Wenn der Rhythmus galoppiert
Die Handballer beklagen ihren übervollen Terminkalender und blähen die Champions League auf
Andreas Lesch
BERLIN. Der Handball wächst, ist das nicht schön? Nein, das ist nicht unbedingt schön. Es sorgt in der Branche für lebhafte Debatten. Nun, da an diesem Mittwoch die Champions League beginnt, werden alte Fragen neu und immer dringlicher gestellt: Warum bläht diese Sportart sich immer mehr auf? Warum jammert jeder Funktionär, jeder Trainer und jeder Spieler permanent über den übervollen Terminkalender und die ständig steigende Verletzungsgefahr, warum ändert sich dann aber nichts?
Der Europäische Handball-Verband (EHF) hat für die neue Saison den Modus der Champions League geändert. Er hat das Achtelfinale und das Viertelfinale abgeschafft und stattdessen eine zweite Gruppenphase eingeführt. Das bringt vielen Vereinen mehr Geld und mehr internationale Präsenz, es erhöht aber auch die Zahl der Spiele. Die beiden Finalisten der Vorsaison, der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt, haben in Europas Eliteliga 14 Begegnungen bestritten; wer in dieser Saison ins Endspiel einzieht, muss 16 Partien durchstehen.
Zwei Spiele mehr, das ist natürlich wenig. Manchem aber ist es schon zu viel. Christian Fitzek, der Sportdirektor des Handball-Bundesligisten HSV Hamburg, sagt: "Wir gehen eh schon auf dem Zahnfleisch mit den vielen Spielen, die die Topvereine haben. Der Rhythmus wird immer galoppierender." Regelmäßig treten Mannschaften wie die aus Hamburg alle zwei, drei Tage zu einer Partie an - von den Reisetagen dazwischen ganz zu schweigen. "Da kommen wir aus dem Bus und aus dem Flugzeug gar nicht mehr raus", klagt Fitzek. "Die Belastung für die Spieler ist über das normale Maß hinaus." Seit Jahren kämpfen die Klubs mit argen Verletzungssorgen. "Irgendwann werden wir wieder schreien, wenn sich zwei bekannte Spieler verletzt haben - und dann wird das auch wieder versickern", glaubt Christian Fitzek. Er kennt die Schizophrenie der Handballbranche.
Bezeichnend ist, dass viele Spieler die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln für völlig normal halten. Sie wissen: Ohne diese Mittelchen könnten ihre Körper die Dauerbelastung nicht durchhalten. Es ist schwer zu sagen, wer die Schuld an der Misere trägt. Das Problem liegt in erster Linie wohl darin, dass sehr viele verschiedene Parteien vom Handball leben und überall mitreden wollen - und dabei nur ihre eigenen Interessen sehen: der Weltverband IHF, die EHF, die nationalen Verbände, die Vereine. "Diese Interessen unter einen Hut zu kriegen, das ist die Quadratur des Kreises", sagt Fitzek. Die Klubs mokieren sich zu Recht darüber, dass Welt- und Europameisterschaften im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfinden. Selbst zurückstecken wollen sie aber auch nicht. EHF-Generalsekretär Michael Wiederer betont, der neue Modus der Champions League sei "in Absprache mit den Spitzenvereinen zustande gekommen. Die haben ein starkes Interesse an Planbarkeit." Viele K.o.-Runden, die die Gefahr des plötzlichen Ausscheidens mit sich bringen, wollen die Klubs nicht.
Uwe Schwenker, der Manager des amtierenden Champions-League-Siegers THW Kiel, verteidigt diese Position. Er hat die Einführung der zweiten Gruppenphase unterstützt; er nimmt die zwei zusätzlichen Spiele, die sein Team nun bestreiten muss, in Kauf. Er fragt: "Warum sollen die Vereine bei sich kürzen? Sie sind doch diejenigen, die die Spieler bezahlen." Schwenker findet es "ein Unding, dass in der kommenden Saison sowohl die EM als auch Olympische Spiele stattfinden. Es ist die Minimum-Forderung, dass es nur ein Event auf Nationalmannschafts-Ebene in einer Saison gibt - und nicht zwei." Diese Forderung wird so schnell nicht erfüllt werden. EHF-Chef Wiederer berichtet, die Europäer seien kürzlich beim Weltverbandskongress mit dem Antrag gescheitert, die WM künftig nur alle vier Jahre auszutragen. Zu der Entscheidung, die EM seltener anzusetzen, will er sich aber auch nicht durchringen. "Fußball ist die einzige Sportart, die sich das leisten kann. Wenn wir es uns als Sportart leisten können, ist das eine Option", sagt er nur.
Unklar ist, wie es weitergeht. Immerhin reden die Beteiligten offenbar miteinander. Kiels Manager Schwenker berichtet von "vielen positiven Gesprächen". EHF-Generalsekretär Wiederer sagt, sein Verband stehe in einem "offenen Dialog mit den Klubs". Beim EHF-Kongress am 13. Oktober in Rom soll ein Antrag diskutiert werden, der den Vereinen eine direkte Mitsprache im europäischen Verband einräumt. Zudem hat das Exekutivkomitee der EHF beschlossen, im nächsten halben Jahr alle Parteien zur Debatte um eine Neuordnung des internationalen Terminkalenders an einen Tisch zu bringen. "Ob der Tisch rund ist", sagt Michael Wiederer, "wird man sehen."
Quelle: Berliner Zeitung, 26.09.2007