Strukturen schaffen: Ab 2013 sollen über 4000 Fans den VfL erleben
Dank der Hilfe von Fans und großzügigen Förderern aus der Region hat der VfL Gummersbach die Bundesliga-Lizenz erhalten und kann eine Saison der TOYOTA Handball-Bundesliga zum ersten Mal seit Jahren ohne die erdrückenden Altschulden angehen. Die nächste gute Botschaft: Der VfL bekommt endlich die neue Halle. Doch nicht nur die Aussicht auf die "Schwalbe-Arena" erfordert jetzt Umbauarbeiten an der Basis sportlichen Erfolges. Welche erklären Peter Kammer, neuer Geschäftsführer der VfL Marketing Gummersbach GmbH und Mitgründer der VfL-Akademie, sowie Axel Geerken, VfL-Manager.
Die Rettung und Sanierung ist geglückt. Wie geht's jetzt weiter?
AXEL GEERKEN: Stimmt wir haben die Lizenz gerettet und haben die finanziellen Altlasten abgetragen. Aber jede Situation hat auch ihre Ursachen und hier gilt es anzusetzen. Der VfL hat hier eine Solidaritätswelle erlebt, die absolut außergewöhnlich war. Dies nur als Rettung zu verstehen, wäre falsch. Es ist ein klarer Auftrag an den VfL Gummersbach.
... in Zukunft nicht mehr über die Verhältnisse zu leben?
AXEL GEERKEN: Genau. Den zweiten Schritt nach der Entschuldung haben wir gemacht, indem wir eine Mannschaft auf das Feld schicken, die sich der VfL auch wirklich leisten kann. Anders als in der Vergangenheit wird das VfL-Trikot nun in erster Linie von jungen, entwicklungsfähigen Spielern getragen.
Aber kann so ein Team in der Bundesliga bestehen?
AXEL GEERKEN: Das bestimmt. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die finanzielle Konsolidierung einen sportlichen Preis fordert. Eine junge Mannschaft wird zwangsläufig Rückschläge erleben und auch Spiele verlieren, die man mit zigfachen Nationalspielern wie Stojanovic und Vukovic hinten heraus doch noch gewonnen hätte. Aber wir können nur mit jungen und talentierten Spielern die Basis für eine erfolgreiche Zukunft legen. Alles andere wäre unerhlich und wir stünden absehbar wieder dort, wo wir schon im Mai waren. Bevor die neue Halle nicht steht und sich dadurch andere Möglichkeiten ergeben, müssen wir auch sportlich den Gürtel enger schnallen.
Aber ist denn alles so falsch gewesen bisher? Der VfL hat immerhin die drei sportlich erfolgreichsten Jahre seit Beginn der 1990er hinter sich.
PETER KAMMER: Wir sprechen nicht von richtig oder falsch. Die Frage ist aber, ob wir auch in Zukunft erfolgreich sein können. Der VfL hat nicht den einen Mäzen! Deshalb müssen wir uns den sportlichen Erfolg erarbeiten, indem wir wirtschaftlich erfolgreich sind. Nur so können wir eine Mannschaft aufstellen, die irgendwann wieder um die großen Titel spielen kann.
Und wie wollen Sie den VfL wirtschaftlich erfolgreich machen?
PETER KAMMER: Wirtschaftlich erfolgreich sein, heißt für den VfL Gummersbach sportliche Ziele sicher finanzieren zu können. Dies kann nicht nur durch die Zusammenstellung der Mannschaft erreicht werden, auch die Struktur muß verändert werden. Dafür müssen wir uns vor allem dem Verhalten unserer Kunden, der Fans und Sponsoren, anpassen. Denn die finanzieren den Sport. Die erwarten von uns, dass das Unternehmen VfL Gummersbach "on-Demand" funktioniert. Denn Reaktions- und Lieferzeiten, Kauf- und Entscheidungsverhalten haben sich in den letzten 10 Jahren auch in der Region gewaltig verändert.
Heißt konkret?
PETER KAMMER: Nehmen wir die neue Halle. Die wird nicht nur eine deutlich bessere Spielstätte sein. 4000 Zuschauer und die Gäste in sieben Logen erwarten davon auch einen Sprung nach vorne in Sachen Service, Komfort, Emotion und Atmosphäre. Das fängt bei der Werbung für die Spiele an, betrifft das Ticketing und hört bei der Gastronomie am Spieltag auf. Am Ende kann nur das Gesamtpaket VfL Gummersbach erfolgreich sein.
