Heiligabend 2006, 0:58 Uhr. Ganz Deutschland schläft und träumt von Kirche, Geschenken, Gänsebraten, leuchtenden Kinderaugen, usw. Ganz Deutschland? Nein, in einer Handball-Bundesligastadt sitzt 300 m von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt einer der beklopptesten Handballtrainer am PC, weil er als Betriebselektriker ein paar Fremdhandwerker beaufsichtigen muss, die nach der Spätschicht eingetrudelt sind, um den Fußboden zu sanieren.
Harmi denkt über letzten Donnerstag nach:
Wichteln
Harmi wollte es mit allen Mitteln verhindern. Schreckliches, langweiliges, überflüssiges Wichteln. Hundert tolle Ideen schwirrten ihm im Kopf. Das letzte Training vor Weihnachten war perfekt durchgeplant, er würde Klara, Karlchen und die Mädels vor vollendete Tatsachen stellen. Alles läuft gut, bis Klara dann zwei Wochen vorher in der Kabine so ganz nebenbei vor versammelter Mannschaft fragt: „Wollen wir denn beim Weihnachtstraining auch wichteln?“
Das dreizehnstimmige weibliche „Jaaaaaaaaaaa“ übertönt das zweistimmige männliche „Neeeeeeiiiiiin“ bei Weitem. Harmi mutiert augenblicklich vom Frauenversteher zum Frauenhasser und steht kurz vor einer Explosion. Das fehlende Besteck und Co-Trainer Karlchen halten ihn davon ab, Klara direkt vor Ort zu frühstücken. Das unverschämte Grinsen in ihrem Gesicht steht ihr wirklich gut, aber da es Harmi und Karlchen gilt, grenzt es schon fast an Hochverrat. Männer hassen Wichteln! ![]()
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Harmi hatte Klara von der Chefsekretärin zur Prokuristin befördert, damit sie ihn gewissen Dingen nicht immer fragen musste, ob sie das und das so und so machen dürfe. Das nutzt sie doch prompt schamlos aus. Sie zaubert zu Harmis Entsetzen einen Nikolausstiefel aus ihrem ständigem Begleiter, dem abnehmbaren Fahrradkorb, und hält ihn Harmi direkt vor die Nase. „So Chef, dann zieh mal einen Zettel!“
In Harmis Gesicht entwickeln sich sieben Tage Regenwetter, als er einen liebevoll verzierten, rosafarbenen, gefalteten Zettel aus dem Stiefel zieht. Hoffentlich ist es Karlchen, der kriegt dann ein kleines Biersortiment und eine Dose Erdnüsse, die dann auf einem der nächsten Männergesprächskreise verzehrt werden können. ![]()
Dann der Schock! Nachdem Harmi den sorgsam gefalteten und liebevoll mit einem Klebestern verschlossenen Zettel endlich geöffnet hat, liest er in großen Buchstaben: K L A R A.
Schlimmer geht nimmer. Jetzt nur nix anmerken lassen, sonst wissen alle sofort, wen Harmi gezogen hat. Ein leichtes Grinsen aufgesetzt, einmal allen Mädels tief in die Augen geschaut und schon glaubt Jede der Anwesenden, dass sie die Glückliche ist. Klara kriegt heute keinen Blick mehr, nicht dass die noch erblindet….
Schnell den Zettel wieder zusammen gefaltet und jetzt ab durch die Mitte. Harmi würde sich furchtbar rächen. Klara würde ein Wichtelgeschenk bekommen, das ihr den Appetit auf Wichteln bis weiteres verderben würde. Irgendwas Hässliches, Stinkendes, Kitschiges, Blödes, Doofes würde ihm schon einfallen. ![]()
Einen Tag später hat Harmi sich wieder beruhigt. Klara ist eigentlich eine tolle Frau, die Harmi und Karlchen hervorragend unterstützt. Na gut, irgendein halbwegs ordentliches Geschenk sollte sich doch finden lassen. Die nächsten Tage werden für Harmi zur Qual, der Handball gerät völlig in den Hintergrund. Was soll er Klara nur schenken? Was kauft man einer schlagfertigen, humorvollen, orientierungslosen, multitaskingfähigen Powerfrau?
Einen Satz Stadtpläne und Landkarten?
Irgendwas zum auf die Fensterbank stellen, das sie immer dann schnell rauskramt, wenn Harmi mal zu Besuch kommt?
Eine Weihnachts-CD aus der Grabbelkiste beim Ich-bin-wohl-blöd-Markt?
Einen Gutschein für einen Seniorenkurs bei der Volkshochschule?
Ein Hunderterpack Senseo-Pads vom kleinen Koffie-en-Souveniershop von hinter der Grenze?
Ein sorgfältig zusammen gestelltes Ensemble von Dingen, die man nicht wirklich braucht, aus dem Ein-Euro-Laden?
Einen Goldfisch für ihren Teich, weil ihr Liebling Balthasar Opfer einer heimtückischen Attacke eines gefräßigen Graureihers wurde?
Ein Deodorant, Duschbad, Schaumbad, Seife, Parfüm oder ähnliches?
