„In Euphorie macht man oft die größten Fehler!“
Der sportliche Leiter der HSG Wetzlar Rainer Dotzauer im Interview
Der 60-jährige spricht über Begehrlichkeiten der Konkurrenz und die mühsame Suche nach Großsponsoren
Das Bundesliga-Team der HSG Wetzlar gehört für viele Handball-Experten zu den positiven Überraschungen der aktuellen Erstliga-Saison. Nach dem Abgang der ehemaligen Leistungsträger Lars Kaufmann, Savas Karipidis und Milan Vucicevic von vielen Experten als einer der heißen Abstiegskandidaten gehandelt, rangieren die Lahnstädter derzeit mit 20:28-Punkten auf Rang 10 der Tabelle und haben in den vergangenen Wochen sogar Anschluss an die möglichen Europapokal-Plätze hergestellt. Sollten die Jungs von Trainer Volker Mudrow auch das kommende Heimspiel gegen den TV Großwallstadt gewinnen (Anwurf: Fr., 07. März 2008 um 19.30 Uhr, RITTAL Arena Wetzlar), dürften sie das Abstiegsgespenst wohl endgültig aus Mittelhessen vertrieben haben.
Wer aber denkt, so viel Erfolg sorge bei den Verantwortlichen des Traditionsvereins ausnahmslos für Feierstimmung, der sieht sich getäuscht. Dem sportlichen Leiter Rainer Dotzauer treiben die vielen positiven Schlagzeilen rund um das HSG-Team nämlich auch Sorgenfalten auf die Stirn. Wir haben uns bei dem 60-jährigen über die Gründe erkundigt.
Frage: „Herr Dotzauer, in der Handball-Bundesliga haben Sie derzeit sicherlich viele Neider! Die HSG Wetzlar spielt mit einer jungen Mannschaft in einer der modernsten Handball-Arenen Deutschlands und hat den Klassenerhalt beinahe geschafft. Trotzdem machen Sie sich Sorgen, warum?“
Rainer Dotzauer: „Also, zunächst einmal, damit das nicht falsch rüber kommt – ich bin sehr stolz auf das, was unser Team in der bisherigen Saison geleistet hat. Damit hätte sicherlich kaum einer gerechnet! Es ist toll, wie sich die Mannschaft derzeit in der stärksten Handball-Liga der Welt präsentiert und behauptet. Ich bin mir sicher, dass gerade unsere jungen Spieler noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angelangt sind. Da könnte etwas zusammenwachsen, an dem die Handball-Fans in und um Wetzlar noch sehr viel Spaß haben werden. Aber wir dür-fen uns vom aktuellen Tabellenstand und Euphorie rund um den Verein nicht blenden lassen – denn genau dann werden erfahrungsgemäß die größten Fehler gemacht!“
Frage: „Wie meinen Sie das?“
Rainer Dotzauer: „Zum einen haben wir den Klassenerhalt immer noch nicht sicher. Dazu fehlen uns Minimum noch zwei Punkte! Und zum anderen sollte man die Ansprüche nicht zu hoch schrauben! Klar sind es derzeit auch nur zwei Punkte, die uns auf Platz 8 fehlen, der die Qualifikation für den Europapokal bedeuten könnte, aber daran sollten wir wirklich nicht zu viele Gedanken verschwenden. So sehe ich das, aber so sieht es nicht jeder! Es vergeht derzeit kein Tag, an dem ich nicht nach der notwenigen Platzierung für den Europapokal oder spektakulären Neuzugängen für die neue Saison gefragt werde. Das zeigt, dass viele unseren finanziellen Spielraum nicht kennen! Es tut zwar gut, wenn einem jetzt viele auf die Schulter klopfen, aber das bringt uns keinen Euro mehr in die Kasse. Aktuell ist die Situation leider immer noch so, dass wir trotz der sportlichen Erfolge und des tollen Zuschauerzuspruchs in der RITTAL Arena unseren Etat für die laufende Saison nicht ganz gedeckt haben. Es hapert nicht am Besuch der Fans oder dem Engagement der Kleinsponsoren, sondern an der Unterstützung der heimischen Großunternehmen. So lange wir die nicht im Boot haben, wird es für uns schwer mit der aktuellen Entwicklung im Handball mitzuhalten!“
Frage: „Aber woran liegt es, dass die HSG zwar über einen stolzen Sponsorenpool aus dem Mittelstand verfügt, aber die großen Fische aus der Region nur selten Interesse zeigen als Sponsor einzusteigen?“
