Und hier die tägliche Presseschau der Wiesbadener Zeitungen:
Wiesbadener Tagblatt
Wallau/Massenheim am Rande des Abgrunds
Gesellschafter Ralf Jahncke stellt große Lücken zwischen Soll und Haben fest / Manager Aksen gefeuert
Vom 23.02.2005
Geschäftsführer Bülent Aksen wurde über Nacht gefeuert, bei den Finanzen eine erhebliche Lücke zwischen Soll und Haben festgestellt. Die Gesellschafter des Handball-Bundesligisten SG Wallau/Massenheim sind konsterniert, fühlen sich hinters Licht geführt.
Von Volker Eckhardt und Karl Korner
Der erkrankte Manager Aksen ist seit seinem Auftritt am Sonntagabend im Hessen-Fernsehen untergetaucht, weder für die Mannschaft noch für die Gesellschafter erreichbar. Die Gesellschafter hatten Ralf Jahncke, der vor fünf Jahren schon einmal bei einem Beinahe-Crash für die SG segensreich gewirkt hatte, gebeten, die bittere Wahrheit zu verkünden. Jahncke tat dies in glänzender Manier, nahm nur dort ein Blatt vor den Mund, wo es juristische Konsequenzen hätte haben können oder wo erst Aufklärung notwendig ist, um die Fakten richtig beurteilen zu können.
"Wir werden in den nächsten sieben Tagen intensiv an der Durchforstung der Finanzen und Belege arbeiten und dann eine Art Kassensturz machen", unterstrich Jahncke die finanziell offensichtlich arg angespannte Lage, um dann einzuräumen: "Die Mannschaft hat uns vorgeworfen, zu spät eingegriffen zu haben. Der Vorwurf ist berechtigt, ich entschuldige mich dafür. Erst das Team hat uns letzte Woche über den Ernst der Lage unterrichtet und endgültig die Augen geöffnet. Nun müssen wir alles unternehmen, um den einzigen Handball-Bundesliga-Standort im Rhein-Main-Gebiet zu retten", appellierte Jahncke an alle, die guten Willens sind, die SG jetzt nicht untergehen zu lassen.
Massive LügenMit Hauptgesellschafter Volkmar Rohr sollen Gespräche über Verträge und Geldflüsse geführt werden. Die Finanzen durchleuchtet Ralf Jahncke in den nächsten Tagen gemeinsam mit einem Wirtschaftsprüfer. Die übrigen Gesellschafter legen die Hände ebenfalls nicht in den Schoß. Marc Gramm beleuchtet die Geschäftsstelle, Daniel Deckers die Gesellschafter-Verträge, Timm Reichold hinterfragt die Abkommen mit den Sponsoren und Joachim Venino kümmert sich um die Wallauer Fördergruppe inklusive der sogenannten Opposition, die von den Ströhmann-Brüdern angeführt wird.
Mannschaftssprecher Marcus Rominger erhob schwere Vorwürfe: "Wir wurden von Bülent Aksen massiv belogen, nicht erst seit dem Fernsehauftritt am Sonntag. Es ist eine Frechheit, von nur einem ausstehenden Monatsgehalt zu sprechen. Seit Dezember haben wir keinen Cent mehr gesehen." Rominger besitzt als Architekt als einer der wenigen SG-Profis ein zweites Standbein, den meisten Spielern und ihren Familien geht laut Rominger "die ganze Angelegenheit an die finanzielle und teilweise auch gesundheitliche Substanz". Sogar von einem Magendurchbruch bei einem betroffenen Familienangehörigen sprach der SG-Keeper.
Sieben Tage, siebe KöpfeTrainer Martin Schwalb, der noch keinen Vertrag bei einem anderen Verein unterschrieben hat, war stolz und gleichzeitig erschüttert. "Stolz auf die Moral der Mannschaft, wie die das alles bisher mit drei Siegen in Folge in der Liga weggesteckt hat. Erschüttert, wie man sich in der Person Aksen offensichtlich getäuscht hat." Schwalb zeigte ebenso wie das Team kein Verständnis für den Auftritt des ehemaligen Managers im Fernsehen. "Die Lüge von dem angeblich nur einen Monat ausstehenden Gehalt hat dem Fass den Boden ausgeschlagen."
