Ich frage mich gerade, ob es gut oder schlecht war, dass ich rund 24 Stunden offline war, auf jeden Fall gab es viel zu lesen...
Das habe ich nun getan und versuche gerade meine Gedanken zu sortieren, die drei Lizenzentzüge in Liga 2 klammere ich mal weitgehend aus, da kenne ich die Hintergründe zu wenig.
Lizenzentzug TuSEM Essen, SG Wallau/Massenheim und SV Post Schwerin
Meinen größten Respekt vor der Entscheidung der HBL. Ich hatte mit dem Lizenzentzug für Wallau gerechnet, aber mit mehr auch nicht.
Obwohl es eigentlich für den deutschen Handballsport ein trauriges Thema ist freut es mich, dass hart durchgegriffen wird, die Entwicklung der letzten Jahre und speziell der letzten Saison durfte so nicht weitergehen. Offensichtlich wurde die Ankündigung konsequent umgesetzt und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Lizenzanträge ohne Rücksicht auf Verluste geprüft.
Ich hoffe, dass diese Konsequenz auch fortgesetzt wird, wenn mögliche Einsprüche geprüft werden. Sollte einer der betroffenen Vereine zu Recht Einspruch einlegen, dann soll er auch Recht bekommen. Wenn allerdings einer dieser Vereine nächste Saison in Liga 1 wieder in Schieflage gerät läuft die HBL Gefahr ihre Glaubwürdigkeit endgültig zu verlieren. Es wäre katastrophal, sollte ein Club in einer laufenden Saison zurückziehen müssen, diese AUßendarstellung würde den Handball im deutschen Vergleich zu anderen Sportarten und im internationalen Vergleich zu anderen Handballligen um Jahre zurückwerfen.
TuSEM Essen oder "Die Seriösität und die Bonität der Sponsoren"
In Bezug auf den TuSEM habe ich hier des öfteren gelesen, dass dort eine andere Situation wäre, schließlich wäre man vom Sponsoren "betrogen" worden und hätte nicht falsch gewirtschaftet.
Das sehe ich ein wenig anders. Es zeichnet ein gutes Management aus, auch die Sponsoren hinsichtlich ihrer Seriösität und Bonität zu prüfen, belastbare Verträge zu schließen und für deren Umsetzung zu sorgen. In Essen machte man wohl bereits bei der Deutschen Post die ersten Fehler, die zur Instabilität führten. Aus der Not heraus und aus Mangel an Alternativen rannte man den ersten Versprechungen hinterher, in dem Fall Weinerplan. Aus meiner Sicht wurden in Essen mehrere Fehler gemacht. Man verlässt sich seit längerem auf einen Hauptsponsor, der einen Großteil des Etats ausmacht. Zuerst war dies die Deutsche Post, anschließend sollte dies Weinerplan sein. Dadurch war man in einer Abhängigkeit, die zur jetzigen Situation führte (für die Wiwis: Typologie der Unternehmenskrisen...).
Der Vergleich mit anderen Vereinen und Hauptsponsor gilt nur begrenzt. Sicher, auch Flensburg und Kiel sind maßgeblich von Provinzial abhängig. Allerdings hat man von dort noch nichts über Schwierigkeiten mit dem Sponsor gehört, also haben Storm und Schwenker ihre Hausaufgaben besser gemacht als Schorn und die Seriösität und Bonität ihres Hauptsponsors besser geprüft. Außerdem sind diese Vereine finanziell breiter aufgestellt, bei Kiel schätze ich allein die Einnahmen aus Dauerkarten, die bereits vor Saisonbeginn eingehen auf ca. 2,5 bis 3 Mio. €. Zugegeben, in Essen war viel Pech dabei, aber es ist die Aufgabe des Managements sich dagegen abzusichern. Letzten Endes hat man dort über den Verhältnissen gelebt - ob bewusst oder unbewusst spielt letzten Endes keine Rolle. Wie viele Insolvenzen in der Wirtschaft sind durch Forderungsausfälle bedingt?
