Schalke 04 - seit Jahren in Geldnot
WamS 08.01.2006
Schalke 04 - seit Jahren in Geldnot Der Bundesliga-Fußballverein steckt in einer Krise. Ein Blick in die Bücher zeigt, daß der Verein über seine Verhältnisse lebt
Es hätte für den FC Schalke 04 ein guter Start ins Jahr werden können. Statt dessen werden bei dem Klub Erinnerungen an vergangene Chaostage wach. Ein ehemaliger Hilfs-Trainer soll den Verein zurück in die Champions League führen. Funktionäre liefern sich eine Schlammschlacht. Selbst der bislang unangefochtene Manager Rudi Assauer gerät in die Kritik. Als "eine Art Schalker Beckenbauer" müsse er weggelobt werden, schlug jüngst Aufsichtsratschef Clemens Tönnies vor.
Warum das Theater? Es scheint, als stünden die Schalker mächtig unter Druck. Dazu trägt auch die angespannte Finanzlage bei. Für eine Anleihe des Londoner Finanzjongleurs Stephen Schechter, die Stadion-Finanzierung und ein operatives Minus aus der Arena muß Schalke pro Jahr rund 22 Millionen Euro aufbringen.
Zusätzlich wurden in den vergangenen Spielzeiten mehr als 60 Millionen Euro für Fußballspieler ausgegeben. Das sind Werte, die sich kaum in der Bilanz des Vereins wiederfinden. Dort sind die Kicker mit mageren 18,1 Millionen Euro ausgewiesen. Im Geschäftsjahr 2004 mußten außerdem Abschreibungen auf das "Spielervermögen" von rund zehn Millionen Euro hingenommen werden.
Die Fans beginnen zu zweifeln. In einem Internet-Forum befürchtet ein Anhänger das Schlimmste. Die Funktionäre um Tönnies und Assauer hätten "unseren Verein an die Wand gefahren, wirtschaftlich und sportlich spätestens am Saisonende", heißt es da. Bislang dementierten die Schalker Verantwortlichen standhaft jede finanzielle Krise. So erklärte Aufsichtsratschef Tönnies öffentlich: "Es gab eine schwierige Phase, aber wir haben gemeinsam einen guten Job gemacht, die Einnahmen erhöht und die Kosten gesenkt."
Interne Unterlagen belegen indes, daß nicht alles so glatt läuft, wie Clemens Tönnies sagt. Beispielsweise mußte die Stadt Gelsenkirchen noch im Juni auf Druck der Schalker Schulden des Vereins gegenüber der Stadtkasse in Höhe von 2,8 Millionen Euro übernehmen. Es ging vor allem um Gebühren für den Bau der Arena, die Schalkes Stadion-Gesellschaft nicht zahlen wollte.
Statt dessen sollte die klamme Ruhrpottgemeinde ihre stille Beteiligung an der Arena um die fragliche Summe auf 10,2 Millionen Euro erhöhen. Was diese auch prompt tat. Als Grund für die Erhöhung gab die Stadt den Wunsch des Vereins an, Rücksicht auf die Liquiditätslage der Stadion-Gesellschaft zu nehmen.
Ein Blick in die Bücher zeigt, daß Rücksicht tatsächlich vonnöten ist. Seit Jahren dümpelt der Umsatz des Vereins bei 90 Millionen Euro. Gleichzeitig machte der Verein im operativen Geschäft stetig Verluste im zweistelligen Millionenbereich. Allein im Geschäftsjahr 2004 mußten 23 Millionen Euro aufgefangen werden. 2003 waren es 19 Millionen Euro. Fast jedes verfügbare Grundstück ist mittlerweile an Geldgeber verpfändet. Kurz: Man hat über die Verhältnisse gelebt. Für das abgelaufene Geschäftsjahr liegen noch keine Zahlen vor.
Für den Schalker Finanzvorstand Josef Schnusenberg ist das kein Problem, solange das Anlagevermögen des Clubs mit einer Summe von 141 Millionen Euro den Schuldenberg von 113 Millionen Euro überragt. Letztlich sei nur entscheidend, "ob man jederzeit in der Lage ist, diese Schulden zu bedienen", sagte Schnusenberg in einem Interview. Um das zu erreichen, sei es notwendig, die Einnahmen zu erhöhen. "Wenn das nicht funktioniert, dann haben wir ein Problem." Mit anderen Worten: Der FC Schalke 04 braucht ständig frisches Geld.
Aus eigener Kraft ist dieses kaum zu erwirtschaften. So ist die Catering-Gesellschaft der Arena mit rund 3,5 Millionen Euro Jahresleistung an ihrer Grenze. Für jeden Besucher der Sporthalle muß die Firma bereits jetzt rund zwei Euro an Schalke überweisen. Auch das Merchandising bietet bei einem Umsatz von 9 Millionen Euro kaum Wachstumspotentiale.
Es müssen also andere Wege gefunden werden, um den Crash zu vermeiden. In der laufenden Saison versprechen die Einnahmen aus der Champions League die rettenden Euro-Millionen. Im Jahr davor mußten die Schalker Namensrechte für einen Bilanztrick herhalten. Die Rechte wurden an eine Tochterfirma übertragen. Diese wurde dann als "außerordentlicher Erlös" mit über 50 Millionen Euro in die Bilanz eingeführt. Das war kein reines Luftgeschäft: Immerhin konnte Schalke die Namensrechte an der Arena für rund 5 Millionen Euro im Jahr an die Veltins-Brauerei verkaufen.
Steht Schalke also vor der Pleite, wenn die Champions League nicht erreicht wird? Niemand könne das vorhersagen, sagt der Bochumer Wirtschaftswissenschaftler Joachim Gassen: "Ein Fußballverein funktioniert nicht wie ein Konzern. Kommt es schlecht, kann immer noch irgendwer sagen, bevor ihr absteigt, schenke ich euch zehn Millionen Euro."
David Schraven