TV Groß-Umstadt für die Regionalliga gerüstet?
Interview mit dem sportliche Leiter Holger Zindt kurz vor Saisonstart
In knapp 2 Wochen starten die Handballer des TV Groß-Umstadt in das Abenteuer Regionalliga. Nach 2 Jahren Abstinenz spielen die Schützlinge von Trainer Ralf Ludwig durch ihre letztjährige Meisterschaft in der Oberliga wieder in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. Kurz vor Saisonbeginn stand der sportliche Leiter des TVG, Holger Zindt, in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort.
Frage:
Wir befinden uns gut 2 Wochen vor dem Saisonstart am Winzerfestfreitag gegen die TSG Groß-Bieberau. Wie vorbereitet ist der TV Groß-Umstadt für die Regionalliga-Saison 2007/2008?
Holger Zindt:
Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil sie so vielschichtig ist. Die Regionalliga verlangt uns in sehr vielen Bereichen Einiges ab und wir haben über die Sommerpause versucht, uns in all diesen Bereichen besser und professioneller aufzustellen als in den Vorjahren. Ziel ist es, langfristig in der Regionalliga zu bleiben und das Image eines Fahrstuhlclubs abzulegen – das ist aber eine verdammt harte Nuss.
Frage:
Fangen wir mit dem Sportlichen an! Wie zufrieden bist Du mit dem sportlichen Leistungsstand der Mannschaft?
Holger Zindt:
Die Mannschaft hat in den letzten Monaten sehr intensiv gearbeitet und ihrerseits wirklich alles dafür getan, für den Saisonstart vorbereitet zu sein. Wir hatten fast jeden Tag Training und unsere jungen Spieler leisten jede Menge Zusatzeinheiten im Kraftstudio und im Wald ab, um körperliche Defizite abzubauen. Handballerisch gibt es sicherlich nach wie vor noch Verbesserungspotential. Da schwanken die Leistungen des gesamten Teams und auch die individuellen Leistungen doch noch enorm. Der notwendige Feinschliff ist daher die Hauptaufgabe für die letzten beiden Wochen der Vorbereitung. Man darf aber auch nicht vergessen, dass uns in der gesamten Vorbereitung unsere beiden Spielgestalter Freddy Lang und Patrick Beer nicht zur Verfügung gestanden haben. Patrick Beer ist erst seit Samstag nach einem längeren USA-Aufenthalt wieder zu uns gestoßen und wird hoffentlich auf dem Feld ganz schnell wieder zu alter Form finden. Bei Freddy Lang dauert der Genesungsprozess leider noch etwas an. Realistisch gesehen, rechnen wir nicht vor Oktober mit seinem Einsatz.
Frage:
Insgesamt sind 6 neue Gesichter im Team. Inwieweit haben die neuen Spieler in der Vorbereitung schon gezeigt, dass ihr mit deren Verpflichtung richtig gelegen habt?
Holger Zindt:
Ich will die Vorbereitung noch nicht überbewerten. Hier wird immer Einiges probiert und getestet und auch die Spieler sollen experimentieren dürfen. Dazu ist eine Vorbereitung ja auch da. Man hat da Vieles gesehen, Manches aber auch noch nicht.
Bemerkenswert positiv ist aber auch schon die menschliche Integration der neuen Spieler vonstatten gegangen. Wir kommen gerade aus einem 3-tägigen Trainingslager und hier konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich eine sehr harmonische Gemeinschaft mit enormem Teamgeist entwickelt hat. Und das ist gut so. Neben den individuellen Fähigkeiten der einzelnen Spieler brauchen wir vor allem ein Team auf dem Platz, das gemeinschaftlich auftritt und kämpft. Hier sind wir schon wesentlich weiter, als wir erwartet haben.
Im Tor hat Torsten Eichhorn seinen Platz auf Augenhöhe mit Marcel Bolling wohl schon gefunden. Gerade beim Weininselturnier gegen Regional- und Zweitligisten hat Torsten seine Klasse gezeigt. Was die Torhüterposition angeht, bin ich daher auch sehr entspannt. Wir verfügen über ein sehr gutes Duo und haben mit unserem neuen Torwarttrainer Markus Kredel darüber hinaus einen sehr erfahrenen Mann an dessen Seite, der die Regionalliga bestens kennt und mit seinen Tipps unsere beiden Keeper sicherlich positiv begleiten kann.