Die Aussage aus Essen lautet aktuell, dass der Etat für 2005/06 gesichert wäre, aber offensichtlich hätte man so viele Altlasten aus der noch laufenden Saison mitgenommen, dass dies zum Lizenzentzug führte.
SV Post Schwerin
Es ist immer die Rede davon, dass nur die SG Wallau/Massenheim und der TuSEM Essen bei erfolgreichem Einspruch in Liga 1 bleiben. Wieso nicht auch Schwerin? Angenommen der Lizenzentzug für die SG und den TuSEM bleiben bestehen, der für Schwerin wird aber aufgehoben. So wie ich es verstehe, steht dann Schwerin auf Platz 16 - das würde Relegation heißen. Da diese aber nach meinem Verständnis definitiv abgesagt wurde, müsste auch Schwerin bei einem erfolgreichen Einspruch in Liga 1 bleiben.
Ob sich Schwerin damit einen Gefallen täte ist eine ganz andere Frage.
Die Fans der betroffenen Vereine
Um die Fans tut es mir wirklich leid. Denn das sind mit die Hauptleidtragenden. Beim einen Verein sind es ein paar mehr, beim anderen ein paar weniger, aber die Fans sind (siehe oben) mit die "seriösesten Sponsoren".
Liebe betroffenen Sportsfreunde, ihr tut mir ehrlich leid, ich weiß nicht, wie es mir an Eurer Stelle gehen würde und wie ich mich verhalten würde.

Die Spieler oder Wer holt sich wen?
Jetzt geht es los, das große Geschachere um die neuen Spieler auf dem Markt - wenn es nicht bereits begonnen hat. Das mag für die Fans dieser Spieler besonders hart sein, aber denkt bitte auch mal an die Spieler. Diejenigen, die nicht bereits in den letzten Wochen unterschrieben haben (bspw. Völkerwanderung von Wallau nach Großwallstadt), haben ihrem Verein bis zu letzt die Treue gehalten. Diese Spieler haben teilweise seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen, spätestens jetzt ist es an der Zeit sich umzuschauen, wer nächste Saison die Brötchen bezahlt. Und die Verhandlungspositionen der Spieler sind im Moment ohnehin nicht die besten.
Aus Sicht der anderen Vereine gibt es keinen Grund zur Zurückhaltung. Ich habe auch Großwallstadt die Einkaufstour (eigentlich falsch, Ablöse muss ja nicht bezahlt werden) nicht vorgeworfen. Spätestens seit heute (bzw. gestern) sind wieder ein Schwung interessanter Spieler auf dem Markt, schön für den Finanzmanager, der dafür noch ein paar Reserven einkalkuliert hat. Diese Entwicklung wird auch zu einem moderaten Rückgang der Spielergehälter führen, denn die Spieler, die jetzt noch einen Verein suchen, können keine überzogenen Forderungen stellen. Ich finde das vollkommen in Ordnung, denn so bekommt bei den Vertragsverhandlungen ein wichtiger Aspekt wieder einen höheren Stellenwert: die Zahlungssicherheit. Was bringt einem Spieler das beste Gehalt, wenn er es über Monate hinweg gar nicht bekommt?
Zeitplanung - ist der 30.6. nicht sehr spät?
Die gesamte Zeitplanung des Lizenzierungsverfahrens sollte überdacht werden. Ich lese immer wieder, dass spätestens am 30.6. die Verhältnisse klar sein sollten. Das ist mindestens 5 Wochen zu spät, wie wir letztes Jahr in Schwerin gesehen haben. Welche Chance haben die betroffenen Vereine, sollten sie in Liga 1 bleiben und das erst Ende Juni erfahren? Die Leistungsträger sind bis dahin alle bei anderen Vereinen unter Vertrag, Ende Juni wird es sehr schwer sein, wenn nicht sogar unmöglich, noch eine erstligareife Mannschaft aufzustellen.
Spätestens mit dem letzten Spieltag sollte auch die Lizenzlage für die nächste Saison klar sein, inklusive aller Ein- und Widersprüche. Dann besteht Chancengleichheit. Wer sportlich und finanziell schon früher Gewißheit hat, hat sich diesen Vorteil dann auch verdient.
