"Ich hätte Ullrich verpflichtet"
München/Köln - Der Fall Jan Ullrich spaltet die Radsport-Nation. Nach der Aufdeckung der Bonner Staatsanwaltschaft in Sachen Blutbeutel wird der Tour-Sieger von 1997 von Funktionären und Teamchefs als möglicher Doping-Betrüger öffentlich an den Pranger gestellt.
Dagegen halten noch viele Fans zu ihm, wie seine Web-Site beweist. Auch Inhaber von Radsport-Geschäften fürchten den Super-GAU, soll Ullrich einmal auspacken.
Während sich auch einige deutsche Rennveranstalter gegen einen Start der in den spanischen Doping-Skandal verdächtigten Profis bei einer Sport1.de-Umfrage aussprachen, tanzt einer aus der Reihe.
Es ist Artur Tabat, Cheforganisator des Klassikers "Rund um Köln", der am Ostermontag vor allem auf den Strecken des Bergischen Landes ausgetragen wird. Ullrich hatte 2003 mit seinem Sieg im Bianchi-Trikot in Köln ein Aufsehen erregendes Comeback gefeiert.
Besitz der Profilizenz
Tabat sagt trotz der jüngsten Entwicklungen im Fall Ullrich gegenüber Sport1.de ganz klar und provokativ: "Ich hätte Ullrich verpflichtet."
Für Tabat hätten nur zwei Voraussetzungen stimmen müssen:
1. Der Besitz einer Proflizenz.
2. Mitglied eines Rennstalls.
Tabat: "Wenn Jan für das Team Volksbank fahren würde, hätte ich ihn und das Team sofort engagiert. Er wurde bisher in dem spanischen Skandal weder vor einem Sportgericht noch einem ordentlichen Gericht verurteilt."
"Ullrich ist von falschen Beratern umgeben"
Der Kölner Cheforganisator nennt auch die Gründe: "Ich habe Jan Ullrich seit er 19 war als gradlinigen Menschen und erstklassigen Sportler kennengelernt. Was mit ihm geschieht, ist schlimm. Auch andere Sportler hinterlegen nach Verletzungen ihr Blut. Mich erstaunt nur, wie die Blutbeutel nach Spanien kamen und zum Beispiel nicht in der Uni-Klinik Freiburg aufbewahrt wurden."
Für Tabat sei Ullrich von falschen Beratern umgeben: "Ich wäre nicht zu Beckmann gegangen und ich hätte bei der Pressekonferenz in Hamburg nur mit zwei Sätzen meinen Rücktritt erklärt." Über Ex-Betreuer Rudy Pevenage möchte Tabat allerdings kein Urteil fällen: "Er kennt sich internationalen Radsport mit den Gepflogenheiten aus. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
Den Druck einiger Radsport-Großsponsoren auf deutsche Veranstalter, keinen der im Blutpanscher-Skandal verdächtigten Profis zu engagieren, hält Tabat für "pure Heuchelei": "Da kriege ich dann solch einen Hals."
Bundestag will Ullrich vorladen
Ein dicken Hals scheint auch Peter Danckert, der Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages zu bekommen. Er strebt nach Meldungen der "Süddeutschen Zeitung" die Anhörung aller in den Fall Ullrich involvierten Ärzte, Funktionäre sowie des Betroffenen selbst an.
Danckert will dabei unter anderem die Rolle der Freiburger Ärzte beleuchten, die seit Jahren die deutschen Radprofis betreuen.
Prof. Franke nimmt Teamärzte in Schutz
Gegen eine Anhörung hat sich der sportpolitische Sprecher der FDP, Detlev Parr, ausgesprochen. "Sportausschuss-Sitzungen dürfen keinesfalls zu Tribunalen ausarten", erklärte dazu Parr. Er forderte Ullrich auf, sich endlich zu seinen Verfehlungen zu bekennen: "Damit könnte er einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Prävention gerade bei Nachwuchssportlern leisten."
Der Heidelberger Doping-Experte Prof. Werner Franke hat die für das T-Mobile Team zuständigen Ärzte von der Uniklinik Freiburg gegen den Vorwurf verteidigt, mögliche Manipulationen bei Jan Ullrich fahrlässig übersehen zu haben.
"Das moderne Dopingsystem ist von Fachmedizinern so angelegt, dass es auch Kollegen austricksen kann", sagte der Molekularbiologe. Auch er selbst sei schon getäuscht worden, bekannte Franke.
Wolfgang Kleine