Unsere beiden Youngsters aus Groß-Zimmern, Julian Klein und Tilman Werner, erfüllen ebenfalls hundertprozentig unsere Erwartungen. Julian profitiert derzeit sicherlich noch vom Fehlen unserer beiden etablierten Mittelmänner und erhält sehr viele Spielanteile. Er rechtfertigt diese jedoch auch mit einer sehr guten Angriffleistung. In der Abwehr fehlt es jedoch noch an der notwendigen Robustheit – die wird aber kommen. Tilman Werner ist körperlich sogar noch einen Schritt weiter. Als Linkshänder entwickelt er allmählich den notwendigen Zug zum Tor und steht inzwischen auch in der Abwehr seinen Mann. Ich hoffe, dass unsere beiden 18-jährigen Neuzugänge die Zeit bekommen, um sich bei uns in aller Ruhe weiter zu entwickeln. Je größer der Abstand zu den Abstiegrängen ist, desto eher wird uns das gelingen.
Am Kreis kämpft Tim Beckmann derzeit noch um seine alte Torgefährlichkeit. Er hat, zumindest ist das meine Einschätzung, aus Bruchköbel noch ein paar athletische Defizite mitgebracht, die es zunächst einmal auszumerzen galt. Die Optimierung des Zusammenspiels mit den Rückraum ist nun eine der vordringlichsten Aufgaben der nächsten Wochen. Wir werden die Tore von Tim und Steffen Siebenschuh am Kreis dringend brauchen, da wir aus dem Rückraum in der Regionalliga kaum noch so einfache Tore erzielen werden wir in der Oberliga.
Frage:
Und daher auch die Frage nach den beiden „Neuen“ auf der Königsposition auf Halblinks. Christoph Scholz, gekommen aus Groß-Bieberau, und Tom Grunwaldt, der ja schon im Laufe der letzten Saison gekommen war, sollen den TVG hier in der Regionalliga halten. Wird das gelingen?
Holger Zindt
Fakt ist, wenn die beiden es nicht schaffen, die Rolle als Shooter auf Halblinks auszufüllen, wird es sehr eng für uns.
Christian Scholz scheint nach 2 mehr oder weniger frustrierenden Jahren in Groß-Bieberau allmählich wieder zu altem Selbstvertrauen zu finden. Er hat auch gegen höherklassige Mannschaften gute Ansätze gezeigt, fällt aber noch zu oft in eine passive Rolle zurück. Die für einen richtigen Shooter notwendige „Torgeilheit“ muß in ihm gelegentlich noch geweckt werden.
Bei Tom Grunwaldt ist es ähnlich. Er hatte ja in Gelnhausen die letzten beiden Jahre fast nur noch am Kreis spielen dürfen. Und dennoch war er zuvor ein sehr erfolgreicher Halblinker. Diese alten Qualitäten wieder zu entdecken und zum Einsatz zu bringen, ist die Aufgabe die Spieler und Trainerteam zu erfüllen haben. Wir sind da auf einem guten Weg aber sicherlich auch noch nicht am Ziel.
Die Leistung auf der halblinken Position zu optimieren und zu stabilisieren, wird mit Blick auf den nahen Saisonstart aber auch ein Kampf gegen die Zeit. Dass unser Mittelmann Patrick Beer erst die letzten beiden Wochen der Vorbereitung eingreifen wird, ist diesbezüglich alles andere als optimal.
Tom und Christian sind aber nicht nur wegen ihrer offensiven Qualitäten geholt worden. Beide sind heute schon nicht mehr wegzudenkende Bestandteile unsere Abwehr.
Die Abwehr ist ohnehin der Schlüssel zum Erfolg. Neben Christian Waigand, Pana Nastos, Steffen Siebenschuh und Christoph Jörg verfügen wir mit diesen beiden nun über eine doch ganz ansehliche Anzahl robuster und erfahrener Defensivkräfte.
