@TCLIP:
brodie79 hat sachlich seine Zweifel und Kritikpunkte bzgl. der Studie zur Wirksamkeit der Maskenpflicht am Beispiel von Jena dargelegt, die sich u.a. auf persönliche Erfahrungen direkt aus Jena stützen. Dabei hat brodie79 zu keinem Zeitpunkt für sich in Anspruch genommen, dass seine Anmerkungen wissenschaftlich fundiert und objektiv seien, sondern darauf hingewiesen, dass seine subjektive Wahrnehmung sich nicht mit der Prämisse der Studie deckt.
In Medien, deren Fokus nicht auf wissenschaftlichen Themen liegt, beschränkt sich die Berichterstattung über derartige Studien leider oftmals auf eine schlichte Wiedergabe von Pressemitteilungen. Daher habe ich mir das zugrunde liegende Paper (LINK) durchgelesen. Zunächst einmal wurde es nur als "Discussion paper"eingereicht und nicht als vollwertige Studie inklusive peer review. Das ist nicht ungewöhnlich, aber bezüglich der Verlässlichkeit der Ergebnisse sollte im Hinterkopf beahlten werden, dass es keinen entsprechenden externen Überprüfungsprozess durchlaufen hat. Grundsätzlich klingen (für mich persönlich als Fachfremden) die angewendeten Methoden für die Überprüfung der künstlichen Vergleichsgruppe zur Stadt Jena plausibel und es scheinen auch diverse Standardmethoden zur Validierung der Ergebnisse angewendet worden zu sein. Die Autoren gehen selbst auf mögliche Schwachpunkte ein, geben bei ihren Ergebnissen entsprechend große Spielräume ein und benennen die Notwendigkeit in weiteren Studien die Ergebnisse z.B. anhand anderer Länder oder anderer Schutzmaßnahmen zu überprüfen und zu erweitern.
Aber natürlich gibt es grundsätzliche Probleme bei derartigen Studien.
Untersuchungen bei denen die Fallzahlen klein sind in Relation zur Größe der untersuchten Gruppe unterliegen leider statistischen einer enorm großen Fehleranfälligkeit. Kleinste Schwankungen in den absoluten Zahlen führen zu großen relativen Änderungen und beeinflussen massiv das Ergebnis. In der Studie wird Jena als geeignete "Beispielstadt" genannt, u.a. weil am 05. April die Anzahl der Coronafälle in Dresden (126,9 pro 100.000 Einwohner) ähnlich dem bundesweiten Durchschnitt (119,3 pro 100.000 Einwohner) war. Nun wissen wir aber, dass - und das schreiben die Autoren der Studie wenig später auch selber - die Ausbreitung von Covid-19 nicht homogen verlaufen ist, sondern vorallem durch lokale Hotspots und Super-Spreading-Events geprägt war. Sofern brodie79s Aussage stimmt, dass 40% der Fälle an diesem Stichtag auf eine heimkehrende Reisegruppe zurückzuführen sind, dann hätte dies einen deutlichen Effekt auf die Grundannahme zur Vergleichbarkeit.
Auch die Erstellung der künstlichen Vergleichsgruppe anhand anderer deutsche Städte, die auf Basis einzelner Faktoren (u.a. Bevölkerungsdichte, Demographie, etc.) ausgewählt und gewichtet wurden, ist diskussionswürdig. Die Forscher haben diese Vergleichsstädte sicherlich nach bestem Wissen und Gewissen ausgewählt und haben Faktoren berücksichtigt, die nach aktuellem Wissensstand für die Ausbreitung von Covid-19 relevant sind. Aber der Vergleich mit der Covid-19-Ausbreitung in anderen Ländern zeigt, dass wir derzeit noch viel zu wenig wissen, um zuverlässig sagen zu können welches die wirklich entscheidenden Faktoren dafür sind, dass die Fallzahlen pro 100.000 Einwohner in einem Land gering und im anderen Land mit scheinbar ähnlichen Randbedingungen viel höher sind. Daher ist es derzeit auch nicht möglich abschließend zu beurteilen nach welchen Kriterien die Städte für die künstlichen Vergleichsgruppe wirklich gewichtet werden müssten.
Teilweise fließen Städte wie z.B. Darmstadt zu mehr als 50% in die künstlichen Vergleichsgruppe ein, so dass ein zufälliges Super-Spreading-Event dort während des Beobachtungszeitraums die Ergebnisse massiv beeinflusst hätte - so wie es potentiell auch die Reisegruppe in Jena getan hat.
Die Studie ist ein Mosaiksteinchen auf dem Weg dahin den richtigen Umgang mit SARS-CoV-2 zu finden, aber sollte nicht isoliert als allgemeingültige Erkenntnis betrachtet weden, wie bei vielen Medienberichten der Eindruck entsteht.