System steht zur Debatte
Die SG Wallau-Massenheim, der wie dem Tusem die Lizenz im zweiten Anlauf verweigert worden ist, wird dem Liga-Konkurrenten folgen und vor ein ordentliches Gericht ziehen. Am kommenden Donnerstag wollen die Essener beim Landgericht Dortmund eine Einstweilige Verfügung für die Zugehörigkeit zur der Eliteklasse erwirken.
Im Lizenzvertrag ist ein solcher Schritt zwar nicht vorgesehen, da haben alle Mitglieder der Handball-Bundesliga (HBL) das Ständige Schiedsgericht des DHB als letzte Instanz schriftlich anerkannt. Dennoch ist die Entscheidung nur konsequent und nachvollziehbar. Nicht nur, weil das Schiedsgericht zunächst erst Mitte Juli über die Zukunft befinden wollte. Ein Husarenstück, über das man nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Denn nicht nur der Tusem und dessen Spieler, sondern auch alle Konkurrenten brauchen möglichst schnell eine Planungsgrundlage. Nun tagt das Gremium am 30.Juni.
Der letzte Akt für den DHB, doch allein nach Dortmund, so ist zu befürchten, könnte es weiteres Theater geben, weil eine Berufung möglich ist. Wie auch immer diese Geschichte endet, der Handball leidet. Allein, dass die HBL-Vorstand in seiner Form Verdachtsmomente ermöglicht, macht das System angreifbar, stellt es infrage. Im Verwaltungsalltag hat es funktioniert, doch der Existenzkampf fördert Schwächen zutage.
Der Tusem hat kräftig ausgekeilt gegen die HBL, fehlende Objektivität und unfaire Behandlung kritisiert. Nun jault die HBL auf. "Die Solidargemeinschaft ist höchst belastet", meint HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. "Das ganze Lizensierungsverfahren steht auf dem Prüfstand", behauptet Andreas Thiel, der Justitiar der Liga, der selbst Ende der letzten Woche erneut feststellte, dass in Sachen Tusem "keine prüfbaren Unterlagen" vorlägen.
Bilanzen und Vermögensaufstellungen auf den eingereichten Papieren müssen von Wirtschaftsprüfern testiert sein. Beim Tusem soll aber lediglich Essens Handball-Chef Klaus Schorn signiert haben. Nur, so fragt man sich, und das ist eine von vielen Ungereimheiten in diesem Trauerspiel: Der Tusem muss doch seine Unterlagen für die zweite bzw. dritte Instanz aufbereitet und präzisiert haben, nachdem ihn das erste Urteil auf den entscheidenden Mangel hingewiesen hat?
Überhaupt: Der Tusem hält seit langem engen Kontakt zur HBL. Schorn hat die fatale Situation um den säumigen Hauptsponsor offen dargelegt, um gemeinsam einen Lösungsweg zu finden. Davon redet die HBL kaum noch, sondern beruft sich lediglich auf die Fakten."In diesem Jahr wurde erstmals Konsequenz bewiesen. Wir haben uns an den Wortlaut der von der Mitgliederversammlung der HBL beschlossenen Richtlinien gehalten," wird Thiel bei Sport1 zitiert. "Wir haben anhand der Regelungen formell und materiell die einzig richtige Entscheidung getroffen."
Tusem-Präsident Ulrich Gaißmayer hat in einem zum Teil polemischen Brief an DHB-Präsident Ulrich Strombach unter anderem Formfehler und Satzungsverstöße der HBL angeprangert. Möglicherweise ein wichtiger Ansatzpunkt für das Landgericht. Strombach indes wird nicht eingreifen, wie es Gaißmayer fordert. "Ich werde einen Teufel tun. In bin irritiert darüber, dass einige Leute die Rechtslage nicht kennen und ein Einschreiten des Präsidiums verlangen."
WAZ-Online vom 19.06.2005