Heilbronn.Foto: Archiv/Seidel
Die Nachricht bringt die Soko „Parkplatz“ auf der Suche nach den Mördern von Michéle Kiesewetter (22) zwar keinen Zentimeter voran. Doch im Fall um den Heilbronner Polizistenmord ist es exakt fünf Monate nach den tödlichen Schüssen auf der Theresienwiese die mit Abstand erfreulichste Kunde, der Lichtblick im zähen Ermittlungspuzzle der Täterjäger.
Der überlebende Polizist arbeitet wieder. Vollzeit, von 8 bis 16 Uhr, in einem Büro der Stabsstelle der Bereitschaftspolizei in Böblingen. Es ist ein unscheinbarer Fakt, doch nach der brutalen Attacke auf der Theresienwiese, nach den Kopfschüssen, die die weiterhin unbekannten Täter auf Michéle Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. abgefeuert hatten, ist das alles ein kleines Wunder.
Mit Medien sprechen will der 25 Jahre alte Beamte nicht. Bereitschaftspolizei-Sprecher Hans-Joachim Rerat aber bestätigt: „Die Prognose für ihn ist positiv.“ Die Kollegen erleben den Mann, der nach einer komplizierten Kopfoperation mehrere Wochen auf der Intensivstation im Koma lag, als Menschem, wie sie ihn von früher kennen. Der Moment, an dem der 25-Jährige auf die Dienststelle zurückgekehrt ist, „war für alle ein Glücksgefühl“, sagt Rerat.
Erst stundenweise, jetzt seit zwei Wochen Vollzeit, eine Art Probe ist der Einsatz für den jungen Beamten. „Probe in der Form, dass er jederzeit unterbrechen kann, wenn es ihm zu viel wird“, erklärt Günter Loos, Sprecher im Landes-Innenministerium. Die Rückkehr in den Polizeidienst ist der ausdrückliche Wunsch des Polizisten. Von Ärzten wird er weiterhin betreut. Man wolle den Beamten „langsam wieder an die Tätigkeit heranführen“. Ohne Druck, ohne Zeitfenster. Solange medizinisch nichts dagegen spreche, so Loos, werde das Innenministerium „alles tun, um seinen Wunsch zu erfüllen“. Ob auch Streifendienst wieder möglich sei, „kann man jetzt noch nicht sagen“.
Eine Besonderheit ist Martin A. in Polizeikreisen in jedem Fall. Dem Landes-Innenministerium ist sonst kein Fall bekannt, in dem ein Polizist nach einem erlittenen Kopfschuss in den Dienst zurückgekehrt ist.
Unterdessen ist die Sonderkommission „Parkplatz“ bei Spur 1500 angelangt, 250 Spuren sind noch offen. Hauptverdächtig ist nach wie vor jene mysteriöse Unbekannte, deren DNA-Spur am Streifenwagen gefunden worden war. „Wir suchen immer noch ein Gesicht dazu“, sagt Polizeisprecher Peter Lechner.
Motiv bleibt ein Rätsel Ermittlungen an anderen Tatorten von Gewaltverbrechen mit der identischen weiblichen DNA-Spur, in Österreich, in Trier, Freiburg, Worms oder in Südostfrankreich, haben die Soko nicht weiter gebracht. Auch die Überprüfung von Schaustellern auf der Theresienweise, die zur Tatzeit gerade das Maifest aufbauten, oder von Sinti und Roma, die kurz zuvor dort ihr Lager aufgeschlagen hatten, ergab nichts Neues. Das Motiv der Täter für die Kopfschüsse gegen die zwei wehrlosen Polizisten bleibt weiterhin ein Rätsel.
„Der Fall sprengt alles, was die meisten Beamten in ihrer Karriere bisher erlebt haben“, sagt Peter Lechner. Damit meint er auch den bundesweiten Medienrummel. Wie die 25-köpfige Soko nach fünf Monaten erfolgloser Tätersuche und bisher 9500 Überstunden weiter hoch motiviert arbeiten kann? Lechner: „Wir haben es hier mit offensichtlich überörtlich agierenden Tätern zu tun, die vor keiner Gewalttat zurückschrecken.“ Allein dies mache die Motivation aus, die Täter zu fassen.