GAU-ALGESHEIM Zwei, drei Schritte noch bis zum Ball. Eine kurze Aktion, die eine Ewigkeit zu dauern scheint. Bücken, den klebrigen Ball aufnehmen und dann zur Sieben-Meter-Linie. Begleitet von den schaurigen Klängen des Liedes "Spiel mir das Lied vom Tod". Gruselstimmung in einer totenstillen Schloß-Ardeck-Sporthalle in Gau-Algesheim.
Konzentration, ausholen, Wurf - das Netz zappelt, die Spannung löst sich und die Halle tobt im Takt zu "Da simmer dabei, dat iss prima". Oliver Schmidt durfte dieses besondere Feeling, im Rampenlicht zu stehen, erleben. Der Handballer und Co-Trainer des HSC Ingelheim stand den Spielern des "großen" TV Großwallstadt gegenüber. Was für die Bundesliga-Handballer Alltag ist, dürfte für den HSC´ler und seine Kollegen ein einmaliges Erlebnis sein. Volle Ränge, tosender Jubel. Schmidt gibt das gerne zu. "Das war Gänsehaut pur, das könnte es von mir aus jedes Jahr einmal geben", meint er und lacht sichtlich erschöpft. In den 60 Minuten zuvor hatten er und seine Jungs alles gegeben, die ersten 23 Minuten sogar passabel mitgehalten. Am Ende mussten sich die Ingelheimer aber dem hohen Tempo geschlagen geben. 19:48, eine klare Angelegenheit. Gegen einen Gegner, der übermächtig und verständlicherweise ballhungrig war.
Großwallstadt ballhungrig
"Ich hatte seit zehn Wochen keinen Handball mehr in der Hand", macht TVG-Linksaußen Gregor Schmeißer vor dem Anwurf keinen Hehl daraus, wie sehr er dem Spielerlebnis entgegen fiebert. Kein Wunder. Der Deutsche Spitzenklub war gerade aus seinem Trainingslager in Mallorca zurückgekehrt.
Fünf Tage schufteten die Profis nach der Sommerpause dort für die anstehende Saison. Ohne Ball, viel im Kraftstudio und mit Läufen am Strand. Klagen hörte man von Schmeißer dennoch nicht. "Es war ein super Trainingslager", freut er sich. Bevor seine Sehnsucht nach dem Spielgerät Erfüllung fand, machte er jedoch, gemeinsam mit allen seinen Teamkollegen, den Kindern und Jugendlichen eine Freude. Der Handball-Nachwuchs rückte begeistert an, als die Profis vor der Partie Autogrammstunde gaben.
Unterschriften der Spieler, auch die der neuen die in Ingelheim zum ersten Mal überhaupt für den TV auf Tore Jagd gingen, hatten zwei Mädels schon längst. Emma Portje und Tamara Bracharz folgten ihren Idolen von der Nähe von Großwallstadt aus in die Rotweinstadt am Rhein. Die Nachricht, dass es noch Karten in Gau-Algesheim geben würde, hatten sie im Forum der TVG-Homepage gelesen. "Ein "Snowcat" hat das dort rein geschrieben", erklärt Tamara Bracharz. Angeblich, so machte es in der Sporthalle die Runde, hatten Ingelheimer die Information ins Forum gestellt.
"20 Fans kamen mit dem TV Großwallstadt angereist. Mit denen hatten wir nicht gerechnet", flachst Jochen Heinz, Vorsitzender des HSC, nach dem insgesamt gelungenen Abend. Seine größte Sorgen, es könnte keine gute Veranstaltung werden, es kommen nicht genug Zuschauer - verflogen. "Jetzt kann ich wieder beruhigt schlafen", so sein nicht ganz ernst gemeinter Kommentar. Heinz, der als Spieler 1992 schon gegen Wallau-Massenheim beim letzten HSC-Vergleich mit einem Bundesligisten dabei gewesen war, zollte seiner "Ersten" Lob. "Die Jungs haben vor allem in der ersten Hälfte super dagegen gehalten." Dass es am Ende dann doch 48 Gegentreffer wurden - kein Problem. Sein Ziel hatte er auf jeden Fall erreicht.
"Wir wollten dem Verein und vor allem unserer jungen Truppe etwas bieten." Autogrammstunde, in der Pause eine mitreißende Aufführung der Sportschule der TG Nieder-Ingelheim und handballerische Schmankerl - es war eine Runde Sache in Gau-Algesheim. Das hatten auch die knapp 400 Zuschauer so gesehen. Mit Standing Ovation verabschiedeten sie minutenlang die Spieler. Hallensprecher Marc Wensierski, der das Publikum mit Details zum TV informierte und unverdrossen zur Anfeuerung für den HSC animierte, brachte den Abend auf einen kurzen, aber angesichts der reibungslosen Organisation griffigen Nenner. "Eine Riesengaudi, es hat alles gepasst." Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Quelle: Allgemeine Zeitung