INTERVIEW KYUNG-SHIN YOON (34)
"Wenn der HSV ruft, komme ich zurück"
Der 2900-Tore-Mann über Abschiedstränen, Currywurst und Weißbier
DIRK HOFFMANN, NILS WEBER, LARS ALBRECHT
Er ist eine lebende Legende. Rekordtorjäger der Bundesliga mit unfassbaren 2900 Treffern in zwölf Jahren, achtfacher Torschützenkönig, Welthandballer. Heute im letzten Saisonspiel des HSV gegen Göppingen (15 Uhr, Color Line Arena) sagt Kyung-Shin Yoon tschüs, der 34-Jährige kehrt zurück in seine Heimat Südkorea. Vorher sprach der Superstar mit der MOPO über seinen Abschied, seine Karriere und die Dinge, die er an Deutschland vermissen wird.
MOPO: Herr Yoon, was sagt Ihnen die Zahl 2900?
Yoon: Eigentlich nichts.
MOPO: So viele Tore haben Sie in der Bundesliga geworfen.
Yoon: Echt? Das habe ich nicht gewusst! Eine unglaubliche Zahl. Das hätte ich nie gedacht, irgendwann hört man einfach auf zu zählen.
MOPO: Können Sie sich noch an Ihr erstes Tor erinnern?
Yoon: Ja. Das war am 12. Dezember 1995 für Gummersbach gegen Düsseldorf. Als ich damals aus Korea kam, waren 500 Leute beim ersten Training. Die haben dafür zwei Mark Eintritt bezahlt.
MOPO: Alle wollten wohl den 2,04-Meter-Riesen sehen ...
Yoon: Genau. Viele dachten, ich bin groß und unbeweglich, kann der Mannschaft gar nicht helfen.
MOPO: Eine schwere Zeit?
Yoon: Der Anfang war hart. Ich konnte kein Wort Deutsch und war verwundert, dass es in den Hallen so laut ist.
MOPO: Wer hat Ihnen geholfen?
Yoon: Vor allem Heiner Brand (jetzt Bundestrainer; Anmerkung der Redaktion). Er war nicht nur mein erster Coach hier, er hat sich auch privat um mich gekümmert. Weihnachten durfte ich sogar bei seiner Familie verbringen.
MOPO: Wie lange hat die Eingewöhnung gedauert?
Yoon: Ein Jahr bestimmt. Sportlich wurde ich schnell akzeptiert, und langsam kam auch die Sprache dazu.
MOPO: Inzwischen sind es zwölf Jahre in Deutschland. Eine zweite Heimat?
Yoon: Ich fühle mich hier sehr wohl und werde das Land vermissen. Gerade Hamburg ist eine Traumstadt, die mir ans Herz gewachsen ist.
MOPO: Was werden Sie denn in Südkorea vermissen?
Yoon: Das Essen. Anfangs habe ich im Trainingslager immer vier, fünf Kilo abgenommen. Aber mittlerweile esse ich fast alles. Currywurst und Schnitzel sind meine Favoriten. Zum Glück gibt es in Seoul auch einige gute deutsche Restaurants.
MOPO: Gibt es dort auch Bier?
Yoon: Aber ja. Ich stehe vor allem auf Weißbier. Das kostet da allerdings zehn Euro.
MOPO: Wieviel Alkohol vertragen Sie denn überhaupt?
Yoon: Na ja, wir Koreaner trinken sehr schnell und sind dann schnell voll! Die vier Tage mit der Mannschaft auf Mallorca waren für mich ganz schön hart...
MOPO: Welchen Mitspieler werden Sie denn beim HSV am meisten vermissen?
Yoon: Krzysztof Lijewski. Wir spielen beide im rechten Rückraum und haben beide am 7. Juli Geburtstag. Er ist wie mein kleiner Bruder.
MOPO: Sein "echter" Bruder Marcin kommt aus Flensburg und soll Sie nächste Saison ersetzen. Ist das möglich?
Yoon: Ich glaube schon, er ist ein toller Handballer. Aber der HSV wird anfangs Probleme haben. Viele neue Spieler kommen, und wegen Olympia fällt die Vorbereitung fast komplett aus.
MOPO: Was trauen Sie der Mannschaft denn zu?
Yoon: Sie wird mit Kiel wieder um den Titel mitspielen.
MOPO: Dieses Jahr hat das allerdings nicht geklappt.
Yoon: Das tut mir auch nach wie vor sehr weh. Ich hätte mich gerne mit der Meisterschaft verabschiedet. Dennoch war es die beste Entscheidung meines Lebens, nach Hamburg zu wechseln.
MOPO: Besteht denn eine Chance, dass Sie eines Tages ein HSV-Comeback geben?
Yoon (lacht): Nun, die 3000-Tore-Marke müsste doch zu knacken sein. Aber im Ernst: sollten sich mehrere Spieler verletzen und der Verein würde anrufen, würde ich hundertprozentig für zwei, drei Spiele aushelfen.
MOPO: Jetzt steht jedoch erstmal Ihr Abschied an. Wird es Tränen geben?
Yoon: Ich weine ungern vor anderen Leuten. Aber wer weiß schon, was nach dem Spiel passiert.
MOPO: Welche Momente werden Ihnen in besonderer Erinnerung bleiben?
Yoon: In erster Linie das Champions-League-Halbfinale gegen Ciudad Real. Wie uns die Fans nach dem knappen Scheitern im Rückspiel gefeiert haben, werde ich nie vergessen. Das war der Wahnsinn.
MOPO: Und welche Tore sind Ihnen besonders wichtig?
Yoon: Es gibt zwei. Mein Treffer, der uns in León zum Europapokalsieger gemacht hat. Und der Siegtreffer in Kiel diese Saison. Nach zwölf Jahren endlich der erste Sieg beim THW.
MOPO: Nach dem Göppingen-Spiel ist Ihre Profi-Karriere vorbei. Sind Sie froh?
Yoon: Nein, mein Körper ist zwar nicht mehr der alte, doch es fällt mir nicht leicht, zu gehen. In Korea beginnt nun mit meiner Frau und meinem dreijährigen Sohn ein neuer Lebensabschnitt. Im Oktober schaue ich dann mal wieder vorbei - wenn der HSV gegen Kiel spielt.
(MOPO vom 17.05.2008 / SEITE 52-53)