Mit anderen Worten: Der VfL Gummersbach muss mehr Dienstleister werden?
AXEL GEERKEN: Richtig. Diese Frage beschäftigt uns sehr. Wir wissen, dass der Sport im Mittelpunkt stehen muss, die Emotion und die Leidenschaft für diesen Sport und den Verein Markenzeichen sind. Aber wir müssen uns auch in die Lage versetzen, spätestens in der neuen Halle 4000 Fans den VfL erleben zu lassen. Wer hohe Erwartungen erfüllen will, muss eine Struktur haben. Deshalb werden wir den VfL zertifizierungsfähig machen.
Wie zertifiziert man einen Handball-Bundesligisten?
PETER KAMMER: Alle internen Abläufe und der Umgang mit unseren Fans und Sponsoren wird in ein Regelwerk gefasst werden. Viele Regeln und Abläufe sind allgemeingültig in Unternehmen, auch bei einem Bundesligisten. Es geht nicht darum, den VfL in ein Regelwerk zu pressen, sondern darum unsere Abläufe wie sie heute sind, dauerhaft zu verbessern und zu optimieren. Die damit festgestellte Qualität in Sachen interner Organisation und externem Kundenkontakt wollen wir dauerhaft gewährleisten und uns dieser Kontrolle dann jedes Jahr aufs Neue stellen. Es ist uns wichtig, dass jemand von außerhalb und unabhängig ein kritisches Auge darauf hat. Paart sich diese professionelle Unternehmensstruktur dann mit der bedingungslosen Leidenschaft der Menschen im und um den Club für den Handball, dann entsteht doch das, was wir alle wollen und suchen.
Sie sind Mitgründer der vielbeachteten VfL-Akademie. Die Nachwuchsschmiede soll jetzt noch enger mit der Handball GmbH, dem Profigeschäft, zusammenrücken. Aber ist Nachwuchsarbeit mit rein unternehmerischen Grundsätzen zu machen?
PETER KAMMER: Wir beabsichtigen keine Kernschmelze. Hier verschwindet nicht der Eine in dem Anderen. Die Besonderheit des VfL Gummersbach besteht darin, dass hier ein starker unabhängiger Jugendbereich aufgebaut wurde, der auch wesentliche gesellschaftliche Aufgaben wahrnimmt. Dies ist so einmalig in der Handball-Bundesliga. Bei der Zusammenführung von Nachwuchsarbeit, die aufgrund der nicht immer gradlinigen Entwicklung von Jugendlichen mitunter schwer kalkulierbar ist, und dem stetigeren Bundesligageschäft geht es um eine bessere Koordination, um ein zielgerichtetes Handeln und ein einheitliches Auftreten als ein Club. Sozusagen als VfL-Familie. Jeder bringt seine Stärken ein und alle identifizieren sich ganz klar als und mit dem VfL Gummersbach.
Wer gehört außer Profiabteilung und Nachwuchs noch zur VfL-Familie?
PETER KAMMER: Fans und Sponsoren, die hier bei uns auch regelmäßig Fans sind. Sie alle wollen wir noch stärker einbinden, damit sie auch untereinander profitieren. Unter der Marke "VfL" bringen wir Unternehmen mit anderen Unternehmen und Kunden zusammen. Das, was man heute B2C und B2B - Verhältnisse nennt, findet beim VfL statt. Ab 2013 in einer neuen tollen Halle.
Wie soll die Akademie den neuen Weg des Handball-Bundesligisten VfL Gummersbach unterstützen?
AXEL GEERKEN: Idealerweise natürlich durch die Ausbildung bundesligafähiger Handballer. Wichtig ist aber, dass Profiabteilung und Akademie unterschiedliche Profile und damit andere Zugänge zu den verschiedenen Zielgruppen haben. Das ermöglicht dem VfL Gummersbach als einem Club eine sehr breite Wirkung. Wenn man sieht, wie erfolgreich sich die Akademie in der Region über Kooperationen mit Unternehmen und Organisationen vernetzt hat, dann wird einem schnell klar, dass mit Hilfe der Profiabteilung dieses Netzwerk richtig belebt werden kann. Auf der anderen Seite hat die Profiabteilung damit aber auch einen Zugang zu Zielgruppen, den sie sich so niemals erarbeiten konnte. Am Ende gewinnen Region, Akademie und Profiabteilung.