Seit 100Tagen ist Holger Kaiser als neuer Manager des SCM in Amt und Würden. Der Einstieg des 41-jährigen Ex-Ahleners beim Handball-Bundesligisten war nun wahrlich nicht einfach – Etatlücken, Bangen um die Lizenz, verschwundene Spielerverträge, die Hiobsbotschaften nahmen kein Ende. In der Sommerpause ist ein wenig Ruhe eingekehrt – genau der richtige Zeitpunkt, um mit Volksstimme-Redakteurin Janette Beck eine Zwischenbilanz zu Ziehen.
VS: Mit welchen Erwartungen haben Sie sich am 1.April an Ihre neue Aufgabe gemacht?
HK: Ich bin offen und unbelastet die ganze Sache angegangen. Natürlich war ich mir bewusst, dass der Job sehr arbeitsintensiv, aber superinteressant sein wird. Schließlich war ich durch die jahrelange Arbeit bei der SG Ahlen mit dem Geschäft vertraut. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich neugierig bin und keine Probleme habe, die Ärmel hochzukrempeln. Ich war vom ersten Tag an bereit, mit anzupacken und habe mich mit Freude in die Arbeit gestürzt.
VS: Aber mal ehrlich: Als sich nach dem Rücktritt von Ex-Manager Bern-Uwe Hildebrandt die Ereignisse überschlugen, das ganze Ausmaß der Krise sichtbar wurde und auch Sie in Kreuzfeuer der Kritik gerieten, haben Sie ihre schnelle Zusage da nicht bereut und sich gefragt: Worauf habe ich mich da eingelassen?
HK: Ähnlich wie bei Steffen Stiebler lagen auch mir zwischen der Anfrage, ob ich den Job als Manager des SCM und Geschäftsführers der Magdeburger Handball GmbH machen würde und der Entscheidung, nur knapp zwölf Stunden. Viel Zeit, um sich ein genaues Bild der Situation und mir Gedanken zu machen, was mich erwartet, hatte ich also nicht. Aber der Job war und ist für mich eine interessante Herausforderung.
VS: Aber spätestens nachdem Sie einen Einblick in den Bericht geworfen haben, den die unabhängigen Kontroller und Steuerberater infolge des „Kassensturzes“ erstellt haben, müssen Sie doch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben?
HK: Anfangs haben wir ja nicht einmal gewusst, dass es eine Etatlücke gibt, geschweige denn, wie groß diese ist. Dann wurde ziemlich schnell deutlich, dass da einiges im Argen lag. Wir mussten schnell reagieren, denn das Thema Lizenz stand an. Nachdem wir mit der HBL gesprochen und uns die dort eingereichten Unterlagen angeschaut haben, war klar: Unter diesen Umständen werden wir die Lizenz nicht bekommen: Es stand auf einmal Spitz auf Knopf.
VS: Stimmt es, dass das Etatloch, das dann schlussendlich von den treuen Sponsoren durch zusätzliche Aufwendungen gestopft wurde, weit über 500 000 Euro betragen hätte?
HK: Das ist nicht falsch.
VS: Tut es Ihnen nicht in der Seele weh, wenn man bedenkt, dass diese Geld dem Etat der neuen Saison – als zusätzliches Sahnehäubchen – auch gut zu Gesicht gestanden hätte?
HK: Wäre das Loch nicht gestopft worden, hätte es keine nächste Saison gegeben.
VS: Es gab immer wieder Kritik an der mangelnden Transparenz beim Neuanfang. Haben Sie sich auch deshalb nicht in die Karten schauen lassen, weil die Konkurrenz schon auf der Lauer lag und die Lizenz in Gefahr geraten wäre?
HK: Der Imageschaden war durch die turbulenten Ereignisse ja schon groß genug. Alles an die Öffentlichkeit zu zerren, hätte nicht dazu beigetragen, dass endlich Ruhe in die ganze Geschichte rein- und die Emotionen rauskommen. Im Gegenteil. In der schwierigen Situation ging es vorrangig darum, die Wirtschaft und Sponsoren für uns gewinnen und unsere Fans und Zuschauer mit attraktivem Handball weiter an die Mannschaft zu binden.
