Der packende Kampf um Europas Handball-Thron
Handball. Am Sonntag heißt es Vorhang auf für das erste Gipfeltreffen um den Titel der "weltbesten Vereinsmannschaft".
FLENSBURG. Der Weltmeisterschafts-Song "Wenn nicht jetzt, wann dann?" von der Kölner Kult&-Band "De Höhner" bekommt in diesen Tagen ein weiteres Mal große Aktualität. Wenn am Sonntag das erste Final-Spiel der Champions League zwischen der SG Flensburg-Handewitt und dem THW Kiel um 17.30 Uhr in der Campushalle angepfiffen wird, drückt der musikalische Ohrwurm treffend die Situation im Lager der Gastgeber aus.
Angesichts der großen Verletztenmisere des frischgekürten DHB-Pokalsiegers aus Kiel befindet sich die SG bei allen eigenen Gesetzen, die dieses Landes-Derby seit jeher besitzt, in der Favoritenrolle. Auch wenn das niemand im Hause der SG gerne hören und schon gar nicht akzeptieren will. Die Chance sich den Titel der "weltbesten Vereinsmannschaft 2007" nach Flensburg zu holen, ist einmalig groß.
Zurückhaltung
In Flensburg übt man sich bislang in Zurückhaltung und ist bemüht von einem Gipfeltreffen mit offenem Ausgang zu reden. "Eine historische Chance um Umsterblich zu werden", ist dabei die spektakulärste Äußerung, zu der sich Thorsten Storm verleiten ließ.
Der scheidende SG-Manager erinnerte an den steinigen Weg, den die SG hinter sich gebracht hat um nach 2004 zum zweiten Mal nach der europäischen Krone im Vereinshandball mit beiden Händen greifen zu können. "Wir wollen diesen Titel unbedingt, er ist der einzige, der in unserer Sammlung fehlt. Das ganze Team fokusiert auf diese beiden Spiele und will die größte Mannschaft werden, die die SG je gestellt hat."
Weitaus weniger werden Aspekte wie Kraft, Taktik oder die Verletzenmisere das "königliche Finale" entscheiden, sondern eher die Psyche. "Das Finale wird zu 80 Prozent im Kopf entschieden", ist der Manager überzeugt.
Und gerade in diesem Punkt sorgt der Ausfall von THW-Star Stefan Lövgren für reichlich Wirbel.
Aufgrund der schweren Verletzung (Sehnenabriss eines Muskels aus der Adduktoren-Gruppe) steht der "Leitwolf" seinem "Rudel" ausgerechnet in den wichtigsten Spielen der Saison, ja vielleicht seiner ganzen Karriere nicht zu Seite. "Persönlich gesehen finde ich es wirklich schade, dass Stefan ausfällt. Er ist ein Super-Typ. Rein sportlich betrachtet ist sein Ausfall allerdings kein Nachteil für uns", befindet Storm.
Aus der Landeshauptstadt folgten prompt die Neuverteilung des Kräfteverhältnisses und die Verkündung alter Zielsetzungen. "Mit ihm wären wir der Favorit gewesen, so sind wir es nicht mehr. In erster Linie tut es mir leid für Stefan. So ein Finale ist etwas Großes für einen Sportler und Stefan hätte es verdient gehabt, dabei zu sein. Deshalb will ich diesen Cup für ihn gewinnen", sagte THW-Star Nikola Karabatic. Der 23-jährige brennt darauf nach 2003 (mit Montpellier) nun mit dem Bundesliga-Spitzenreiter die Champions League zum zweiten Mal zu gewinnen.
Und das, obwohl mit Lövgren nach Spielmacher-Kollege Viktor Szilagyi, Rückraum-Shooter Lars Krogh Jeppsen, Weltmeister-Keeper Henning Fritz und Kreisläufer-As Markus Ahlm bereits der fünfte Stammspieler des THW ausfallen wird.
Erfindungs-Reichtum muss nun THW-Trainer "Noka" Serdarusic beweisen, um die großen Lücken zu schließen. Linksaußen Dominik Klein auf der zentralen Rückraum-Position aufzubieten, ist dabei nur eine Option. Desweiteren ist auch ein Einsatz von Kim Andersson als Spielgestalter denkbar.
Den arg geschrumpften Kader des THW Kiel und der damit verbundenen Schwächung des Gegners kommentiert die SG hingegen nicht weiter. "Wir müssen auf unseren Spielmacher Ljubomir Vranjes verzichten. Das ist ein Problem für uns. Überhaupt schauen wir auf uns und nicht nach Kiel. Der THW ist aber auch ohne Lövgren ein schwerer Gegner", erklärt SG-Coach Kent-Harry Andersson.
Allerdings befindet sich das Team des Schweden rein numerisch betrachtet klar in der Überzahl.
Mit Ausnahme des im Hinspiel gesperrten Vranjes kann Andersson seinen kompletten Kader aufbieten, wobei hinter dem Einsatz von Blazenko Lackovic ein deutliches Fragezeichen bleibt. Der Kroate klagt schon seit der WM über Kniebeschwerden (Meniskusanriss) und wird die Duelle gegen den THW Kiel nur mit schmerzstillenden Medikamenten bestreiten.
Zeitnah nach dem Rückspiel in Kiel (29. April) muss sich der Rückraum-Shooter einer Operation unterziehen und wird damit der SG im Meisterschafts-Endspurt fehlen.
Comeback in Sicht
Sein Comeback geben wird wohl Frank von Behren.
Rund sechs Monaten nach seinem erlittenen Kreuzbandriss meldet sich der Nationalspieler rechtzeitig wieder einsatzbereit und scheint sogar gute Chancen auf einen Einsatz am Sonntag zu haben. Dazu Andersson: "Ich wäre nicht überrascht, wenn Frank ein bisschen spielen würde."
Auf Seiten des THW, der ebenso wie die SG zum zweiten Mal das Endspiel der Königsklasse erreicht hat, sind nur noch zehn "Zebras" einsatzbereit.
"Egal, wie und was passiert. Das Finale wird erst im Rückspiel in Kiel entschieden", gibt Thorsten Storm zu bedenken. An diesem ohnehin außergewöhnlichen 29. April 2007 möchte sich die SG den größten Wunsch aller Zeiten erfüllen - die begehrteste Trophäe im Vereins-Handball gewinnen. Und für Kent-Harry Andersson gäbe es wohl auch keinen passenderen Tag für dieses sportliche Großereignis - der Schwede feiert am kommenden Sonntag schließlich seinen 58. Geburtstag.
Volker Metzger