"Ich brauche nun Männer"
"Hör mir doch zu!" Das scheint Tusem-Trainer Ion Bondar in Richtung Igor Sharnikau (l.) zu flehen. Fotos (2): WAZ, Michael Gohl
Nach der 22: 26-Niederlage im Spitzenspiel gegen den Bergischen HC stellt sich Tusem-Trainer Ion Bondar nicht mehr schützend vor seine Mannschaft. Es hagelte saftige Einzelkritik
HANDBALL 2. BUNDESLIGA Wenn Ion Bondar betont leise und bedächtig spricht, weiß der neutrale Beobachter, dass der sonst so impulsive Tusem-Trainer in diesen Momenten in seinem Inneren zürnt und kocht. Seine Analyse nach dem 22:26 gegen den Bergischen HC (Spielbericht siehe unten) fiel schonungslos aus. Erstmals stellte sich Bondar nicht mehr schützend wie ein Fels in der Kritiker-Brandung vor seine Mannschaft. Nein, er selbst war es, der Wogen der Entrüstung ohne Gnade auf die Spieler schwappen ließ.
Bondars ernüchternde Bestandsaufnahme nach Spielschluss gipfelte in dem Satz: "Ich brauche nun Männer auf dem Feld." Nach einer kleinen Atempause hatte jeder der Zuhörer in der Pressekonferenz mit dem Nachsatz "Und keine Memmen" gerechnet. Ausgesprochen hat der Coach ihn zwar nicht. Gemeint hat er es aber trotzdem so.
Zielscheibe Nummer eins des Verbal-Scharfschützen Bondar: die Riege der Leistungsträger. "Wir hatten heute keinen Rückraum", sagte er - und nahm dabei vor allem Eryk Kaluzinski ins Visier. Noch am Mittwoch beim Sieg über Bietigheim hatte der Torjäger der Vorsaison eine Top-Leistung aufs Parkett gelegt. Im Knüller gegen den in der Tabelle nun noch näher herangerückten Verfolger aus dem Bergischen glich der Pole nach seinem dritten Fehlversuch einem Nervenbündel, das kaum noch einen Ball fangen, geschweige denn diesen im Gegner-Tor unterbringen konnte.
"Eryk schwebte wohl noch auf Wolke sieben. Ich hatte ihn gewarnt, er müsse diese gute Leistung erst im Spitzenspiel bestätigen. Das hat er leider nicht getan", so Bondar, der auch Kaluzinskis Fingerbruch nicht als Ausrede gelten lassen wollte. Mit diesem habe er ja zuvor bewiesen, zu welchen Leistungen er fähig sei.
Doch auch Ersatzmann Igor Sharnikau - der im gesamten Saisonverlauf erst sehr wenig Spielanteile erhalten hat, von Bondar wegen Kaluzinskis erkennbarer Schwächen aber ins kalte Wasser geworfen werden musste - hatte seine Nerven sichtbar nicht im Griff. Vorne mehrere Fangfehler, zudem gravierende Stellungsfehler in der Deckung. Seine Chance, unter zugegeben sehr schwierigen Bedingungen, ließ Sharnikau ungenutzt.
Halldor Sigfusson, der sich in Durchgang eins zumindest noch gemüht hatte, dem Tusem-Spiel etwas Struktur und kreative Momente zu verleihen, saß nach der Pause nur noch auf der Bank. Seine gerade erst ausgeheilte Verletzung in der Oberschenkel-Muskulatur machte sich wieder schmerzhaft bemerkbar. Nun droht ein erneuter Ausfall. Und ohne den Isländer war den Tusem vor allem eines.
Führungslos.
Evars Klesniks und Sergio Ruiz Casanova wollten spätestens nach Sigfussons Ausfall selbst nur noch mit dem Kopf durch die Wand, verhaspelten sich in kraftraubenden 1: 1-Situationen, statt Handball zu spielen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Hinzu kamen diverse Undiszipliniertheiten. So kassierte Kapitän Mark Schmetz eine doppelte Zeitstrafe. Erst gefoult, danach geschimpft. Vier Minuten Zwangspause also. "Ich habe meinen Gegenspieler nur leicht berührt. Und danach habe ich einfach den Frust rausgeschrien und gar nicht die Schiris gemeint. Ich fand beide Entscheidungen viel zu hart", sagte Schmetz.
Etwas mehr Härte und Aggressivität hätte der Tusem indes in seiner Deckungsarbeit an den Tag legen dürfen. Stattdessen wurden die BHC-Spieler fast widerstandslos bis an den Wurfkreis eingeladen. Torwart Gerrie Eijlers, der gegen seine alten Teamkollegen ebenfalls vergeblich nach seiner Top-Form suchte, konnte einem fast ein wenig Leid tun.
"Wir haben den Kampf nicht richtig angenommen und auf der ganzen Linie versagt. Einige hatten heute die Hosen voll. In dieser Verfassung ist der Bundesliga-Aufstieg nicht zu schaffen", beendete Bondar seine Frust-Rede.