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Nein, etwas ganz persönliches sollte es sein. Harmi sucht nächtelang im Internet unter den Stichwörtern „wichteln“, „multitaskingfähig“, „Powerfrau“, aber irgendwie findet sich da nix. Als Harmi in der Stadt Weihnachtsgeschenke besorgt, führt ihn der Weg an der Buchhandlung vorbei. Im Schaufenster liegen viele interessante Dinge. Ein Fotokalender! Das ist es! Kalender kaufen, Spielerpässe der Mädels fotografieren, ausdrucken, aufkleben, fertig! Mist, es sind dreizehn Mädels. Egal, die zwei Zwillingspärchen bekommen je einen Monat und das Dezemberfoto würde dann Karlchen und Harmi zeigen. Darüber wird sie sich sicher freuen! Der Preis des Kalenders schreckt Harmi allerdings ab, es sollten maximal 5 Euro sein, da wollen wir uns doch dann auch dran halten.
Ein Buch! Harmi bittet die Seniorchefin, doch bitte mal im PC nachzuschauen, ob es nicht ein 5,- Euro-Buch über Frauen gibt. Da der Laden gerappelt voll ist und Omi nicht mit dem PC klar kommt, darf Harmi selbst ran. Kurze Suche, da ist es: „Frauen sind toll“ – Ein Loblied auf das gar nicht so schwache Geschlecht, für 4,99,- Euro! Harmi bestellt es und darf es am nächsten Tag bereits abholen. ![]()
Weihnachtstraining. Gut, dass die Zeitschrift „Handballtraining“ im Dezember ein paar nette Gruppenspielchen beinhaltete. Karlchen hat sämtliche Speisekarten aller im Ortskern ansässigen anatolischen Schnellimbisse dabei und nimmt vorab die Bestellung für den Weihnachtsschmaus auf, während Klara eifrig mit ihrer Digicam alles im Bild festhält, während sie nebenbei dem Hallenwart ein paar schöne Augen macht und ihn so nötigt, den VIP-Raum für uns aufzuschließen, damit wir nicht die Umkleidekabine mit den Düften des Bosporus vollstinken.
So, die Motivationsspielchen aus der „Handballtraining“ sind bei den Mädels gut angekommen, da gehen wir doch mal fix in den VIP-Raum. Dankbar nehmen alle Anwesenden zur Kenntnis, dass Harmi den CD-Player und die Rolf-Zuckowski-Weihnachts-CD vergessen hat. Da kommt auch schon der Dönermann angerauscht. Im Vip-Raum riecht es, wie auf dem orientalischen Basar. ![]()
So, alle satt, jetzt wird gewichtelt. Harmi kommen plötzlich Zweifel, ob das Buch wohl das Richtige für Klara ist. Nicht, dass die noch kündigt. Zu spät. Karlchen ist der Älteste und bekommt sein Präsent als erstes. Jenny hat ihm Shampoo und Duschgel gekauft, damit er nicht immer nach dem Training in den Duschen die liegen gebliebenen Flaschen einsammeln muss. Jetzt die Jüngste. Lisa bekommt Ohrringe von Biene. Hat die überhaupt Löcher in den Ohren? Harmi erinnert sich dunkel an seine Jugend und erzählt den staunenden Mädels, dass er seiner ersten Freundin auch mal Ohrringe geschenkt hat, die aber leider keine Löcher in den Ohren hatte, was das Ende der ersten großen Liebe bedeutete. ![]()
Oh, jetzt ist Harmi dran. Mal sehen, welches Mädel sich für ihn etwas ausgedacht hat. Niemand? Klaras Grinsen lässt Harmi böses ahnen: „Bitte Harmi, was ganz persönliches für dich!“ Vorsichtig überreicht sie ihm etwas liebevoll Verpacktes. Uff, ist das schwer. „Danke Klara, ich pack es dann zuhause aus.“ Großer Protest, also öffnet Harmi das Geschenkpapier. Ein roter Glühweinbecher in Form eines Nikolaus-Stiefels. Auf dem Stiefel steht: „Rainer und sonst keiner“. Dazu eine kleine Flasche Harmi-Rum. Liebevoll hat Klara das Wort „Hansen“ überklebt und mit „Harmi“ beschriftet. Harmi ist völlig gerührt, bittet die Mädels, mal eben wegzusehen und drückt Klara einen fetten Schmatz auf die Wange. Die will sich gegen diesen Überfall wehren und verrenkt sich dabei fast den Nacken. ![]()
So, jetzt folgt Johanne, und dann ist endlich Klara an der Reihe. Harmi wird langsam nervös. War es vielleicht doch nicht das Richtige? Könnte Klara beleidigt sein oder sich angegriffen fühlen? Gespannt warten alle darauf, wer denn unsere Betreuerin beglücken darf. Niemand! Ist da was schief gegangen, war kein Klara-Zettel im Stiefel? Nein, Harmi kann es nicht mehr abwarten und löst das Rätsel. „Bitte Klara, was ganz persönliches für dich!“ Die Mädels sind empört und glauben, dass die Ziehung der Wichtelzettel nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.
Klara bekommt ihr Geschenk, packt es aus und weiß nicht, ob sie Harmi im nächsten Moment schlagen oder drücken soll.
„Du schenkst mir ein Buch mit dem Titel „Frauen sind toll“?
„Klar, du weißt doch, wie ich über das schwache Geschlecht denke…“
Totenstille im Raum. Plötzlich kriegt auch Harmi einen Schmatz auf seine unrasierte Wange. Ufff…. Gerade noch mal gut gegangen….
Frauen sind toll!
Frohe Weihnachten, Harmi