Rainer Dotzauer: „Tja, wenn wir das wüssten, dann würden wir es versuchen zu ändern! Wir stellen eine junge, sympathische Mannschaft mit vielen deutschen Talenten, wie zum Beispiel Timo Salzer, Michael Allendorf, Nikolai Weber oder Sebastian Weber, aber auch interessanten ausländischen Spielern wie dem Israeli Avishay Smoler oder dem erst 17 Jahre alten Serben Petar Djorjdic. Dazu haben wir mit Volker Mudrow einen der besten deutschen Trainer. Also, das hat schon eine hohe Qualität, um die uns viele Vereinsverantwortliche in der Handball-Bundesliga beneiden. Aber genau das birgt auch seien Gefahren. Erfolg weckt nämlich Begehrlichkeiten! Jetzt wird nach unseren Spielern geschaut und die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Teams aus dem oberen Drittel der Tabelle keine Skrupel und das nötige Scheckheft haben, um Spieler aus laufenden Verträgen heraus zu kaufen. Es wäre fatal, wenn wir uns aus finanziellen Gründen von Spielern trennen müssten und diese tolle Mannschaft somit auseinander fallen würde. Das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern!“
Frage: „Das hört sich ja drastisch an! Gibt es denn schon konkrete Anfragen anderer Vereine?“
Rainer Dotzauer: „Nein, das noch nicht! Aber wir dürfen nicht so blauäugig sein und denken, nur weil die Jungs bei uns langfristige Verträge haben wären sie nicht im Visier anderer, finanzkräftiger Teams. Unser Ziel muss sein, die HSG Wetzlar auf ein finanziell solides Fundament zu stellen, um diese schlagkräftige Truppe zusammen halten und punktuell verstärken zu können. Aber dafür bedarf es der Unterstützung aus der heimischen Wirtschaft! Dass unsere Arbeit nicht unbeobachtet bleibt, zeigt die Tatsache, dass wir beim Heimspiel gegen Großwallstadt am kommenden Freitag Entscheidungsträger europaweit agierender Großunternehmen in der RITTAL Arena zu Gast haben, die sich für ein Engagement bei der HSG Wetzlar interessieren. Nur kommen diese eben nicht aus der Umgebung! Wir hoffen, dass es uns gelingt sie von unseren sportlichen und wirtschaftlichen Strukturen zu überzeugen und für ein Sponsoring gewinnen zu können. Vielleicht erreichen wir hierdurch eine Initialzündung bei den Großunternehmen der Region. Das würde ich mir für die HSG Wetzlar wünschen!“
Frage: „Wenn ich Sie also richtig verstehe, wird die HSG Wetzlar zur kommenden Saison keine großen Sprünge in Sachen Neuverpflichtungen machen können!“
Rainer Dotzauer: „So wie es derzeit aussieht eher nicht! Wir werden versuchen die Mannschaft in der jetzigen Konstellation zusammen zu halten und sie, neben dem bereits verpflichteten Petar Djordjic auf ein bis zwei Positionen zu ergänzen. Ob die finanziellen Mittel aber reichen werden, um potentielle Verstärkungen verpflichten zu können, muss sich noch zeigen. Es ist wirklich sehr schade, dass uns da derart die Hände gebunden sind, denn wir haben uns durch die tollen sportlichen Leistungen einen Status erarbeitet, den es in Wetzlar so bisher noch nicht gab. Früher mussten wir Spielern hinterher laufen und sie beinahe überreden zu uns zu kommen. Heute ist Wetzlar ein gefragter Verein! Viele aufstrebende Spieler würden zu uns kommen wollen, weil sie gemerkt haben, dass sie hier in einem solide geführten Verein ihre Spielanteile bekommen und sich weiterentwickeln können. Leider fehlt uns derzeit aber das nötige Geld, um diese zu verpflichten! Deshalb wird es für uns wichtig sein, die Spieler des aktuellen Kaders auf Dauer halten zu können, denn nur so wird es uns möglich sein uns entsprechend weiterzuentwickeln. Dafür brauchen wir aber einen höheren Etat!“