Ach ja, das war eindeutig ein EM-Ende mit Schrecken. Die Vorjahres-Märchen-Helden sind mit Karacho gegen die schonungslose Medienwand geklatscht und nun liest und hört man nur noch so unschöne Worte wie Debakel, Fiasko und Desaster. Nebenbei steht, zu allem Übel, auch noch unser aller Lieblingstrainer am Pranger. Oh je!
Ich gebe Heiner Brand Recht - es ist wohl ein Einstellungsproblem.
Nicht mal 12 Monate ist es her, da haben die Handballer den größten Triumph ihrer Karriere gefeiert – Weltmeister im eigenen Land, mit einer noch nie da gewesenen Euphoriewelle und einer unglaublicher Resonanz. Handballer in fußballparadiesischen Traum-Gefilden.
Wurden Spieler (und auch der Bundestrainer) anschließend nach ihren weiteren, bedeutsamen Zielen befragt, antworteten alle unisono: Olympia 2008. Einige erwähnten noch erhoffte Vereinserfolge und….. ach ja, dazwischen ist ja auch irgendwie noch so ´ne EM. Irgendwie so… - spielten sie auch.
Die Bedeutsamkeit dieser EM scheint ein wenig im vergangenen Triumph und in der Erwartung auf das diesjährige olympische Großereignis untergegangen zu sein. Das soll keineswegs heißen, dass ich der Meinung bin, die Mannschaft hätte die Medaille nicht gewollt. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass sie sogar liebend gern Europameister geworden wären. Doch entscheidend ist nicht der Wille allein, sondern wie weit man dafür zu gehen bereit ist. Geht man bis an die Grenze oder darüber hinaus?
Und da fehlte es einfach. Der Biss in allerletzter Konsequenz war nicht vorhanden (und zwar bei allen Spielern). Besonders sichtbar wurde dies bei Spielen, wo die Mannschaft deutlich zurücklag (gegen Spanien und gegen Frankreich im „kleinen Finale“). Unbändiger Kampfgeist wich dort zusehends einer aufkeimenden Resignation. Das ist vielleicht nicht besonders schön, aber es ist verdammt menschlich.
Was ist also zu tun? Die Zuckerbrot-Motivations-Methoden des Chefmotivators Löhr scheinen dort an ihre Schaka-Genzen zu stoßen. Zwar wurden seine Weisheiten gern in Interviews heruntergebetet („wir schaffen das“, „wir sind ein tolles Team“, „wir lassen uns nicht unterkriegen“) aber so recht danach gehandelt wurde nicht. Nun ja, es sieht so aus, als wäre da der Internalisierungsprozess ein wenig fehlgeschlagen.
Nun tritt also Heiner Brands Motivationsplan B in Kraft: Die Peitsche! Bist du nicht willig, so schmeiß ich dich raus! Das ist nicht sehr nett, aber unter Umständen durchaus effektiv. Denn in Zeiten relativ identischen Niveaus der internationalen Topteams, mag gerade die Einstellung und Kampfbereitschaft der entscheidende Faktor über Sieg und Niederlage sein.
Bezeichnend dafür ist, dass das Team gewonnen hat, dass am weitesten mit dem Rücken zur Wand stand. Die ewigen Dritten, die chronisch belächelt wurden, wegen ihres permanenten Nervenflatterns, in entscheidenden Situationen. Die Mannschaft, die noch nie ganz oben stand, die unbedingt etwas beweisen wollte und mit gnadenlosem Einsatz für dieses Ziel gekämpft hat. Ganz ähnlich, wie die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2007.
Tja, aus unseren märchenhaften Handball-Kampfmaschinen sind nun binnen weniger Stunden ganz unheldenhafte Verlierer geworden, die jetzt auch noch von ihrem Trainer dafür abgestraft werden, dass sie nicht in der Lage waren, sich über alle Widrigkeiten hinweg, bis über die Leistungsgrenze hinaus zu motivieren. Im hochleistungssportlichen Sinne, ist so eine Maßnahme sicher nachvollziehbar. Aus menschlicher Sicht, jedoch fragwürdig. Denn erfolgreiche Dauermotivation bei Dauerbelastung erscheint mir äußerst unrealistisch. Vielleicht muss man sich als Zuschauer, als Medienvertreter und eventuell auch als Bundestrainer einfach damit abfinden, dass auch Leistungssportler nur Menschen sind, die eben auch mal resignieren und nicht punktgenau funktionieren! Und - man mag es mir verzeihen - gerade das finde ich bei Top-Sportlern äußerst sympathisch. Aber ich bin mir sicher, Heiner Brand wird die Mannschaft schon wieder auf den richtigen Motivationspfad führen.
Und nun heißt es abermals beißen. Denn für viele geht es noch um die Meisterschaft, den DHB-Pokal, Champions-League und natürlich in sechs Monaten - um Olympia. Spätestens dann, lässt sich das angeknackste Heldenimage wieder geradebiegen. Und sollte es nicht ganz so hinhauen, gibt es kurz darauf die Chance den Weltmeister-Titel zu verteidigen. Falls auch das nicht klappt, was soll ´s, 2010 ist wieder EM, da geht es um Wiedergutmachung für das aktuelle Debakel. Und danach…..