Der Leitwolf
In eine verheißungsvolle Tusem-Zukunft blickt Andrej Siniak. Er soll der Leitwolf im aufmüpfigen Rudel des Aufsteigers sein. Foto: WAZ, Thomas Richter Foto: Imago
Andrej Siniak soll als Mittelmann die Regie im Spiel des Aufsteigers Tusem führen. Der 35-Jährige im WAZ-Interview: "Das Alter allein reicht nicht, um Führungsspieler zu sein. Man muss auch gut sein"
HANDBALL 1. BUNDESLIGA Er soll der neue Leitwolf sein. Er soll das aufmüpfige Rudel des Aufsteigers Tusem durch das hart umkämpfte Revier namens "Handball-Bundesliga" führen und es gegen Angriffe der bissigen Konkurrenz verteidigen. Andrej Siniak verfügt über die Qualitäten, um eine Mannschaft zu lenken. Der 35-Jährige steht bereits vor seiner 13. Saison in der höchsten deutschen Spielklasse. Und im Konzept der Essener hat er eben jene zentrale Rolle inne: die des Führungsspielers.
"Das Alter allein reicht aber nicht, um Führungsspieler zu sein", sagte Andrej Siniak im Gespräch mit der WAZ. Und nach kurzem Innehalten fügt er im Brustton der Überzeugung hinzu: "Man muss auch gut sein." Dass er dieses Qualitätsurteil für sich beanspruchen kann, steht für die Verantwortlichen des Tusem außer Frage. Zuletzt bewies der gebürtige Weißrusse sein Können beim ambitionierten Erstligisten SG Kronau/Östringen, für den er zwei Jahre lang auf Torejagd ging. "Kronau setzt jetzt verstärkt auf deutsche Spieler. Ich vermute, ich habe einfach nicht mehr ins Konzept gepasst", sagt Siniak, der die Zeit bei den Rhein-Neckar-Löwen im Nachhinein dennoch eine "gute" nennt.
Der Kontakt zum Tusem sei über Trainer Jens Pfänder zustande gekommen. "Er hatte mich beim Final-Four-Turnier in Hamburg angesprochen", erzählt Siniak. Und kurze Zeit später sagte er zu. Der Zwei-Jahres-Vertrag wurde Ende Mai an der Margarethenhöhe unterzeichnet. Und nachdem Siniak seine Entscheidung beim bisherigen Klub verkündet hatte, zählte Iouri Chevtsov zu den ersten Gratulanten. Der frühere Tusem-Coach trainiert seit zwei Jahren Kronau und nannte Siniaks neuen Klub "eine gute Wahl".
Nach einer Anfangswoche im Hotel hat Siniak inzwischen eine Wohnung in Essen bezogen. Nach und nach trudeln die Möbel ein. Er fühle sich sehr wohl in seiner neuen Umgebung, sagt Siniak. Und damit meint er nicht nur sein Zuhause. Sondern vor allem auch die Mannschaft.
"Man merkt, dass alle arbeiten wollen für unser Ziel: den Klassenerhalt. Und die Atmosphäre ist richtig gut. Wir Neuen hatten es ganz leicht, uns einzugewöhnen", freut sich der Mittelmann über den gelungenen Integrationsprozess.
Auf dieser Position soll Siniak künftig Regie im Spiel des Tusem führen. Entscheidend ist dabei auch die Zusammenarbeit mit den Kreisläufern. Und mit 2,14-m-Mann Mark Dragunski sowie 2,02-m-Zugang Vaclav Vrany verfügen die Essener über zwei "riesige" Alternativen. Mit entsprechend anderen Pässen müsse er deshalb operieren, weiß Siniak. "Aber genau dafür haben wir ja die Vorbereitung."
Diese sei bislang, so versichert es der 93-malige Nationalspieler, sehr hart gewesen. Doch die körperliche Fitness ist nun einmal Grundvoraussetzung, um im Stahlbad Bundesliga nicht vorzeitig unterzugehen. "Der Handball ist insgesamt viel schneller und athletischer geworden", vergleicht Siniak seine heutigen Eindrücke mit denen aus den Anfangszeiten. Diese erlebte im weißrussischen Minsk. Mit seinem dortigen Klub SKA sammelte er gegen eine chancenlose Konkurrenz Titel im Überfluss. Auch dort hieß sein Trainer: Iouri Chevtsov.
"Siniak zeichnet ein gutes Auge und ein Klasse-Schlagwurf aus. In Deutschland hat er gelernt, wie man ein Spiel gestaltet, das Tempo forciert oder es verschleppt", lobt sein Ex-Coach. Doch in Kronau war Siniak auch als Hitzkopf bekannt, der auf dem Spielfeld schnell auf 180 ist. Jene Impulsivität seines Schützlings gilt es nun für Tusem-Coach Jens Pfänder, in die richtigen Bahnen zu lenken.
Mit seinen 35 Jahren zählt Siniak zwar zu den älteren Semestern, dennoch fühlt er sich körperlich noch in bester Verfassung. "Mit dem Alter wird man nicht schneller", nennt der Profi ein Problem, kennt aber auch die Lösung: "Dafür muss man schneller denken."
Seine Geistesblitze sollen dem Tusem dabei helfen, den Klassenerhalt frühzeitig zu sichern. Und Siniaks großer Traum heißt Hamburg. Bereits fünfmal kam er mit seinen Teams in die DHB-Pokalrunde der letzten Vier - zuletzt sogar zweimal in Folge ins Finale mit Kronau. Doch beide Endspiele (gegen den HSV 2006 und gegen Kiel 2007) gingen verloren. Aber reicht das Potenzial der Essener für solch ehrgeizige Ziele? "Wir werden noch manchen überraschen", kündigt Siniak an. So mutig heult nur ein Leitwolf.
24.07.2007 Von Thomas Richter