VS: Das setzt aber voraus, dass man zumindest in diesem Kreis die Karten offen auf den Tisch legt….
HK: Natürlich, und das haben wir getan. Ich muss sagen, die Bereitschaft, dem SCM zu helfen, war danach unglaublich groß. Dass wir die Lizenz bekommen haben, wurde primär vom gesamten Umfeld gestemmt. Ohne die fleißigen Mitarbeiter im Verein und nicht zuletzt durch die Fans, die seit März trotz aller Querelen weiter zur Stange gehalten haben und in die Halle gekommen sind, um die Mannschaft zu unterstützen, hätten wir es nicht geschafft.
VS: Können sie verstehen, dass Ihnen einige noch immer misstrauisch gegenüberstehen, weil Sie ein enger Freund des Präsidenten und zudem keiner „von hier“ sind?
HK: Ich kann nur sagen: Für mich spielen Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft keine Rolle. Ich würde meine Kritiker gern mit dem überzeugen, was ich leiste. Allerdings: Man wird niemanden überzeugen können, der sich nicht überzeigen lassen will. Das es beim Thema Freundschaft zum „Präsi“ Befindlichkeiten gab, das kann ich nachvollziehen. Aber Rolf Oesterhoff hat zum damaligen Zeitpunkt jemanden gesucht, der etwas vom Fach versteht und dem er voll vertrauen kann. Das hätte vielleicht jeder in dieser Situation gemacht.
VS: Wie sieht Ihre persönliche 100-Tage Bilanz aus?
HK: Ich glaube, wir haben gemeinsam schon einiges bewegt und auf den Weg gebracht – nicht nur die Lizenz. Unser Ziel war es, die Saison vernünftig zu Ende zu spielen, und das haben wir – mit dem Gewinn des EHF-Cups als Krönung – geschafft. Aber der Blick ging auch gleich wieder nach vorn. Die Mannschaft für die neue Saison hat ein neues Gesicht bekommen und wurde start verjüngt. Das Team besitzt großes Potenzial – da stecken Power, Ideen und Esprit drin.
VS: Trifft das auch für die Mannschaft zu, die sich im Management neu um sich gescharrt haben?
HK: Steffen Stiebler und ich sind ein gutes Team. Jeder bringt neue, frische Ideen ein und kann den anderen dafür begeistern. Wir verstehen uns auch menschlich sehr gut. Stabbel kniet sich voll in die Sache rein, da ziehe ich wirklich den Hut. Seit einer Woche ist auch Stefan Kretzschmar als neuer Sportdirektor mit im Boot, und ich bin mir sicher, auch er wird mit uns an einem Strang ziehen.
VS: Woran arbeiten Sie drei derzeit?
HK: Wir sind dabei, neue Strukturen aufzubauen und Ideen zur besseren Präsentation und Vermarktung des Vereins zu entwickeln und zu verwirklichen. So sollen beispielsweise der VIP-Raum und das Catering neu gestaltet werden. Es wird zu Saisonbeginn ein Hallenjournal erscheinen, und das Programmheft wird ein neues Gesicht bekommen. Parallel dazu muss noch der Kader komplettiert werden. Zwar fehlt noch immer der Ersatz für Oliver Roggisch, aber mit dem Franzosen Cederic Largent haben wir inzwischen einen sehr interessanten Spieler an der Angel.
VS: Welche sportlichen Ziele streben Sie mit der umformierten Mannschaft in der neuen Saison an?
HK: Wir haben Jahr eins nach dem großen Umbruch. Trainer Wenta hat – mit Ausnahme von Kubes, der erst 2008 kommt – „seine“ Mannschaft zusammen und kann jetzt seine Vorstellung voll und ganz umsetzten. Ich erwarte, dass wir attraktiven Tempo-Handball zeigen, mit einem neuen Spielsystem und mehr Dynamik. Auch für unsere Fans wird es spannend sein, zu beobachten, wie und mit welchem Tempo sich die neue Mannschaft entwickelt. Sicher braucht so ein neu formiertes Team, das aus qualitativ sehr guten Spielern besteht, auch Zeit, um sich zu finden. Unser Ziel sollte es dennoch sein, oben mitzuspielen. Wenn wir uns für einen der drei Europacup-Wettbewerbe qualifizieren könnten, wäre das eine Riesensache.
