4. Oktober 2008, 17:30 Uhr und darauf folgende 60 Minuten inklusive Halbzeit. Harmi hatte bis zu diesem Zeitpunkt gedacht, handballtechnisch wirklich alles erlebt zu haben. Aber was dann folgt, wirft Ihn so stark aus der Bahn, dass er nahe dran ist, handballerisch alles hinzuwerfen. 
Harmis Truppe hat das erste Auswärtsspiel. Saskia fehlt leider, sonst aber alle an Bord. Harmi erinnert sich gerne an die glorreichen Zeiten zurück, als er noch Schiedsrichter war. Sonntags Nachmittags um 16:30 wurde hier gespielt. Nach der Heiligen Messe Zwischenstation in der Bahnhofskneipe, Mittagessen im Kolpinghaus, dann noch drei bis fünf lecker Söpken zur Verdauung und dann ab in die Halle zum Pöbeln. So sah der allgemeine Sonntag eines durchschnittlichen ortsansässigen Handballzuschauers aus. Dort ein Bezirksligaspiel zu pfeifen war meist der Höhepunkt einer Schirikarriere. Einige Schiris hatten nach dem Spiel nur noch einen beschränkt fahrtüchtigen PKW oder mussten sogar aus gesundheitlichen Gründen aufhören. 
Der Dorfverein aus der Nachbarschaft hat nur eine Minihalle und spielt auch in der Metropole. Harmi war lange nicht mehr hier und freut sich über neuen Fußboden und renovierte Kabinen.
In der Regionsliga weibliche B wird der Schiedsrichter / die Schiedsrichterin vom Heimverein gestellt. Die meisten Mädels hatten in der letzten Saison auch hier gespielt und eine furchtbar schlechte Erinnerung an das Spiel. Als Harmi die beiden spielleitenden Damen erblickt, hat er schon eine böse Vorahnung. 
Schiri Nummer eins ist geprägt vom dem in der norddeutschen Tiefebene so gefürchteten Gesichtsgefrierbrand. Nennen wir sie Rotbäckchen. Schwarze Trainingshose, schwarzes Sweatshirt, schwarze Turnschuhe. Schiritechnisch eigentlich korrekt gekleidet, muss sie sich von einer Zuschauerin die Frage gefallen lassen: „Ist was mit Oma?“ 
Nummer zwei trägt eine zeitlose Frisur, die eigentlich keine ist. Nennen wir sie Blondie. Als die Mädels sie sehen lästern sie: „Wie kann man sich nur graue Strähnchen machen?“ Harmi klärt Frieda auf, dass auch Frauen ab einem gewissen Alter zur vollautomatischen Friedhofsblondierung neigen und ehemalige Atomkraftneindankeaufkleberträgerinnen im Gegensatz zu den meisten Müttern der Mädels dazu stehen. Nebenbei freut Harmi sich, dass er die Leggings seiner Frau wiedersieht, die vor 13 Jahren in die Altkleidersammlung wanderte. So ist sie wenigstens nicht zu Putzlappen verarbeitet worden. 
Blondie hält ein Ensemble aus gelber und roter Karte, gepaart mit der Notizkarte und dem Kugelschreiber in der Hand. Dumm, dass Leggings und Fruit of the Loom – Sweatshirts keine Taschen haben…. Auf geht’s. Blondie ist Feldschiedsrichterin, wenn wir im Angriff sind. Sechs Torpfiffe, sechs Anwurfpfiffe und drei mal Kreis sind alles, was ihre Pfeife in der ersten Hälfte von sich gibt. Rotbäckchen pfeift außer dem ersten Anwurf und zwei Freiwürfen für die Gastgeber gar nicht, unter anderem auch, weil Harmis Mädels kein Tor werfen. Das wiederum liegt nicht unbedingt an einer starken Abwehrleistung oder einer starken Torhüterin der Gastgeber, sondern an der schlichten Verweigerung, Freiwürfe oder gar Strafwürfe für uns zu pfeifen. 
Erlaubt ist, was gefällt. Freistil in griechisch – katholisch, römisch – orthodox und russisch – reformiert, der Auswahl an Ringer- Catcher, Wrestling- und Boxelementen sind keinerlei Grenzen gesetzt. Die Vorteilsregel ist die einzige Regel, die beide Schiris beherrschen, allerdings gibt es bei Vorteilsauslegung auch keinen Freiwurf. Vor allem nicht für den Gastverein. Die gelbe und rote Karte dienen nur als Schreibunterlage. Man hört öfter das Wort „Vorsicht“, als einen Pfiff aus ihren Pfeifen. 
