Aussie! Aussie! Aussie!
Down Under war in Magdeburg Publikumsliebling
Team Australia kam, sah und siegte. Nein, sie gewannen kein Spiel und Nein, sie waren in keinem ihrer drei Vorrundenspiele auch nur in der Nähe eines Erfolgs. Aber „Erfolg“ wird in verschiedenen Regionen dieser Welt eben unterschiedlich interpretiert. Und so war es für die australischen Handballer einer der (noch) wenigen historischen Momente, in denen ein Team seinen Geist und seine Substanz zeigt, als im Spiel gegen Frankreich Bevan Calvert aus der Abwehr sprintete und versuchte, einen freien Ball zu ersprinten. Yohann Ploquin, Torwart des französischen Weltmeisters von 2001, eilte aus seinem Tor, um den Ball vor dem heranstürmenden Calvert zu sichern. Und tatsächlich – Calvert war schneller, nahm den Ball auf, drehte sich und traf zum 7:28.
Never Give Up - Tim Jackson im Clinch mit der französischen Übermacht
Foto: Barbara Woehling
Tatsächlich waren es danach immer noch 21 Tore Unterschied zum wolkenkratzerhohen Favoriten Frankreich, aber dies hielt "Aussie" Calvert nicht ab, diesem Ball nachzusetzen. Das Tor des Tages feierten 7200 Zuschauer in der ausverkauften Bördelandhalle, als hätte Australien gerade das Spiel gewonnen. Und in gewisser Weise haben das die Australier auch getan. Der australische „Fighting Spirit“, immer, aber auch immer, alles zu geben, egal was auf der Anzeigetafel gerade steht, hatte wieder einmal zugeschlagen. Und so feierte Bevan Calvert sein erstes Tor an diesem Abend auch, als ob er gerade Weltmeister geworden sei.
Mica Bertrand sagte nach dem Spiel: “Das Spiel gegen Frankreich war für mich etwas ganz Besonderes, da ich eine französische Herkunft habe. Wir hatten Probleme im Angriff, aber niemand hat aufgegeben, wir haben alle unser Bestes gegeben.“ Die Überlegenheit des französischen Weltklasseteams stellte beim Underdog niemand in Frage, schließlich konnte Teilzeit-Coach Morten Fjeldstad nur aus ca. 1000 Handballspielern in Australien seinen Nationalkader zusammenstellen. Und mehr noch – die Spieler mussten aus eigener Tasche zum Trainingslager in Dänemark beisteuern. Folgerichtig stellte Kapitän Lee Schofield, in Personalunion auch noch Generalsekretär des australischen Verbandes und Co-Trainer der australischen Frauen nach dem Frankreich-Spiel fest: „Es war hart, zu verlieren. Es sah so aus, als ob es immer schwerer wurde, in das Spiel zu finden, je härter wir es versuchten. Aber das Team hat nicht aufgegeben. Die Franzosen motivierten uns dazu, noch intensiver zu spielen.“
Nie aufgeben. Was für viele Trainer und viele Spieler hierzulande oft nicht mehr als eine Floskel ist – die Australier mussten sich dieser enormen Herausforderung immer wieder stellen, in jedem ihrer drei Vorrundenspiele. Die australischen Handballer, die sicher in Deutschland bestenfalls auf ordentlichem Regionalliga-Niveau beheimatet wären, mussten sich immer wieder dem Kampf David gegen Goliath stellen. Und auch wenn der Ausgang des Spiels immer von vornherein klar war, eines haben die Australier immer beherzigt: Nie aufgeben.
Auch bei 22 Toren Rückstand noch um einen Ball kämpfen: Das Publikum in Magdeburg hatte ein sehr feines Gespür dafür, was Australien in der Bördelandhalle leistete und unterstützte den Kampf des Underdogs nach Kräften.
Und so war es einer der bislang emotionalsten Momente dieser Weltmeisterschaft, als Australiens Trainer Morten Fjeldstad nach der Niederlage gegen die Ukraine, ganz entgegen dem Protokoll, um das Mikrofon bat. Gebannt lauschten die Fans in Magdeburg, als Fjeldstad eine Ansprache in Deutsch an das Publikum richtete: „Ich habe noch keine Fans wie Euch in der Welt getroffen. Ihr habt mich inspiriert, nach Hause zu gehen und noch härter zu arbeiten, damit wir uns in der Zukunft verbessern können. Ich hoffe, dass wir die Möglichkeit haben, einmal zurückzukommen und Euch wieder zu sehen, um Euch etwas zurückzugeben. Ich Danke Euch allen.“ Die Fans in Magdeburg dankten es Trainer und Team mit frenetischem Applaus.
Für Australien geht es heute im President’s Cup gegen Grönland – ein Duell unter zumindest ähnlichen Gegnern. Und natürlich ein Duell, welches für die Spieler auf dem Platz ein ganz anderes sein wird, als all die Spiele zwischen den sieggewohnten Franzosen, Kroaten, Spaniern oder Deutschen. Ein Sieg bei der WM, das wäre ein ganz, ganz großes Ding für die Freizeithandballer aus „Down Under“, die so viel auf sich genommen haben, um einmal ihr Land beim Konzert der Allerbesten vertreten zu können. Und die bei allen Schwächen vor allem eine Stärke haben: They never ever give up: Niemals, aber auch niemals aufgeben.