Frage:
Hört sich so an, als verliefe sportlich derzeit alles nach Plan. Ist der Klassenerhalt also doch schon vorprogrammiert?
Holger Zindt:
Nein, so einfach ist das leider nicht. Wir haben unserem Trainer für die kommende Saison zwar eine Mannschaft „hingestellt“, die die Klasse halten soll und kann. Das kann aber nur funktionieren, wenn in den letzten 2 Wochen vor dem Saisonstart noch intensiv gearbeitet wird und viele Details verbessert werden.
Unsere junge Mannschaft ist nun mal noch kein Selbstläufer - so realistisch sind auch wir „Funktionäre“. Und ich kann die kritischen Blicke unseres Trainers bei dem einen oder anderen Vorbereitungsspiel auch verstehen. Alles wäre ein wenig einfacher, wenn man sich noch einen weiteren gestandenen Spieler für den Rückraum hätte holen können. Doch das konnten und wollten wir nicht. Denn dafür hätten wir wieder einen unserer jungen Spieler „opfern“ müssen – das widerspricht unserer derzeitigen Philosophie. Und ich hoffe inständig, dass wir von diesem Weg auch nicht abweichen müssen.
Wenn eine Mannschaft wie Groß-Bieberau – letztes Jahr immerhin Vizemeister – sich mit einem Profi aus Polen und zwei Halbprofis aus Liga 2 verstärken kann, dann weiß man schon heute, dass dieses Team um die Meisterschaft mitspielen wird. Davon sind wir meilenweit entfernt. Und dennoch schaue ich gar nicht neidisch nach Groß-Bieberau. Dass der Verein dort anders agieren kann, ist den Verantwortlichen ja auch nicht einfach so in den Schoß gefallen, sondern dafür wird auch dort sehr hart im Umfeld gearbeitet.
Und dennoch freue ich mich sehr auf das 1. Spiel am Winzerfestfreitag gegen diese Truppe und hoffe, dass wir getragen von der Euphorie eines Aufsteigers und mit unserem Publikum im Rücken dem Meisterschaftsfavoriten ein Bein stellen können.
Frage:
Du hast vorhin davon gesprochen, dass es in der Sommerpause nicht nur sportliche Hausaufgaben zu erledigen galt. Was ist denn noch so passiert beim TVG?
Holger Zindt
Wir haben – um ganz ehrlich zu sein – nach dem Aufstieg mal ganz laut um Hilfe gerufen. Ohne eine breitere Unterstützung aus der Stadt Groß-Umstadt ist Regionalliga-Handball für einen Verein wie den TVG kaum zu stemmen.
Dass dieser Hilferuf nicht ohne Antwort verhallt ist, ist für mich eine der positivsten Entwicklungen der Sommerpause. Durch die Gründung eines Wirtschaftsrates wurde ein außersportliches Gremium geschaffen, das Raum für viele engagierte Leute aus der Groß-Umstädter Politik und Wirtschaft bietet. Unter der Federführung von Bürgermeister Joachim Ruppert und dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Dieburg, Herrn Nessler, haben einige wenige Sitzungen schon viel bewegt. Mit Ralf Lokay hat inzwischen ein ortansässiger Unternehmer den Vorsitz dieses Förderkreises übernommen, Notar Bernd Münch und das Mitglied der Stadtmarketingkommission Klaus Mahla bringen sich hier ebenso aktiv ein und wir alle hoffen, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch weitere Förderer und Unterstützer aus unserer Stadt zur aktiven Mitarbeit in diesem Gremium bewegen können.
Frage:
Gibt es denn schon konkrete Ergebnisse der Arbeit des Wirtschaftsrates?
Holger Zindt
Ja, die gibt es. Zum einen konnte eine Reihe von neuen Sponsoren gewonnen werden. Zum anderen wurden uns weitere Gesprächstermine mit interessierten Unternehmen vermittelt, die wir noch abarbeiten müssen. Ich hoffe, dass sich aus dem einen oder anderen Kontakt noch etwas ergibt.
