Hier ein Interview vom Heutigen Kölner Stadt Anzeiger mit Heiner Brand über das Spiel Gummersbach - Lemgo und deie Lage des Deutschen Handballs.
ZitatAlles anzeigen„Hatte fast keine Hoffnung mehr”
Vor dem Bundesliga-Schlagerspiel zwischen dem VfL Gummersbach und Tabellenführer TBV Lemgo am Samstag in der Kölnarena sprach Christoph Pluschke mit dem Bundestrainer.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Für wen schlägt am Samstag Ihr Herz - für Ihren alten Klub VfL Gummersbach oder für den TBV Lemgo, der ja den Kern der deutschen Nationalmannschaft bildet?HEINER BRAND: Weder noch. Ob Sie’s glauben oder nicht - ich habe mich im Laufe der Jahre zu einem absolut neutralen Zuschauer entwickelt, wo auch immer ich auf der Tribüne sitze.
Dennoch kann Ihnen das Schicksal Ihres Heimatvereins nicht gleichgültig sein...
BRAND: Ist es auch nicht. Ich freue mich natürlich sehr über die Entwicklung, die der Klub in den vergangenen Monaten genommen hat. Es gab Zeiten, da hatte ich fast keine Hoffnung mehr, dass sich der VfL
jemals wieder aufrappeln kann. Als alter Gummersbacher hatte ich mich beinahe schon damit abgefunden, dass es den VfL irgendwann nicht mehr geben würde.
Ihre persönliche Genugtuung muss umso größer
sein, da man nun dabei ist, all das umzusetzen, was Sie bereits vor Jahren - aber noch vergeblich - forderten, also die Hinwendung nach Köln unter Nutzung aller Marketing-Möglichkeiten, die sich dort auftun, eine völlige Umstrukturierung des Vereins, eine personelle und wirtschaftliche Runderneuerung.
BRAND: Es war ja auch klar, dass der VfL andernfalls mittel- und langfristig keine Chance zum Überleben mehr gehabt hätte, zumindest nicht mit dem Anspruch, Spitzenhandball zu bieten. Was mich allerdings ziemlich verblüfft, ist die Rasanz, in
der diese Entwicklung jetzt voranschreitet. Aber dabei zeigt sich auch: Dieser Weg ist der richtige, auf diese Weise kommt nicht nur der VfL, sondern der gesamte Handball in Deutschland voran.
Mit anderen Worten: Der einstige Klub der chronischen Krise hat sich zu einem modernen Gebilde mit Modellcharakter gewandelt.
BRAND: Das kann man so sehen, zumal die Entwicklung ja nicht abgeschlossen und noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch das Beispiel Hamburg (dort firmiert und spielt die einstige SG Bad Schwartau mittlerweile als „HSV Hamburg“, d. Red.) deutet in diese Richtung: Auch und gerade in Großstädten findet der Handball großartige Akzeptanz.
Geld allein garantiert allerdings noch keinen Erfolg, wie sich momentan am THW Kiel zeigt. Der amtierende Meister, das Team mit dem höchsten Etat, krebst am Tabellenende herum...
BRAND: Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind dort sicherlich sehr gut, und es fehlt auch nicht am
nötigen sportlichen Know-how, sonst hätten die Kieler in den vergangenen Jahren nicht diese dominierende Rolle gespielt. Aber auch ein solcher Klub muss mal ein Jahr des Umbruchs durchleben. Den Weggang des
alle überragenden Markus Wislander hat man erwartungsgemäß nicht kompensieren können, hinzu kam Verletzungspech. Der THW wird weiter an seiner neuen Mannschaft arbeiten, ohne in Panik zu verfallen, und nächstes Jahr wieder angreifen. In der laufenden Saison wird er sicher bald da unten rauskommen, aber für einen Platz ganz oben wird es nicht mehr reichen.
Und Lemgos Mannschaft marschiert unterdessen fröhlich durch zur deutschen Meisterschaft.
BRAND: Abwarten. Im Moment ist der TBV das alles dominierende
Team. Aber es kann noch viel passieren. Es braucht nur einer der Leistungsträger auszufallen, schon kann es Probleme geben. Auch in der vorigen Saison haben sie lange wie der sichere Meister ausgesehen und sind dann doch noch eingebrochen. Allerdings machen sie mittlerweile auf mich einen stabileren Eindruck.
Nicht nur bei einzelnen Klubs, auch in der ganzen Liga tut sich einiges. So wurde vor zwei Wochen die Verselbstständigung der Profiligen unter dem Dach des Deutschen Handball-Bundes beschlossen.
BRAND: Ein wichtiger und vernünftiger Schritt. Überhaupt müssen wir an der Darstellung unserer gesamten Sportart arbeiten.
Zumal nächstes Jahr neue Fernsehverträge ausgehandelt werden.
BRAND: Gerade dafür müssen wir uns in eine Position der Stärke bringen. Bisher ist unsere TV-Präsenz jedenfalls äußerst unbefriedigend. Warum das so ist, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Unsere Vorleistungen sind doch schon jetzt beachtlich: Das Produkt Handball ist überaus attraktiv, die Nationalmannschaft spielt erfolgreich, der Klubhandball boomt, wir stellen Champions-League-Gewinner und Europacupsieger, die Hallen sind voll, der Event-Charakter verstärkt sich mehr und mehr, der Sport ist ausgesprochen telegen und obendrein frei von Dopingskandalen. Also muss die Frage erlaubt sein: Was spricht gegen mehr Handball im Fernsehen? Aber womöglich fehlt uns noch die Lobby.