NDR setzt auf Handballkrimi
Hamburg - Als Jugendlicher spielte Gerhard Delling Fußball. Doch als gebürtiger Rendsburger erlebte er noch den Büdelsdorfer TSV in der Feldhandball-Bundesliga. Ein Erlebnis, das den 45-Jährigen prägte. Seit April letzten Jahres ist Delling Sportchef des NDR und setzt sich stark dafür ein, dass Handball im Fernsehen stärker präsent ist. Sie übertragen den Handball-Schlager zwischen der SG Flensburg und dem THW Kiel am Sonnabend ab 15 Uhr erstmals im 16:9-Breitbild-Format. Was erwartet den Zuschauer?
Wer über die entsprechende Technik verfügt, wird Handball erstmals in Tatort-Qualität erleben. Brillanter und mit einer schöneren Totale. Das Bild geht mehr in die Breite.
Was bedeutet das für Zuschauer, die einen herkömmlichen 4:3-Bildschirm besitzen?
Die werden eine leicht verzerrte Perspektive haben und schwarze Balken an den Seiten. Das sieht aus wie "Spiel mir das Lied vom Tod". Aber auch diesen Zuschauern gehe keine Bildinformationen verloren. Aber 16:9 ist die Technik der Zukunft, die wir jetzt erstmals im Sport ausprobieren.
Warum haben Sie sich dafür dieses Spiel ausgesucht?
Um etwas Neues zu probieren, brauchen wir auch eine Resonanz. Wenn Flensburg gegen Kiel spielt, ist die garantiert. Zeitnah nach den Olympischen Spielen ist zudem Handball besonders geeignet für einen solchen Versuch. Wir werden mit 45 Leuten vor Ort sein und das Spiel aufziehen wie ein Fußball-Länderspiel. Neue Technik, Vorberichte, Analysen in der Pause.
Welche Schwerpunkte werden Sie setzen?
Wir wollen die Rivalität der beiden Klubs darstellen. Dazu vergleichen wir die beiden Torhüter Henning Fritz und Jan Holpert. Außerdem greifen wir den Fall des Kroaten Blazenko Lackovic noch einmal auf, der am Sonnabend hoffentlich zum ersten Mal spielt (Lackovic sagte erst in Kiel zu, unterschrieb schließlich aber in Flensburg, Anmerk. der Red.). Als Experte steht uns Ex-Weltmeister Erhard Wunderlich zur Seite. Der ist handballverrückt und als Gummersbacher neutral. Das war uns bei diesem Spiel wichtig. Wir wollen auch versuchen, in den Gängen die Anspannung der Spieler vor dem Anpfiff einzufangen. Vielleicht gelingt uns sogar ein Blick in die Kabine.
Bei THW-Trainer Noka Serdarusic werden Sie damit aber auf Granit beißen.
Wahrscheinlich. Ich habe Verständnis für ihn. Aber auch Noka muss lernen, dass er ab und zu ein Türchen öffnen muss. Wir wollen nicht in Boulevard-Journalismus abrutschen, aber die meisten Zuschauer sind keine Experten. Die wollen Nähe und Emotionen sehen.
Sie würden sich also mehr Trainer wünschen, die wie Bob Hanning vom HSV Hamburg den NDR in der Halbzeitpause in die Kabine ließen und ihre Anweisungen während des Spiels gleich live über den Sender schicken?
Hanning ist einen mutigen Schritt gegangen. Der Blick in die Kabine hat Transparenz geschaffen. Nur so lassen sich die Massen gewinnen, und nur mit denen schafft der Handball den Sprung ins Fernsehprogramm. Klar ist aber auch, dass solche Schritte nicht übertrieben werden dürfen. Eine gute Sache war auch, dass die meisten Vereine Mikros während einer Auszeit zugelassen haben.
Hat der Handball eine Chance, dauerhaft im NDR stattzufinden?
Schwer zu sagen. Wir übertragen seit einem Jahr regelmäßig und bringen auch immer wieder Ausschnitte im "Sportclub aktuell" am Sonnabend zwischen 17 und 17.30 Uhr. Bisher ist Handball ein Zusatzgeschäft, aber der Trend ist positiv. Wir müssen die Menschen erst noch daran gewöhnen. Viele wissen gar nicht, dass der THW Kiel in der Bundesliga spielt. Das ist auch kein Wunder, schließlich wird völlig zu unrecht im Fernsehen und Zeitungen nicht täglich über diese Sportart berichtet. Eine Saison probieren wir noch, dann müssen die Zahlen stimmen.
Welche Quoten müssen Sie denn erreichen, um Handball dauerhaft ins Programm zu nehmen?
Der NDR hat in Norddeutschland derzeit einen Marktanteil von 8,7 Prozent. In eine Region zwischen sechs und neun Prozent müsste der Handball schon verlässlich kommen. Eine eigene Sendung wie die Fußball-Bundesliga sie hat, ist aber auch dann illusorisch. Dieses Risiko ist jedem Sender zu hoch. Das hätte wie im Fußball bereits vor Jahrzehnten etabliert werden müssen. Leider wurde das verschlafen.
Aus den Kieler Nachrichten vom 17.09.2004