Reutlinger Generalanzeiger, 21.6.2006:
VfL Pfullingen-Stuttgart - Der Vorsitzende Gert Klaiber betont: »Der Hauptverein ist finanziell nicht betroffen«
Die Endstation heißt Insolvenz
VON MANFRED KRETSCHMER
PFULLINGEN. »Die VfL Pfullingen Handball Bundesliga GmbH & Co. KG meldet Insolvenz an.« Für
Pressesprecher Peter Wörz, der diese Meldung gestern um 14.13 Uhr verbreitete, war's seine letzte
Amtshandlung - und für die VfL-Handballer das Aus. Der Bundesliga-Absteiger wird sein Zweitliga-Startrecht
für die Saison 2006/07 nicht in Anspruch nehmen.
Gestern nachmittag machte sich der GmbH-Geschäftsführer Alfred Mayer auf den Weg zum Tübinger
Amtsgericht, gab dort die entsprechenden Unterlagen ab und beantragte die Einleitung eines Insolvenz-
Verfahrens. »Innerlich tut es sehr weh«, gibt der 68 Jahre alte Mayer zu, der im Jahr 1970 beim VfL das
Amt des Handball-Abteilungsleiters übernahm und damals außerdem Kapitän der Landesliga-Mannschaft
war. Seit 1998 fungierte Mayer als GmbH-Geschäftsführer und Gesellschafter.
»Die Nachricht vom Bundesliga-Aus hat mich richtig umgehauen«
»Wir haben keine Zukunftschancen mehr gesehen, weil keine Unterstützung da war«, formuliert Mayer.
»Deshalb haben wir die Konsequenz gezogen und uns zur Insolvenz entschlossen.« Beschlossen wurde
dieser Schritt am Montag abend bei einer außerordentlichen Gesellschafter-Versammlung der GmbH & Co.
KG. Vor dieser Versammlung wurden die Spieler über den Rückzug informiert. »Das hat mich richtig umge-
hauen«, erzählt das VfL-Urgestein Holger Breitenbacher. »Dass der Verein finanzielle Schwierigkeiten habe,
sei jedem Spieler klar gewesen, so Breitenbacher, »dieses Ausmaß wollte und konnte allerdings keiner
ahnen«.
Der VfL Pfullingen muss in Zukunft handballerisch kleine Brötchen backen. Der Verein hätte die Möglichkeit,
in die dritte Liga, die Regionalliga, zurück zu gehen. Das macht allerdings wenig Sinn, weil in der Kürze der
Zeit keine wettbewerbsfähige Mannschaft auf die Beine gestellt werden könnte. Nun strebt der Verein an,
nächste Runde in der Württemberg-Liga (das ist die fünfte Liga) um Punkte zu kämpfen, falls der Verband
seinen Segen dazu gibt. Die bisherige zweite Mannschaft war in der Verbandsliga (sechste Liga) stationiert.
Mit welchem Personal und mit welchem Trainer oder Spielertrainer die nächste Spielzeit angegangen wird,
steht noch nicht fest. Eine Rolle in den Überlegungen dürfte Holger Breitenbacher spielen. »Solche
Gedankengänge gibt es«, erklärt der seit 1985 das VfL-Trikot überstreifende Rückraumspieler, »doch jetzt
brauche ich erst einmal ein paar Tage, bis ich diesen Schock verdaut habe«.
Weshalb sah sich der VfL nun gezwungen, den Insolvenzantrag einzureichen? In den vergangenen Tagen
war zu hören und zu lesen, den Klub würden Altlasten in Höhe von über einer halben Million Euro belasten.
Selbst in der Stunde des Abgesangs wollten die Verantwortlichen keine Zahlen herausrücken. »Ich werde
nicht mit Summen um mich werfen«, windet sich Mayer wie ein Aal, einen Geldbetrag zu nennen. Dann
präzisiert er aber doch: »Altlasten gibt's nicht. Wir konnten zuletzt keine Gehälter mehr bezahlen.« Für den
Monat April fehle ein Restbetrag, die Monate Mai und Juni komplett. Wobei im Juni nicht alle Spieler auf der
Gehaltsliste stehen. Viele Akteure, vorwiegend altgediente, sind nämlich mit am 31. Mai auslaufenden Ver-
trägen ausgestattet.
Die Altlasten sind die eine Seite der Medaille. Die fehlende Zukunftsperspektive spielte letztlich die ent-
scheidende Rolle für den Handtuch-Wurf. In der Etatplanung für die zweite Liga herrschte ein Riesenloch.
»Als Sponsor hatten wir nur unseren langjährigen Partner SüdLeasing im Boot, sonst niemanden«, gibt
Mayer zu. Im Klartext: Vom angepeilten Etat in der Größenordnung von mindestens einer Million Euro war
der VfL meilenweit entfernt. »Mit der zweiten Liga sind wir in Stuttgart nie angekommen.« Im nächsten
Atemzug fügt Mayer resignierend hinzu: »Wir haben in Stuttgart die Sponsoren auch als Erstligist nie er-
reicht, vor allem deshalb, weil wir keinen sportlichen Erfolg hatten.«
Es sei »schade, dass die Erfolgsarbeit von Alfred Mayer und Teammanager Gottfried Staiger so zu Ende
geht«, sagt Gert Klaiber. Die Insolvenz sei aber »nicht mehr vermeidbar« gewesen. Der Vorsitzende des
VfL Pfullingen betont, dass der Hauptverein von dieser Insolvenz finanziell nicht betroffen sei. Dies sei auch
ein Verdienst seines Vorgängers Hans Krause, der 1998 die Handball-Profi-Abteilung vom Verein getrennt
hatte. Der VfL habe zwar Einlagen in der GmbH, so Klaiber, »doch das sind Gelder, die eh schon aufge-
zehrt waren und bar nicht zur Verfügung standen«. (GEA)