Habe einen schönen Artikel in der Frankfurter Rundschau über Sigurdson gefunden; wußte nicht wo er thematisch zu passte, also hier hinein:
ZitatAlles anzeigenKämpfen, bis der Fisch tot ist
Der Aufschwung des Handball-Bundesligisten VfL Gummersbach hat viel mit dem Isländer Sigurdsson zu tun
VON ERIK EGGERS (GUMMERSBACH)Der Lärm, der die schiere Begeisterung des fachkundigen Publikums ausdrückt, schwillt schon an, wenn die Nummer 22 nur den Handball erhält. Weil das Drehbuch in diesem Moment vorgeschrieben ist: Nun wird Gudjon Valur Sigurdsson, einer der schnellsten Männer der Liga, dem gegnerischen Tor mit Hochgeschwindigkeit entgegenfliegen. Und da er diese atemberaubenden Tempogegenstöße für gewöhnlich mit der Präzision einer Maschine verwandelt, kulminiert das Getöse dann regelmäßig in einem Torschrei. Zehnmal haben die 1492 Zuschauer in der Eugen-Haas-Halle am Samstag das neue Idol des VfL Gummersbach bejubelt, denn zehnmal traf Sigurdsson beim 42:22 (17:11)-Kantersieg im EHF-Pokal gegen den slowenischen Vertreter RK Koper. Mit großer Spielfreude, die sich in Kempa-Tricks und anderen Zaubereien äußerte, erreichten die Oberberger so nach dem 29:27-Hinspielsieg souverän den Einzug in das Achtelfinale (wird Dienstag in Wien ausgelost). "Es bringt wirklich sehr viel Spaß im Moment", sagt Sigurdsson und lächelt.
"Ein solcher Spieler hat uns gefehlt"
Die Renaissance des Rekordmeisters ist derzeit das Gespräch der Liga. Die letzte deutsche Meisterschaft liegt 14 Jahre zurück, und im Jahr 2000 drohte gar der Zwangsabstieg, aber in dieser Saison ist der Bundesliga-Tabellenführer als einzige Profi-Mannschaft Deutschlands noch ungeschlagen. Und wenn man nachfragt, warum der VfL plötzlich nicht mehr gegen schwächer eingestufte Gegner zittert und sich zudem beharrlich weigert, enge Spiele zu verlieren, dann gibt es naturgemäß viele Antworten. Die häufigste aber lautet: Sigurdsson. Die grimmige Präsenz des 26-jährigen Linksaußen, sagen viele, habe den VfL auf eine neue Stufe gehoben. "Ein solcher Spieler hat uns gefehlt", sagt VfL-Boss Hans-Peter Krämer, und damit meint er: Diese Entschlossenheit, diese Furchtlosigkeit, diese Kompromisslosigkeit, mit der Sigurdsson auftritt und seine zuvor manchmal lethargischen Mitspieler mitreißt. Ein echter Isländer sei Sigurdsson, schwärmt Krämer: "Die kämpfen so lange, bis der Fisch tot ist."
Der Spieler ist in der Tat eine Sensation. Nicht nur seiner Schnelligkeit wegen; auch sein Wurfrepertoire von links außen und seine Fähigkeiten als Spielgestalter auf der Mittelposition sind wirklich außergewöhnlich. Doch die Lobeshymnen produzieren bei ihm keine Allüren. Der Frage, wie es sich anfühle als neuer Star, begegnet er trocken: "Keine Ahnung. Da müssen Sie mal einen fragen." Ihn interessiert es wenig, wenn ihn die Boulevardmedien als "Island-Turbo" feiern, überhaupt ist er kein Mann der lauten Töne. "Eine große Fresse haben, das mag ich nicht", sagt der Vater zweier Töchter (6 und 2 Jahre alt), "ich konzentriere mich auf meine Familie und auf den Handball".
So ist er: Profi durch und durch. Trainer Kljaic hat ihn, den Neuzugang, schon in der Vorbereitung als Führungsspieler vorgesehen. Er habe in seiner Karriere "selten einen Mann gesehen, der in jedem Training eine solche Einstellung zeigt", lobt der 59-Jährige. Nach dem Spiel wundere er sich manchmal, dass sein verlängerter Arm auf dem Feld "schon wieder 13 Tore geworfen hat". Freilich ist Sigurdsson auch deswegen mit 95 Treffern (8,6 pro Spiel) der beste Schütze der Liga, weil er nun - anders als noch in Essen - viele Siebenmeter wirft und stets als Spitze in einer 5:1-Deckung agiert und so als erste Anspielstation bei Gegenstößen dient.
Begeistert vom vielleicht besten Einkauf der letzten Jahrzehnte, hat der VfL dem 148-maligen Nationalspieler schon eine Anhebung der Bezüge und eine Vertragsverlängerung um zwei Jahre bis 2009 angeboten. Er fühle sich sehr wohl in Gummersbach und spiele auch gern in der Kölnarena, sagt Sigurdsson, und er hege auch keine Wechselabsichten. Aber mit der Vertragsverlängerung habe er "noch keine Eile". So raketenschnell er zwischen den Toren agiert, so zurückhaltend und bedächtig ist er abseits des Sports. Für Francois-Xavier Houlet, Mannschaftkapitän und künftiger VfL-Sportdirektor, steht freilich jetzt schon fest: "Er wird in Zukunft sogar eine noch wichtigere Rolle spielen."
Quelle: Frankfurter Runschau