Wie ist die Lizenz für den HSV einzuordnen?
Die Lizenz für den HSV für die neue Saison ist korrekt, wenn auch mit einem sehr bitteren Beigeschmack. Wenn ich alles richtig verstehe, dann steht der HSV-Etat 05/06, über die neue Trägergesellschaft ist man solide finanziert und die Altlasten beerdigt man mit der Omni Sport. Insofern musste man dem HSV eine Lizenz geben.
Der bittere Beigeschmack für die dieses Jahr betroffenen Vereine bleibt. Wäre man letztes Jahr genau so konsequent gewesen, der HSV hätte dieses Jahr keinesfalls in Liga 1 gespielt. Erst die Querelen um den HSV haben zu diesem konsequenten Kurs der HBL geführt.
[ronie an]Sind die Dankestelegramme aus Wallau, Essen und Schwerin schon in Hamburg angekommen?[Ironie aus]
Man muss bei aller Kritik dem HSV aber eines lassen. Im Gegensatz zu bspw. Wallau hat man sich dort mit dem Lizenzierungsverfahren auseinander gesetzt, die juristischen Lücken erkannt und gemeinsam gehandelt. In Wallau ist man spätestens beim gemeinsamen Handeln gescheitert. Aus Essen erfährt man zu wenig, eventuell hätte man dort mit ähnlichen juristisch-gesellschaftsrechtlichen Modellen noch die Altlasten aus 2004/05 verschwinden lassen können und befreit in die neue Saison starten.
Was ich moralisch und persönlich vom "Hamburger Modell" und den zugrunde liegenden Lücken des Lizenzierungsverfahrens halte, sollte hier bekannt sein. Rein fachlich und beruflich kann ich eine gewisse Anerkennung für die Hamburger "Leistung" im nicht-sportlichen Bereich aber nicht verhehlen.
Fredenbeck - Was passiert bei Eigeninsolvenzantrag und/oder Eröffnung des Insolvenzverfahrens?
Ein wenig muss ich doch in Liga 2 abschweifen. Bin ich richtig informiert, dass Fredenbeck selbst einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens aufgrund droheneder Zahlungsunfähigkeit gestellt hat?
Wenn ja, unterscheidet das Fredenbeck grundlegend von Hamburg und Wallau, wo ein Gläubiger den Antrag gestellt hat. Bei Eigenantrag müsste nach den Lizenzbestimmungen sofort Feierabend sein. Daher auch noch meine Skepsis, was in Fredenbeck oder Hamburg passiert, wenn noch vor dem 30.6. eine Eröffnung des Insolvenzverfahrens erfolgt. Ich befürchte die ersten Inkonsequenzen der HBL...
Pfullingen - der lachende Vierte
Pfullingen bleibt in Liga 1, da habe ich mich echt gefreut, als ich das vorhin gelesen habe. Gefreut nicht nur wegen der Derbys mit FAG (und den Kröstis?). Pfullingen hat sich auch in der vergangenen Saison (wie in den Jahren zuvor) finanziell am untersten Ende bewegt und sich dafür sportlich immer knapp am Rande des Abgrunds bewegt. Jetzt sind sie quasi im letzten Moment dafür belohnt worden, dass sie sich immer an die Spielregeln gehalten haben.
Ähnliches gilt für Minden, wie Relegation gegen Kröstis/Hildesheim ausgegangen werden, wird wohl unbekannt bleiben.
Spielt FAG nun im EHF-Cup oder nicht?
Diese Frage lässt mich einfach nicht los. Die Aussage ist inzwischen klar: Essen darf auch als Regionalligist die Titelverteidigung versuchen - das habe ich kapiert. Was passiert aber, wenn Essen freiwillig nicht antritt? Laut Waldorf fällt der Startplatz ersatzlos an die EHF zurück, andere Stimmen meinten, FAG würde über die Liga nachrücken. Ein wenig interessiert mich die Antwort ja schon...