Angeblich soll die SG zwischen 300000 und einer halben Million Euro Verbindlichkeiten aufweisen. Zahlen, die Jahncke nicht bestätigen konnte. "Wir müssen erst einen Kassensturz machen, gebt uns sieben Tage Zeit." Zeit, die der Traditionsverein noch weniger als Geld hat. Bis zum 15. März müssen nämlich die Lizenzunterlagen beim Deutschen Handball-Bund eingereicht werden. Sogar eine Insolvenz kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Möglich auch, dass bereits vor vier Monaten der Insolvenz-Tatbestand vorgelegen hatte, was strafrechtliche Folgen haben könnte. Die Staatsanwaltschaft soll Aksen laut Radio FFH bereits auf der Spur sein. SG-Hauptgesellschafter Volkmar Rohr: "Da ist überhaupt nichts dran." In sieben Tagen werden mehr als sieben Köpfe gewaltig rauchen.
Derweil meldete sich Bülent Aksen gestern Abend beim Tagblatt und gab folgende Stellungnahme ab: "Ich meine nicht, dass man mich mit derartigem Hass verfolen sollte, wie geschehen. Ich habe bei meinem Amtsantritt eine erhebliche Überschuldung vorgefunden. Auch vor meiner Zeit mussten Spieler auf Gehälter verzichten, weil die Finanzlage schlecht war. Wir haben jetzt die gleiche Situation. Die Behauptung, ich hätte die Gesellschaft an die Wand gefahren ist schlicht falsch."
"Es geht nicht nur um Geld. Wir haben bei der Gesellschafter-Tagung am Montag reinen Tisch gemacht, leider hat Volkmar Rohr nicht an der Sitzung teilgenommen. Er war eingeladen", wunderte sich Ralf Jahncke über die Abwesenheit des Flörsheimer Immobilienmaklers. Rohr erschien immerhin auf der Pressekonferenz, wollte zunächst nur ein schriftliches Statement abgeben. Später bekannte Rohr im kleinen Kreis doch noch Farbe: "Ich bin erschüttert, denn ich habe mehr als die von Herrn Jahncke festgestellten 100000 Euro an die SG überwiesen. Wenn ich die richtigen Zahlen auf den Tisch lege, werden alle blass." 400000 sollte Rohr bei der Kapitalerhöhung eigentlich zahlen. Rohr stuft Bülent Aksen als eine Art Bauernopfer ein: "Ein Manager hat andere Aufgaben als ein Gesellschafter. Ich kann das beurteilen, denn ich habe in den letzten Monaten das Tagesgeschäft hautnah verfolgt." Volkmar Rohr sieht die Bundesliga-Zukunft der SG nicht gefährdet: "Ich bringe Licht in das Dunkel. Die SG wird nicht kaputtgehen und an mir wird kein Makel hängen bleiben."
Angesichts der total verworrenen Lage vermochte Ralf Jahncke nicht zur Beruhigung des aufgescheuchten SG-Umfeldes beitragen: "Ich hoffe, dass wir die Saison zu Ende bringen. Eine Garantie kann ich aber erst in frühestens sieben Tagen abgeben." Nach Informationen dieser Zeitung war Aksen schon mit dem Gedanken schwanger gegangen, die Bundesliga-Lizenz nach Braunschweig zu verkaufen. Harte Arbeit wartet nun auf den bisherigen Pressesprecher und Geschäftsstellen-Chef Hendrik Ziegler. "Er hat hervorragende Arbeit für die SG abgeliefert, genießt das Vertrauen der Gesellschafter. Aber der gute Mann wird in den nächsten Wochen wenig Freizeit haben", sorgte Jahncke für den einzigen Lacher bei der Leichenbittermienen-Konferenz.
