Blackout oder: Zusammenbruch aller Systeme
VON ERIK EGGERS, 19.04.06, 21:16h
Mit pomadigem Einsatz gefährdet das Kljaic-Team sein Saisonziel, den Zugang zur Champions League.
Köln - Düster war die Ahnung, die Velko Kljaic vor dem Auswärtsspiel am Dienstagabend beim alten Rivalen TV Großwallstadt geäußert hatte. „Es ist ein Problem, dass acht Spieler zum Saisonende gehen“, hatte der Trainer des VfL Gummersbach im TV-Interview gesagt - und gemutmaßt, dass einige seiner Handballprofis nicht mehr „mit dem letzten Biss“ dabei seien. Kljaic schien demnach mit einer Niederlage zu rechnen. Doch dass es dieses Debakel geben würde beim heimstarken Tabellenachten, dass der Tabellendritte mit 20:32 (6:15) regelrecht gedemütigt wurde vor den 5000 staunenden Zuschauern in Aschaffenburg, das verschlug den VfL-Verantwortlichen hernach die Sprache. „Ich schäme mich für die Leistung meiner Mannschaft“, sagte Kljaic kleinlaut danach. „Ich habe das noch gar nicht begriffen, was da passiert ist“, sagte Manager Stefan Hecker, der das Spiel am Fernseher verfolgt hatte, am nächsten Morgen. „Das war ja ein totaler Blackout. Wir stehen alle noch unter Schock.“
Es fällt tatsächlich schwer, diesen Zusammenbruch aller Systeme zu erklären. Von Beginn an war der VfL extrem pomadig aufgetreten, während sich die Gastgeber vor allem in der Abwehr mit maximaler Leidenschaft auf den hochgelobten Angriff des Favoriten stürzten. Beide Stars im VfL-Rückraum, Narcisse und Yoon, fanden nie in dieses Spiel, dazu versagten auch der zuletzt sehr leistungsstabile Linksaußen Sigurdsson und Kreisläufer Gunnarsson. Verheerend auch die Leistung des eigentlichen VfL-Prunkstücks, der Abwehr. Hier fand Narcisse nie eine Einstellung gegen den überragenden Linkshänder Holmgeirsson. Die Keeper Ramota und Ege erwischten einen schwarzen Tag und hielten insgesamt nur vier Bälle, während TVG-Keeper Crischa Hannawald zum gefeierten Star des Abends avancierte. Allein der grippegeschwächte Frank von Behren lieferte im Abwehrzentrum eine akzeptable Leistung ab.
Jedenfalls bedeutet diese Niederlage nicht nur das Ende jener zarten Meisterschaftsträume, die vorher noch beim Rekordtitelträger keimten. Nun ist plötzlich auch wieder das wichtigste Saisonziel in Gefahr: Der dritte Tabellenplatz, der das Erreichen der Champions League sichert. Denn nur noch zwei Minuspunkte hinter dem VfL lauert der SC Magdeburg, der am 20. Mai in die Kölnarena kommt. Auch der TBV Lemgo (14 Minuspunkte) dürfte angesichts der Gummersbacher Schwäche, die sich bereits am 5. April im Heimspiel gegen den TuS Lübbecke (27:21) angedeutet hatte, nun wieder Blut geleckt haben.
Zwei Wochen hat der Klub nun Zeit, „die Wunden zu lecken“, wie es Trainer Kljaic am Dienstagabend ausdrückte, erst am 3. Mai kommt der Wilhelmshavener HV in die Eugen-Haas-Halle nach Gummersbach. Wie die Klubführung auf das Desaster reagiert, ob sich Konsequenzen ergeben aus diesen 60 peinlichen Minuten, war am Tag danach noch nicht klar. „Wir werden mit der Mannschaft sprechen“, sagte Manager Hecker, aber die Möglichkeiten zur Reglementierung bleiben doch sehr übersichtlich, da Ege, von Behren, Mierzwa, Yoon, Bahtijarevic, Burdet, Hegemann und Fog den Klub im Juni verlassen. „Wir müssen die sieben restlichen Saisonspiele mit Anstand zu Ende bringen, und am Ende soll die Champions-League-Teilnahme stehen“, fordert Hecker. Auch der Manager weiß, dass in den nächsten Wochen etwas Grundsätzliches passieren muss beim VfL, soll dieses Ziel umgesetzt werden. Von diesem schmachvollen Abend in Aschaffenburg wird man jedenfalls noch lange sprechen in Gummersbach. Aber erst im Mai wird man wissen, ob er eingeordnet werden muss als Wendepunkt oder als Ausrutscher.