Interview mit Michael Kraus
Michael Kraus kritisiert die ehemaligen Nationalspieler
Er ist der momentan meist gefragteste deutsche Handballer. Kapitän Michael Kraus steht im Brennpunkt der Medien und musste sich zuletzt einer immer größer werdenden Kritik ausgesetzt sehen. Im Interview beantwortet der deutsche Spielmacher Fragen zur möglichen mangelnden Motivation des Bundestrainers, seiner Ausübung des Kapitänsamtes und dem Traum, endlich in der Champions League zu spielen.
Welches Fazit ziehen Sie nach dem bisherigen Turnierverlauf?
Michael Kraus: Das war eine absolut enttäuschende Europameisterschaft. Wir hatten hier eindeutig zu viele Baustellen, die wir nicht stopfen konnten. Kaum ein Spieler hat sein wahres Leistungsvermögen abrufen können. Mich eingeschlossen. Ich war weder körperlich noch mental so da, wie ich es sein wollte. Das muss ich in den kommenden Tagen reflektieren.
Wie weit ist Deutschland gegenwärtig von der Weltspitze entfernt?
Der Abstand ist nicht groß. Wir haben gesehen, dass wir mit den Polen und Franzosen auf Augenhöhe agieren können. Das Spanien-Spiel sollte man in dieses Fazit nicht einfließen lassen, da waren wir schlichtweg zu müde.
Sie selbst standen zuletzt sehr häufig in der Kritik.
Damit umzugehen fiel mir auch sehr schwer. Ich erlebe zum ersten Mal, dass die Welt über einem einzelnen so zusammenstürzt. Ich habe versucht, das zwar zu reflektieren, aber trotzdem nicht so nah an mich heran zu lassen. Aber wer schon mal Sport gemacht hat, der weiß, dass das ein Teufelskreis ist und man aus dem Grübeln kaum herauskommt.
Viele ehemalige deutsche Handballer üben immense Kritik an Ihrer Ausübung des Kapitänsamtes.
Das sind dann genau die Personen, die, wenn Sie vor mir stehen, mir ins Gesicht lächeln und meine Schulter tätscheln.
Belastet Sie das gar nicht?
Nein, denn ich habe das Vertrauen des Nationaltrainers. Heiner Brand hat sich doch mit der Vergabe der Kapitänsbinde etwas gedacht und er weiß, dass das ein Amt ist, in das man Stück für Stück hinein wächst.
Werden Sie es denn irgendwann ausfüllen?
Ich hoffe, dass es mir jetzt schon ordentlich gelingt. Aber ich bin für einen Kapitän noch sehr jung und hoffe, das in Zukunft noch besser zu machen.
Auf dem Spielfeld hauen Sie aber jetzt schon verbal immer häufiger dazwischen.
Das muss ich auch. Manchmal muss man die Mitspieler aufrütteln, mal ein Zeichen setzten. Das geht natürlich am Besten, wenn man selbst Topleistungen bringt. Dann wird man am ehesten respektiert.
Wie fühlt sich denn Ihr Körper nach den ganzen Belastungen an?
Es tut tatsächlich alles weh. Mein Knie ist zwar momentan wesentlich stabiler, aber die Hüfte und der Oberschenkel zwicken ordentlich.
Sie sind bereits mit Knieproblemen zur Europameisterschaft gekommen. Werden Sie in den kommenden Wochen bei Ihrem Verein Lemgo ein wenig Regenerationsmöglichkeit bekommen?
Ich sollte ja eigentlich schon den ganzen Dezember pausieren, aber der Verein brauchte mich, also habe ich alle Spiele gemacht. Ich werde jetzt unseren Trainer Volker Mudrow ansprechen, ob ich vielleicht ein wenig Urlaub bekommen könnte. Mein Körper ist müde und dann wird es mein Kopf sehr schnell auch.
Von vielen Fachleuten wird augenblicklich spekuliert, ob Nationaltrainer Brand noch die nötige Motivation für den gegenwärtigen Umbruch dieser Mannschaft mitbringt. Wie sehen Sie das als Kapitän?
Heiner brennt immer noch. Er bereitet uns topp auf die einzelnen Spiele vor, findet immer die richtigen Ansprachen. Außerdem hat er von Anfang an jeglichen Druck von uns genommen. Das macht doch alles einen richtig guten Trainer aus.
Der angesprochene Umbruch läuft seit dem Weltmeistertitel 2007. Ist das bislang der schwerste Umbruch eines deutschen Handballteams?
Es ist zumindest so, dass die gegenwärtige Mannschaft kaum Stützpfeiler im Team hat, die solche Turniere schon häufiger gespielt hätten. Die Ausfälle von Pascal Hens und Sebastian Preiß treffen uns zudem noch wesentlich härter. Die beiden sind erfahrene Spieler, an denen man sich manchmal auch hochziehen kann.
Hens sagt, er sei kein Messias des deutschen Handballs.
Sicherlich ist er das nicht. Aber er ist jemand, der die ganz einfachen Tore machen kann. Und zusammen mit Lars Kaufmann sind die beiden auf der halblinken Position absolute Weltspitze.
Der von Ihnen angesprochene deutsche Rückraum, der vor diesem Turnier als das Prunkstück bezeichnet wurde, versagte in vielen Spielen. Hängt dies auch damit zusammen, dass bis auf Michael Müller, der Ersatzmann bei den Rhein Neckar Löwen ist, kein deutscher Rückraumspieler in der Champions League vertreten ist?
Das ist sicherlich mit ein Faktor. Ich habe immer gesagt, dass die besten deutschen Spieler durchweg auch in der Königsklasse spielen müssen. Dort gewöhnt man sich an die internationale Härte, an die Abläufe und den Druck von medienrelevanten Spielen. Das ist eine völlig andere Erfahrung als die von Bundesligaspielen.
Sie selbst sind mit Lemgo aber ebenfalls nicht in der Champions League aktiv.
Das stimmt und sollte sich schnellstmöglich ändern. Ich wollte eigentlich schon viel früher in der Königsklasse spielen, aber bisher hat es nicht geklappt. Ich hoffe, dass Lemgo nun die Strukturen hat, sich bald dafür zu qualifizieren?
Ansonsten sind Sie weg?
Ich habe Vertrag bis 2012. Alles andere besprechen wir zur gegebenen Zeit.
Zum Abschluss: Wie sehen Sie den letzten Gegner Tschechen?
Die Tschechen, mit meinen beiden Teamkollegen Galia und Kubes spielen ein überragendes Turnier. Ich habe schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass das eine bärenstarke Truppe ist. Wir wollen uns natürlich mit einem Sieg verabschieden, müssen aber auch erstmal sehen, was unsere Körper noch hergeben.
Und wer wird Europameister?
Ich denke, dass Frankreich im Finale auf Polen treffen wird. Und dann entscheidet bei solchen Klasseteams die Tagesform.
Das Interview führte Rafael Buschmann