Halbzeit, wir haben noch kein Tor geworfen. Eins gegen eins geht heute nicht, Anne hat nach dem dritten Frontalangriff in der Luft keine Lust mehr, über den Block zu werfen, wofür Harmi vollstes Verständnis hat. Nebenbei fischt Gegners Keeper den Rest, der verzweifelt aus 13 Metern geworfen wird, locker ab. Gegentore fallen ausschließlich durch Tempogegenstöße über Gegners Vorgezogene. Die einzige Spielerin, die in dieser Prügelmannschaft auch Handball spielen kann, hat einen enormen Blick für die zweifelhafte Regelauslegung der Schiris und steht vorne immer dann frei, wenn sich gerade wieder mal eine von Harmis Spielerinnen vor Schmerzen am Boden krümmt. 
Harmi motiviert die Mädels in der Halbzeit, unter Rücksicht auf die eigene Gesundheit das Spiel einfach Spiel sein zu lassen und sich in der Abwehr nach Kräften zu wehren. Gegners Trainerin spricht mit den Schiris. Anscheinend haben sich ihre Mädels auch ein wenig weh getan. In der zweiten Hälfte werden jetzt auch einige Freiwürfe gepfiffen. Als der Heimverein die beiden größten Haudegen auswechselt, kommen wir auch zu Torchancen, weil die kleineren Spielerinnen noch nicht so doll prügeln können.
Frieda setzt sich gegen zwei Spielerinnen durch, wird allerdings kurz vorm Torwurf von einer dritten Spielerin aus der Luft gepflückt und landet ziemlich unsanft auf dem Boden. Rotbäckchen zeigt zum ersten Mal in ihrem Leben auf den Siebenmeterpunkt. Die mindestens fällige Zeitstrafe bleibt aus. Blondie winkt derweil Harmi aufs Feld. Harmi kümmert sich um Frieda und wird dabei liebevoll von Blondie unterstützt. 
Als Frieda wieder steht, passiert das Unglaubliche. Blondie nimmt Frieda in den Arm und sagt: „Ich würde dir raten, dass du jetzt nicht mehr so heftig Richtung Tor gehst, damit du dir nicht noch mal so weh tust, wenn du gefoult wirst.“ 

Nach einer fünf Sekunden Totenstille baut sich Harmi vor Blondie auf. Der Blutdruck erreicht ungekannte Werte, die Lunge arbeitet im Akkord, die Fäuste ballen sich, die ersten Adern treten hervor.
Der Urschrei kommt mit einer so gewaltigen Druckwelle, dass Blondies Haarpracht zu ungeahnten Frisuren mutiert:
„Ich möchte gerne mit 11 gesunden Mädchen nach Hause fahren! Wenn Ihr beiden nicht augenblicklich anfangt, nach den in Deutschland gültigen Handballregeln zu pfeifen, packen wir unsere Klamotten und hauen ab!“
Rotbäckchen hat nicht alles verstanden, weil plattdeutsch ihre eigentliche Muttersprache ist, und hält sich gepflegt zurück. Blondie hingegen reagiert, wie es sich für eine echte pädagogisch pfeifende Schiedsrichterin mit Waldorf-Ausbildung gehört. Sie will mit Harmi diskutieren. Bevor sie im einen Platz in dem von ihr geleiteten Aggresivtöpfern – Kurs der heimischen Volkshochschule anbieten kann, hat Harmi ihr mitgeteilt, dass er nicht diskutiert, sondern die Mädels vom Platz holt, wenn sie nicht augenblicklich anpfeift und das Spiel vernünftig über die Runden bringt. In seinem Rucksack sucht er verzweifelt nach dem Aldi-Einkaufswagen-Euro, den er Blondie geben will, damit sie die Parkuhr vorm örtlichen Rathauscafe vollquatschen kann. 
In den letzten fünfzehn Minuten verläuft das Spiel ohne weitere Zwischenfälle. Harmi überlegt mittlerweile, wen er bitten wird, das Rückspiel zu pfeifen. Und zwei Zeitnehmer werden sicherlich auch benötigt. Falls Harmi dann überhaupt noch Trainer ist.