Beistand erhielt er von Mark Dragunski. "Ich möchte Ion in Schutz nehmen. Ich habe hinter ihm auf der Bank gesessen und miterlebt, wie er ständig gemahnt hat, ruhiger zu spielen. Aber manchmal ist man von außen einfach machtlos", sagte der nach einer Knie-Operation im Genesungsprozess befindliche 2, 14-m-Kreisläufer. "Unter Druck fällt bei uns derzeit in den Köpfen immer eine Schranke. Vielleicht haben einige gedacht, dass wir nach unserer tollen Vorrunde den Aufstieg geschenkt bekommen. Wir müssen ihn uns aber hart verdienen."
Und wie soll das nach diesem Rückschlag klappen? Dragunski baut sich in seiner vollen Größe auf, als er sagt: "Indem wir nun zeigen, dass wir Männer sind."
11.03.2007 Von Thomas Richter - WAZ
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Fahrkarten-Festival beim Tusem
2. HANDBALL-BUNDESLIGA. 22: 26-Niederlage im Spitzenspiel gegen den Bergischen HC. Trainer Bondar: Hatten die Hosen voll.
Große Kulisse mit rund 3000 Zuschauern in der Sporthalle am Hallo beim Spitzenspiel der Zweiten Handball-Bundesliga zwischen Tabellenführer Tusem und Verfolger Bergischer HC. Der richtige Rahmen für die Essener nach dem Kantersieg am Mittwoch (39:25 über Bietigheim), um seine Vormachtstellung eindrucksvoll unter Beweis zu stellen. Doch weit gefehlt! Konsterniert schlichen die Tusem-Akteure nach dem Schlusspfiff vom Feld, während sich die Solinger von ihrem Anhang feiern ließen und ihr Glück kaum fassen konnten. Mit 26:22 (13:10) hatte der Bergische HC einen hochverdienten Erfolg eingefahren.
"Auswärtssieg, Auswärtssieg", skandierten die Fans aus dem Bergischen Land schon wenige Minuten vor dem Abpfiff nach dem 25:21 des überragenden Spielmachers Mathias Fuchs, der acht Treffer erzielte. Er erstickte damit endgültig die Hoffnungen der Essener, vielleicht doch noch mal in die Nähe eines Punktgewinns zu kommen.
Nach gut vier Minuten hieß es bereits 0:5
Die Zuschauer hatten sich bereits kurz nach Spielbeginn verwundert die Augen gerieben. Vier Minuten und 16 Sekunden waren gespielt, als Tusem-Trainer Ion Bondar seine Mannen zu einer ersten Auszeit zusammenrief. Zu diesem Zeitpunkt führten die Gäste mit 5:0!
Während bei den kampfstarken Bergischen zu Beginn jeder Schuss ein Treffer war, hatte Kapitän Mark Schmetz mit dem ersten Fehlwurf eine Reihe von "Fahrkarten" eröffnet, die sich bei den Margarethenhöhern wie ein roter Faden durch das gesamte Spiel zog und von der kein Tusem-Akteur verschont blieb.
Sicherlich standen einige Male Pfosten und Latte im Weg, doch die Bondar-Truppe fand nie zu ihrem Rhythmus, verkrampfte Einzelaktionen waren an der Tagesordnung.
Dennoch hieß es nach dem Treffer von Evars Klesnik in der 17. Minute 7:7. Doch die Hoffnungen der Essener Fans, damit sei endgültig die Wende eingeläutet, erfüllten sich nicht. Nicht ein einziges Mal gelang es dem Tusem, die Führung zu erobern. Der Bergische HC setzte sich wieder auf 11:7 ab und sorgte stets dafür, dass der Gastgeber einem Rückstand hinterher hecheln musste.
Als Mark Schmetz auf 13:14 (37.) verkürzte, dann aber eine Zeitstrafe kassierte und wegen Meckerns noch einmal zwei Minuten aufgebrummt bekam, war eine weitere Möglichkeit verpasst, das Spiel zu drehen. Bitter zudem, dass Halldor Sigfusson erneut mit muskulären Problemen in Durchgang zwei passen musste.
Auch einige Umstellungen des Trainers brachten kein System ins Angriffsspiel, die Solinger retteten problemlos ihren Vorsprung ins Ziel.
"Riesenkompliment an mein Team. Nur 22 Gegentreffer bei diesem Rückraum der Essener, das ist bärenstark. Der Sieg ist hochverdient", freute sich BHC-Trainer Norbert Gregorz.
"Wir hatten gar keinen Rückraum", klagte Ion Bondar, der anschließend an seinem von ihm vor drei Tagen noch hochgelobtem Team kein gutes Haar ließ. "Für den Aufstieg braucht man richtige Männer. Wir hatten die Hosen voll, das war unser Problem. Wir haben auf der ganzen Linie versagt. Die Schonzeit ist für viele vorbei. Einige haben auf Wolke sieben geschwebt. Ich glaube nach wie vor an uns und werden dafür sorgen, dass wir keine Angst auf dem Platz haben."
11.03.2007 THOMAS SCHRÖER - NRZ