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Pro und contra halten sich fast die Waage„Ecran noir en Allemagne - Schwarzer Bildschirm in Deutschland“ – so überschrieb die französische Sporttageszeitung „L’Equipe“ eine ganze Seite, die sich mit dem Fall Sinkewitz und dem daraus resultierenden Ausstieg von ARD und ZDF aus der Live-Berichterstattung über die 94. Tour de France beschäftigte. Schwarz blieben die Bildschirme zwar nicht, aber Live-Bilder aus Frankreich sind derzeit bei den beiden öffentlich-rechtlichen Fernseh-Sendern nicht zu sehen. Eine Entscheidung, die die deutsche Öffentlichkeit spaltet und auch im Ausland ein großes Echo hervorrief.
In der ARD-Zuschauerredaktion hörten die Telefone am Mittwochnachmittag nicht mehr auf zu klingeln, eine Email nach der anderen jagte auf den Bildschirm. Der Tenor dieser Zuschauer-Rückmeldungen war ziemlich eindeutig: Auf teils beleidigende Art und Weise machten sich die Fans Luft und kritisierten den Live-Stop. Doch der war im Vorfeld der Tour angekündigt worden. Kurz vor Beginn der Rundfahrt hatten ARD und ZDF einen Ausstieg in Aussicht gestellt, falls ein neuer massiver Dopingfall auftrete. Nun hat es einen deutschen Fahrer in einem deutschen Team getroffen.
Eine Frage spaltet die NationDeutsche Online-Medien, darunter auch ARD und ZDF, fragten am Mittwoch ihre User, was sie von dem Ausstieg halten. Ein Blick auf die Votings bei ZDF, bei „Spiegel Online“ und der „Süddeutschen Zeitung“ zeigte ein relativ homogenes Bild: Mehrheit pro Ausstieg – beim ZDF mit 53% (47% Gegenstimmen), Spiegel Online 59% (30%), Süddeutsche 60% (38%).
Offenbar fällt das Urteil bei eher radsport-affinem Publikum jedoch anders aus. Die Umfrage bei tour.ARD.de, der einzigen reinen Radsport-Seite unter den vier beobachteten Online-Medien, zeigte ein abweichendes Bild. Nur 37% der tour.ARD.de-User waren mit dem Stop einverstanden – 63% sprachen sich dagegen aus. Werte (von Donnerstagvormittag), die sich in ihrer Tendenz mit einer Forsa-Umfrage im Auftrag des „Stern“ aus der ersten Tour-Woche decken. Damals sprachen sich 53% der Befragten dafür aus, dass die Tour auch im Falle neuer Doping-Enthüllungen im Fernsehen zu sehen sein soll. 39% zogen in einem solchen Fall einen Ausstieg vor.
Verständnis und KritikDas ändert jedoch nichts daran, dass es bei den Öffentlich-Rechtlichen erst einmal keine Live-Bilder mehr von der Tour gibt. Eine Tatsache, mit der sich die deutsche Presse ausgiebigst auseinander setzte. In Anbetracht eines früheren ARD-Sponsorings von Team Telekom bezeichnete die „Berliner Zeitung“, die in diesem Jahr die sportliche Tour-Berichterstattung ausklammert, die Entscheidung als geradezu „revolutionär“: „Einerseits ist der Ausstieg aus der aktuellen, der sogenannten reinen Sportberichterstattung, vernünftig und nachvollziehbar.“ Allerdings kritisierte das Blatt, dass überhaupt mit der Übertragung begonnen worden war und dass der Ausstieg auch nur „bis zur Klärung des Falles“ gelte.
Grundsätzlich positiv wertete auch die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ die Entscheidung von ARD und ZDF: „Ein Mangel an Konsequenz und Entschlossenheit ist den Öffentlich-Rechtlichen nicht vorzuwerfen“, hieß es aus Essen. Die WAZ ging jedoch hart mit den Verantwortlichen ins Gericht und warf ihnen „Ahnungslosigkeit und Überheblichkeit“ vor: „Sie konnten doch nicht glauben, dass bei einer derart anstrengenden, die natürlichen Kräfte überfordernden Strapaze nur deshalb auf Doping verzichtet wird, weil ARD und ZDF mit dem Ausschaltknopf drohen.“
Als „längst fällige Konsequenz“ bezeichnete die Münchner „Abendzeitung“ den öffentlich-rechtlichen Ausstieg aus der Live-Berichterstattung. Das „TV-Aus“ dürfe aber nur der erste Schritt sein, es brauche eine breite Allianz im Kampf gegen Doping. „Die Welt“ sieht im Fall Sinkewitz „neben einem Imageverlust (für den Radsport, A.d.R.) aber auch eine Chance. Durch den vorläufigen Ausstieg von ARD und ZDF droht dem wichtigsten Rennen erstmals der Entzug der finanziellen Basis“, mutmaßte das Berliner Blatt.
„Fehler, jetzt auszusteigen“
Allerdings kamen auch Gegenmeinungen, so zum Beispiel vom Bonner Generalanzeiger: „Jetzt aus der Berichterstattung auszusteigen, ist ein Fehler.“ Man dürfe die Szene nicht unbeobachtet im eigenen Saft kochen lassen. Auch wenn die verstärkte Doping-Berichterstattung in ARD und ZDF manche Zuschauer genervt hätten, sei dies doch der richtige Weg gewesen. Zuschauer dürften die Augen schließen, die Medien jedoch nicht.
In eine ähnliche Richtung zielte der Berliner „Tagesspiegel“. „Der Profiradsport mit seinen nicht selten übermenschlichen Anforderungen ist im Begriff, sich selbst zu Grabe zu tragen. Der Radsport ist auf rasender Talfahrt in Richtung Randsportart, geeignet nur noch für Zyniker und Desillusionierte.“
In Frankreich stieß der Rückzug von ARD und ZDF auf Ablehnung. Dort wird die Tour de France selbst als Opfer gesehen: „Pourquoi nous punir? – Warum bestrafen sie uns?“, fragte ASO-Chef Patrice Clerc. Die Tour mache doch alles, um den Sport sauber zu halten. Allerdings verkennt Clerc dabei wohl eines: Es geht nicht nur um die Rundfahrt, es geht um den Radsport und sein Dopingproblem. Schließlich war Patrik Sinkewitz schon am 8. Juni postitiv aufgefallen, einen Monat vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt.
Fuer mich eine richtige und konsequente Entscheidung!