Gesellschafter Joachim Venino suchte bereits am Montag die ersten Gespräche mit der Gruppe um die Brüder Ströhmann. "Jetzt kann die bisherige Opposition beweisen, dass sie es Ernst mit der Rettung meint. Wir haben doch alle gemeinsam das Handball-Dorf aufgebaut und sind nun auch für den Fortbestand verantwortlich." Marcus Rominger betonte mehrfach, dass das Vertrauen der Mannschaft und ihres Umfeldes unter Null gesunken ist: "Die Gesellschafter haben ihre Sorgfaltspflicht gegenüber uns vernachlässigt. Es gibt kein Vertrauen mehr. Jahrelang sollte es nach oben gehen. Dafür fehlte bisher aber einfach die finanzielle Substanz. Jeder einzelne Spieler muss jetzt für sich prüfen, ob er sich in Zukunft mit einem notwendigen Sparkonzept anfreunden kann. Nach dem Sieg in Pfullingen haben wir uns gefreut wie kleine Kinder, aber wir waren fix und fertig." Auf der Heimfahrt im Bus hörte Martin Schwalb dann aber Schlachtgesänge wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Alleingang in Sachen ImmelAußer Bülent Aksen und Volkmar Rohr wusste offenbar niemand von der vorzeitigen Kündigung des Vertrages von Nationalspieler Jan-Olaf Immel. Auf Tagblatt-Anfrage bestätige Ralf Jahncke: "Ich habe das im Internet in meinem Hotel in Neu Delhi gelesen. Auch die anderen Gesellschafter wussten davon nichts. Ich habe aber auch ein bisschen Geld in der GmbH drin. Andere bauen sich dafür sogar ein Haus."
Martin Schwalb, der Manager Bülent Aksen nach Wallau geholt hatte, ist von ihm tief enttäuscht: "Das Vertrauen hat zwei Jahre lang gereicht, aber jetzt fühlen wir uns alle belogen und betrogen, weil die gemachten Versprechungen wiederholt nicht eingehalten worden sind. Es ist eine schwere Zeit für die SG und alle Familien." Marcus Rominger bestätigte, dass die Mannschaft zusammengerückt ist, um die SG nicht untergehen zu lassen: "Aber wir haben jetzt auch Druck gemacht, denn es sollte Schluss sein mit den Unwahrheiten. Die Spieler waren nicht mehr bereit, alles zu schlucken." Dass dann neun Stunden vor dem Magdeburg-Spiel reiner Tisch gemacht worden ist, begründete Ralf Jahncke: "Es wäre kein Zustand gewesen, das Team uninformiert in das Spiel gehen zu lassen."
Martin Schwalb hofft, dass die gestrige Offenbarung nun der richtige Schritt in die richtige Richtung war: "Ich will, dass es mit der SG weitergeht. Alle positiven Kräfte müssen zusammenhalten. Auch Volkmar Rohr, der erhebliche finanzielle Mittel aufgebracht hat. Und die Opposition muss nun Farbe bekennen. Wer jetzt abseits steht, ist kein Freund der SG Wallau/Massenheim."
Timm Reichold, dem Sprecher der Gesellschafter, ist das SG-Unglück an die Nieren gegangen: "Ich habe drei Tage lang mit der Mannschaft geredet. Spieler und Gesellschafter stehen komplett zusammen. Das ist das einzig Gute an unserer vertrackten Lage."
Wiesbadener Kurier:
Palastrevolution des Personals
Spieler des Bundesligisten bringen Manager zu Fall / Finanzielles Überleben nicht gesichert
Vom 23.02.2005
Die SG Wallau/Massenheim ringt ums Überleben und hat jetzt Nägel mit Köpfen gemacht: Manager Bülent Aksen ist von seinen Aufgaben entbunden worden; bis zum Wochenende soll klar sein, ob der Handball-Bundesligist überleben kann.
Von Kurier-Redakteur Ulrich Schwaab
So viel Rummel hatte die Geschäftsstelle des Erstligisten lange nicht erlebt, doch der Anlass gebot es, dass reger Betrieb herrschte. Erschienen war auch der Mannschaftsrat. Die Gesichter fahl, die Mienen finster, der Ausdruck entschlossen. "Das Vertrauen war unter Null, wir vermissen jegliche Sorgfaltspflicht", sagte Teamsprecher Marcus Rominger, "wir Spieler waren nicht mehr bereit, das zu schlucken." Gestern handelte der Gesellschafterkreis der Spielbetriebs GmbH. "Wir haben die sofortige Trennung von Manager Bülent Aksen beschlossen", verkündete Gesellschafter Ralf Jahncke. Desweiteren wird der Kreis das Gespräch mit dem Mehrheitsgesellschafter Volkmar Rohr suchen, um sich einen Überblick über die genauen Zahlen zu verschaffen.
