Wetzlar dankt TBV Lemgo (WNZ)23.05.200534:36 beim TV Großwallstadt nach desolater erster Halbzeit
Es Ist schon eine prima Sache, sich auf einen starken Partner verlassen zu können. Zum Beispiel auf einen wie Fynn Holpert. „Locker bleiben, wir machen das schon", hatte der Manager des TBV Lemgo gestern Nachmittag seinem Kollegen Rainer Dotzauer von der HSG Wetzlar via Handy von Minden in die Aschaffen burger Unterfrankenhalle übermittelt. Und Holpert hielt Wort.
Wenn auch nur hauchdünn mit 30:29 gewannen Lemgos in die Jahre gekommenen „Hochgeschwindigkeits-Handballer" das Ostwestfalen-Derby bei GWD Minden/Hannover, wonach die Mindener vorzeitig als Teilnehmer an der Relegation ebenso feststehen wie zuvor Schlusslicht Post SV Schwerin und der Vorletzte VfL Pfullingen als Absteiger. Gleichzeitig bewahrte der TBV die Wetzlarer Grün-Weißen vor einem „Herzschlag- Finale" am letzten Spieltag der Männer-Bundesliga gegen den HSV Hamburg.
Bei 21:45 Punkten und drei Zählern Vorsprung auf Minden/Hannover ist der letzte Zweifel am Klassenverbleib endgültig vom Tisch, die achte Saison der Handballgemein schaft aus Dutenhofen und Münchholzhausen zugleich in trockenen Tüchern. Trotz der eigenen 34:36 (10:18)-Pleite beim Tabellenzwölften TV Großwallstadt. „Unser Dank geht nach Lemgo", wusste denn auch der Macher, wem der erste Satz gebührte - und dabei schossen ihm für einen Augenblick die Tränen in die Augen.
Bevor Holpert die letzte erlösende SMS mit dem End stand von Minden abdrückte, hatte Rainer Dotzauer genau wie Trainer Holger Schneider und die rund 180 mitgereisten HSG-Fans in der mit 4200 Zuschauern gut gefüllten Un terfrankenhalle in Aschaffen burg ein Stahlbad der Gefühle erlebt. Zunächst eine desolate erste Halbzeit, in der die Grün-Weißen nicht nur in der Abwehr zu defensiv und viel zu passiv agierten, sondern sich auch vorne wie ein Hau fen uninspirierter Individuali sten präsentierten. Die Folge: Großwallstadt zog - angeführt vom überragenden Spielma cher Snorri Gudjonsson (12/2 Tore) - über die Stationen 5:1 (6.) und 7:4 (11.) locker-leicht mit 14:7 (22.) in Front. Kurz vor der Pause führten die Mainfranken sogar mit 18:9.
Auch, weil es die HSG wieder einmal nicht verstanden hat te, ein Überzahlspiel zu nutzen und stattdessen noch weitere Treffer kassierte. „Wir haben die erste Viertelstunde total verschlafen", bekannte Mann schaftskapitän Axel Geerken, „dem frühen Rückstand sind wir dann das ganze Spiel hinterhergelaufen." Der junge Sebastian Roth umschrieb die „unterirdische" Darbietung so: „Es hatte in den ersten 30 Minuten den Anschein, als würde Großwallstadt und nicht wir die Punkte zum Klassenerhalt brauchen. Nach der Pause haben wir dann aber so etwas wie Charakter gezeigt."
„Die Spieler haben den Trai ner in Durchgang eins regel recht im Stich gelassen", nahm Dotzauer Holger Schnei der in Schutz. Der brachte seine Truppe mit einer ein dringlichen Pausenansprache („Jungs, so desolat könnt ihr auf keinen Fall weiterma chen.") auf Trab. Sein Appell verhallte nicht ungehört. Plötzlich spielten die Gäste mit und brachten den TV Großwallstadt und seinen nach neun Jahren beim TVG das Kommando an Michael Roth übergebenden Coach Pe ter Meisinger mit einem mäch tigen Schlussspurt in die Bre douille.
Von 27:33 (54.) kämpf te sich Wetzlar auf 33:35 (59.) heran, verpasste aber die Chance zum Anschluss, ehe Jacek Bedzikowskis Treffer zum 36:33 40 Sekunden vor dem Ende die Stimmung für die große Abschiedspartie des TV Großwallstadt (sieben Spie ler verlassen den Klub) mit 1001 Litern Freibier rettete. „Wenigstens konnten wir das Ergebnis etwas freundlicher gestalten", meinte Schneider, der die HSG zum Saisonende verlassen wird. Richtig freuen konnte sich der Mann aus Güstrow gestern nicht. Er hätte es lieber gesehen, wenn seine Mannschaft aus eigener Kraft vorzeitig alles klar ge macht hätte: „Trotzdem, ein Dankeschön nach Lemgo."
Großwallstadt: Lichtlein, Klier (43. bis 53.) - Hofmann, Hetkamp, T. Meisinger, Gud jonsson (12/2), Fetser (2), Holmgeirsson (5), Kunze (2), Bedzikowski (4), Wolf (3), Kunz (2), Brack (4/4), Lochman (2)
Wetzlar: Geerken, Strzelec (10. bis 40.) - Clößner (3), Lex, Roth, Sighvatsson (6), Kesta witz (3), Monnberg (6), A. Klimpke, Jörgensen (1), Kiesel horst, Alvanos (5), Golic (3/2), Caillat (6)
Schiedsrichter: Becker/lack (Halberstadt)
Zuschauer: 4200 (in Aschaffenburg)
Zelt strafen: Großwallstadt fünf (T. Meisinger zwei, Hetkamp, Bedzikowski, Wolf),
Wetzlar sieben (Caillat zwei, Sighvats son zwei, Kestawitz zwei, Clößner).
Gerhard Collinet