Andererseits zeigt mir das Engagement dieser Personen aber auch, dass es doch ein breites Interesse daran gibt, den Leistungshandball in Groß-Umstadt zu unterstützen. Wenn das alles nur das Hobby einiger weniger Handballverrückter wäre, müsste man das sicherlich hinterfragen. Wenn „ganz“ oder sagen wir mal „halb Groß-Umstadt“ hinter dem TVG und seinen Handballern steht, dann ist das eine ganz andere Basis. Und natürlich auch eine ganz andere Motivation für unsere Arbeit in der Handballabteilung.
Ein dickes Lob geht in diesem Zusammenhang auch an die Verantwortlichen der Stadt selber, die uns mit größtmöglicher Flexibilität und auch immer wieder kurzfristig geholfen haben, damit wir in den letzten Wochen auf die Heinrich-Klein-Halle und die Ernst-Reuter-Halle für unseren Trainings- und Spielbetrieb zurückgreifen konnten. Wir sind sehr froh, dort immer wieder auf offene Ohren und helfende Hände zu stoßen und bedanken uns auch für das Verständnis der anderen Hallennutzer, die für die Handballer auf die eine oder andere eigene Übungseinheit verzichtet haben.
Frage:
Aber auch das alles klingt doch sehr erfreulich und lässt für die Zukunft hoffen – warum immer wieder Dein skeptischer Blick?
Holger Zindt:
Grundsätzlich ja! Aber auch beim Thema Strukturen dürfen wir uns trotz all dem bislang Erreichten noch nicht zufrieden geben.
Wir werden – so wie es heute aussieht – mit unserer 1. Männermannschaft schon zum zweiten Mal hintereinander ohne Hauptsponsor in die Runde gehen müssen, weil wir kein Unternehmen für dieses Engagement begeistern konnten. Nachdem sich Opel Braas seinerzeit vom Trikot des TVG verabschiedet hat, befinden wir uns händeringend auf der Suche nach einem Nachfolger. Dass wir hier nicht erfolgreich waren, ist – um ehrlich zu sein – sehr unbefriedigend für mich. Wir erwarten natürlich nicht, dass uns die Unternehmen aus Groß-Umstadt nach dem Aufstieg die Tür einrennen, aber irgendetwas scheinen wir noch nicht ganz richtig zu machen, wenn man unsere Erfolge nicht so wahrnimmt und honoriert, wie wir uns das wünschen. Zunächst also wieder ein Auftrag an uns und unsere Außendarstellung!
Frage:
Alles in allem wartet also noch viel Arbeit auf die Verantwortlichen des TVG. Was überwiegt denn nun, die Angst vor oder die Freude auf den Start der neuen Runde.
Holger Zindt:
Ganz deutlich die Vorfreude auf Winzerfestfreitag und den Start in die neue Runde. Wir haben lange davon geträumt, wieder einmal ein Pflichtspiel gegen Groß-Bieberau bestreiten zu dürfen. Und am 14. September ist es nun endlich soweit. Ich freue mich auf eine volle Halle (im Übrigen werden wir bei unserem Sponsor Blumen Welter eine Vorverkaufsstelle einrichten, um den Andrang am Spieltag bewältigen zu können) und auf einen hoffentlich tollen Kampf, den unsere junge Truppe einem als Favorit anreisenden Gegner liefern wird.
Für uns werden in dieser Runde die Bäume sicherlich noch nicht in den Himmel wachsen können. Aber unser Publikum ist fachkundig genug, gute Leistungen erkennen und honorieren zu können, auch wenn wir das ein oder andere Mal den Kürzeren ziehen werden. Die Forderung an die Mannschaft ist, immer alles zu geben und sich als Team zu präsentieren. Wenn das gelingt und wir von Verletzungen verschont bleiben, sind wir auch im nächsten Jahr Regionalligist, davon bin ich felsenfest überzeugt.
Quelle:
Tim Maurer
TV Groß-Umstadt (Pressesprecher)
Sein Blick geht nicht uneingeschränkt sorgenfrei in die Zukunft. Holger Zindt, Sportlicher Leiter des TVG, freut sich dennoch auf den Start der Regionalligasaison 2007/2008.