VS: Sie sehen das alles sehr optimistisch. Ist das nicht eher der Wunsch Vater des Gedankens, denn mit dem geplanten Saisonetat von 3,5 Millionen Euro spielt der SCM in der Liga eher die Rolle der grauen Maus?
HK: Zum Glück spielen nicht Etats gegeneinander, sondern Menschen – mit Geld allein lässt sich Erfolg nicht kaufen. Ich bin ein grenzenloser Optimist und der festen Überzeugung, dass in dieser Mannschaft riesige Entwicklungsmöglichkeiten stecken – wenn sie denn drei, vier Jahre in dieser Besetzung zusammenspielt und noch einige Verstärkungen dazukommen. Vielleicht gibt es aber schon in dieser Saison eine positive Überraschung, denn unser Vorteil könnte sein, dass wir nicht ausrechenbar sind und man uns unterschätzt.
VS: Es sollen sich einige Sponsoren infolge der Ereignisse zurückgezogen habe. Ist der Etat, der sich ja zu einem großen Teil aus Sponsorengeldern zusammensetzt, für die kommende Saison überhaupt gesichert?
HK: Ich sehe das ganz optimistisch, der Wirtschaftsplan steht und es gibt keinen Rückzug, sondern eher einen Zugewinn. Derzeit sind wir tatkräftig dabei, zusammen mit Siegfried Wagener und seiner Sportmarketing GmbH neue Sponsoren für uns zu gewinnen. Dies ist uns aktuell auch schon gelungen, und wir werden schon bald neue Partner vorstellen können.
VS: Wann geht es mit den mittelfristigen Planungen weiter?
HK: Schon im September / Oktober müssen wir die Weichen für die Saison 2008/2009 stellen. Damit der Abstand zu solchen Topvereinen wie Kiel, Kronau und Hamburg, die etatmäßig die Siebenmeilenstiefel angezogen haben, nicht noch größer wird, müssen wir nicht unseren Kader weiter aufmotzen, sondern auch im Marketing offensiver werden und neue Wege gehen.
VS: Ihr Vertrag läuft vorerst bis 2010. Welches sind die Eckpfeiler, auf denen Sie den „SCM der Zukunft“ stellen wollen?
HK: Perspektivisch gesehen ist für uns die Umwandlung zur Handball GmbH & Co. KG das favorisierte Modell. Nur so wird es uns gelingen, die Kapitaldecke zu erhöhen. Unser Bestreben ist es, bereits mit dem neuen Wirtschaftsträger die Lizenz für die Saison 2008/2009 beantragen zu können. Ganz entscheidend für die Zukunft wird sein, ob es uns gelingt, überregionale Sponsoren – sprich investitionsstarke „Global-Player“ – für uns zu gewinnen, um nicht den Anschluss zu den Top-Teams zu verlieren.
VS: Wenn das so einfach wäre. Was hat der SCM, was andere nicht haben?
HK: Wir sind ein Verein mit großer Tradition, aber auch mit großer Zukunft. Wir müssen die Leuchtturm-Position des SCM in der Region und die soziale Verantwortung, die wir als Handballverein mir exzellenter Nachwuchsarbeit übernehmen, noch mehr herausstellen und marketingtechnisch in die Waagschale werfen. Dass es dabei wichtig ist, eine erfolgreiche Mannschaft mit möglichst vielen Eigengewächsen zu haben, damit sich die Fans mit ihr identifizieren können, versteht sich von selbst.
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Das wertungsfreie komplette VS-Interview mit Kaiser. In Bezug darauf ist das Hildebrandt-Interview als Zweitmeinung in meinen befangenen Augen gelungen.