Ein nach der Pause entfesselt aufspielender VfL holte sich zwei wichtige Punkte in Wetzlar
(bv/30.4.2005-1:00) Von Bernd Vorländer
Wetzlar – In der Handball-Bundesliga kann der VfL Gummersbach nach dem überzeugenden 23:31 Auswärtssieg in Wetzlar weiter nach vorne schauen. Die Chance auf den fünften Platz wird immer größer
[Bilder: Peter Lenz --- Er kann auch richtig jubeln und freute sich mit seiner Mannschaft: Trainer Lajos Mocsai.]
Hat man in den letzten Jahren zwei solch unterschiedliche Halbzeiten gesehen. Während bei den Oberbergischen vor der Pause nahezu alles schief lief und kein Spieler Normalform erreichte, steigerte man sich nach dem Wechsel enorm und kam in einen wahren Spielrausch. Wetzlar dagegen war spätestens ab der 45. Minute stehend k.o.
HSG Wetzlar – VfL Gummersbach 23:31 (16:11).
War das ein Spiel. Wer nicht dabei war, wird es kaum glauben können, dass man in der ersten Hälfte sehr schlecht agierte, einen Fehler an den anderen reihte, in der Kabine aber offenbar „Hallo-Wach“ verabreicht bekam. Denn spätestens nach 35 Minuten ging ein Ruck durch die in rot gekleideten Gäste-Reihen, und gegen den VfL-Express hatte die HSG-Bimmelbahn nicht mehr den Hauch einer Chance.
[Kam erst nach der Pause zur Geltung: Linkshänder Kyung-Shin Yoon.]
Ins Spiel startete der VfL, der den verletzten „Zouzou“ Houlet nur für den Notfall auf der Bank hatte, durchwachsen. 2:2 stand es nach wenigen Minuten. Dann begann beim VfL eine Fehlpass- und Technische-Fehler-Orgie, die die Hessen gnadenlos ausnutzten. Innerhalb kurzer Zeit führten dieer Gastgeber mit vier Treffern. Geradezu hilflos musste der VfL mit ansehen, wie Wetzlar, allen voran der in der Anfangsphase überzeugende Nebosja Golic, immer weiter einteilte. Auf der rechten Seite bekam die Gummersbacher Deckung Linkshänder Alexis Alvanos nicht in den Griff, und von links traf der nach einer Ellebogenverletzung lange Zeit ausgefallene Christian Caillat gegen eine indisponierte Abwehr.
[Daniel Narcisse war nach der Pause von der HSG-Deckung kaum noch zu halten.]
Schon beim 10:5 schien sich eine Überraschung anzubahnen, und auch eine Auszeit von VfL-Trainer Lajos Mocsai nach einer Viertelstunde brachte zunächst keine Wirkung. Allerdings war Henning Wiechers nach seiner Einwechslung schon in der ersten Hälfte klar besser als Steinar Ege, der begonnen hatte, jedoch keine Hand an den Ball bekam. Wetzlar legte beim 12:6 sechs Tore vor, die 4400 Zuschauer feierten ihr Team schon frenetisch, und selbst in Überzahl kassierte man bei den Gästen noch Gegentore.
[Marc Dragunski riss am Kreis die Lücken für seine Nebenspieler.]
Das VfL-Schicksal schien besiegelt, als man kurz vor der Pause bei zwei Tempogegenstößen technische Fehler beging und mit einem satten Fünf-Tore-Rückstand in die Pause schlurfte.
Dort muss Klartext geredet worden sein. Zwar hielt die HSG bis zur 35. Minute ein 19:14, doch dann hatten die Mittelhessen ihr Pulver verschossen und dem Wirbel des VfL nichts mehr entgegenzusetzen. Kyung-Shin Yoon, der in der ersten Hälfte so gut wie nichts zusammengebracht hatte, traf plötzlich. Und es wirkte sich aus, dass Trainer Mocsai Narcisse für den keineswegs enttäuschenden Ivan Lapcevic in den Angriff beorderte. Der Franzose traf plötzlich nach Belieben. Lapcevic seinerseits war vom Siebenmeterpunkt absolut sicher.
[Team-Time-Out: Lajos Mocsai stellt seine Mannschaft neu ein.]
Und im Tor wurde Henning Wiechers immer stärker, raubte den HSG-Rückraumspielern den letzten Nerv. Der VfL schoss sechs Tore in Folge und ging beim 19:20 nach 46 Minuten erstmals in Front. Bis zum 22:24 blieb Wetzlar dran. Im Anschluss jedoch gingen die Gastgeber regelrecht unter, und schon weit vor Spielschluss feierten 100 mitgereiste Fans den Auswärtssieg frenetisch. 20:7 gewann Gummersbach die zweite Hälfte.