Aksen selbst haben sie bei der SG seit Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Auf die Einladung zur Gesellschafterversammlung reagierte der in die Kritik Geratene nicht, Anrufe und SMS-Botschaften von Vereinsmitgliedern ließ der 39-Jährige unbeantwortet.
Von seinem faktischen Rauswurf erfuhr Aksen durch den Kurier. "Ich weiß von nichts", behauptete der wegen eines grippalen Infekts seit gestern Krankgeschriebene: Weder von seiner Kündigung, noch von einer Pressekonferenz. Nachdem er sich bei Rohr schlau gemacht hatte, hielt er das Geschehene für "starken Tobak" und blieb seiner Ankündigungs-Rhetorik treu: "Es ist an der Zeit, Zahlen und Fakten auf den Tisch zulegen."
Aksen bleibt das seit Wochen schuldig, weshalb sie in Wallau ihrem Geschäftsführer keinen Glauben mehr schenken. "Wir haben keinen Kontakt mehr zum Geschäftsführer", bestätigt Rominger. Gestern Abend meldete sich Aksen per Mail in den Redaktionen: "Ich meine nicht, dass man mich mit derartigem Hass verfolgen sollte. Ich habe bei meinem Amtsantritt eine erhebliche Überschuldung vorgefunden. Auch vor meiner Zeit mussten Spieler auf Gehälter verzichten, weil die Finanzlage schlecht war. Die Behauptung, ich hätte die Gesellschaft an die Wand gefahren ist schlicht falsch!"
Volkmar Rohr, der die Palastrevolution am Rande des Raumes stehend verfolgte, musste sich stellvertretend jede Menge Kritik anhören. Etwa jene, dass von den fälligen 400 000 Euro Kapitaleinlage, die Rohr im Zuge seines Einstiegs als Mehrheitsgesellschafter hatte leisten wollen, erst ein Viertel geflossen sei. "Es liegt uns erst ein Überweisungsträger über 100 000 Euro vor", berichtete Jahncke. Auch von den Summen, die Rohr der SG zahlen muss, weil er die Vermarktungsrechte an der Spielbetriebs GmbH erworben hat, sei erst die Hälfte eingegangen. "Daher ist der Gesellschaftervertrag, der Rohr mit einem 70-prozentigen Stimmrecht ausstattet, weiter schwebend ungültig", verwies Jahncke auf einen Fakt, der noch zu juristischen Auseinandersetzungen führen könnte.
"Die Vorwürfe stimmen in keinster Weise", entgegnete Rohr und blieb in seinen Andeutungen vage. "Wenn ich die Summen auf den Tisch legen würde, wärt ihr alle platt", beschied er Nachfrager.
Platt vor soviel Durcheinander war in erster die Linie die Mannschaft, die sich erst in den letzten Tagen mit ihrer Forderung nach reinem Tisch Gehör verschaffen konnte. Das war den gestern morgen anwesenden Spielern an ihren Gesichtern abzulesen. Seit Dezember einschließlich wartet sie und der Trainer auf Gehaltszahlungen. Doch zunächst muss unter Mithilfe eines Wirtschaftsprüfers erstmal Klarheit über die Finanzlage der SG geschaffen werden. Möglicherweise besteht durch die ausstehenden Gehaltszahlungen auch die Gefahr der Konkursverschleppung.
Volkmar Rohr trägt jedenfalls eine große Verantwortung für die SG, auch persönlich. Laut Vertrag soll der Flörsheimer mit seinem Privatvermögen für Forderungen an die SG Wallau/Massenheim haften. Wohin der Weg der SG führt, weiß letztlich noch niemand, viel Zeit aber, Klarheit zu schaffen, bleibt den handelnden Akteuren nicht mehr.