[Hier setzt sich Frank von Behren gegen die Wetzlarer Abwehr durch.]
Für Trainer Lajos Mocsai kein Zufall, denn man habe in den vergangenen Wochen verschärfte Konditionsarbeit betrieben, die sich jetzt auszahle. „Am Anfang waren wir noch steif und unbeweglich, aber zum Ende hin ging es sehr gut.“. So gut, dass der VfL den Europacup annähernd sicher hat und in der Tabelle immer weiter aufrückt. Für die Hessen dagegen war es die zehnte Niederlage hintereinander. In der schmucken Mittelhessen-Arena gelang bei sechs Heimspielen noch kein Punktgewinn, und HSG-Coach Holger Schneider wirkte nach dem Spiel ratlos.
[Ivan Lapcevic traf mit traumwandlerischer Sicherheit vom Siebenmeterpunkt und machte insgesamt zehn "Buden".]
Es wäre kein Wunder, wenn in den letzten Partien der um den Klassenverbleib kämpfenden Wetzlarer ein neuer Mann auf der Bank sitzen würde. Der VfL zeigte sich jedenfalls erneut verbessert. Trotz vieler Fehler in den ersten dreißig Minuten steckte man nicht wie in der Vergangenheit den Kopf in den Sand, sondern zog sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel. Auch ein Verdienst von Neu-Trainer Lajos Mocsai.
Trainerstimmen:
Holger Schneider (HSG): Ich hätte mich gefreut, wenn wir heute keine Pause gehabt hätten. Nach dem Wechsel haben wir völlig den Faden verloren, obwohl wir in der ersten Hälfte wirklich guten Handball gespielt haben. Als wir klar Chancen vergeben haben, hat Gummersbach die zweite Luft bekommen. Nach der zehnten Niederlage in Serie kann ich nur noch abwarten, was der Verein macht.
[Trikot zerrissen und hart bedrängt, aber am Ende glücklich über zwei Punkte: Ian-Marco Fog.]
Lajos Mocsai: Am Anfang waren die Gastgeber die klar bessere Mannschaft, aber wir haben uns dann kontinuierlich gesteigert. Wichtig war nach dem Wechsel, dass Mark Dragunski die HSG-Deckung beschäftigt, und so Freiräume für den Rückraum geschaffen hat. Ich hatte vor dem Spiel großen Respekt vor Wetzlar, aber eine Videoanalyse hat mir gezeigt, dass man sich gegen die HSG die Kräfte einteilen muss. Das haben wir gemacht, und auch die konditionelle Arbeit beginnt sich auszuzahlen. Mit 9:1 Punkten aus den fünf Spielen unter meiner Leitung bin ich zufrieden.
HSG Wetzlar:
Axel Geerken
Waldemar Strzelec
Alexis Alvanos (6)
Mario Clößner (4)
Christian Caillat (4)
Arvidas Kestawitz (2)
Nebosja Golic (2/2)
Björn Monnberg (1)
Kai Kieselhorst (1)
Robert Sighvatsson (1)
Andreas Lex (1)
Aljoscha Schmidt (1/1)
Jan Eiberg Jörgensen
Sebastian Roth
VfL Gummersbach:
Steinar Ege (1-14.)
Henning Wiechers (15.-60./ 10 Paraden)
Kyun-Shin Yoon (4)
Daniel Narcisse (7)
Alexander Mierzwa (2)
Michael Spatz
Ian Marko Fog (1)
Mark Dragunski (1)
Ivan Lapcevic (10/8)
Cedric Burdet (4)
Frank von Behren (2)
Francois-Xavier Houlet (n.e.)
Jörn Ilper (n.e.)
Dirk Schumacher (n.e.)
Zuschauer: 4.400.
Schiedsrichter: Bernd Andler und Herbert Andler (Stuttgart).
Siebenmeter: 4:8 – 2:8 (Golic und Schmidt scheitern am Pfosten).
Zeitstrafen: 16:8 Minuten (Sighvartsson (3), Caillat (2), Clößner (2), Monnberg) - ( Lapcevic, Fog, Yoon, Mierzwa).
Rote Karten: Sighvartsson (52.)
Beste Spieler: Alvanos – Wiechers, Lapcevic, Narcisse (2. HZ).
Spielfilm: 5:2 (8.), 7:3 (10.), 10:5 (14.), 12:6 (23.), 16:11 (Halbzeit) - 19:14 (36.), 19:20 (46.), 22:24 (51.), 22:29 (57.), 23:31 (Endstand).