Uwe Schwenker im Interview
"Karabatic ist der Motor"
München/Kiel - Zumindest einer der Väter des Erfolges ist am Tag danach schon wieder auf dem Boden der Tatsachen.
Seit 1992 lenkt Uwe Schwenker als Manager die Geschicke beim nunmehr alleinigen deutschen Rekordmeister THW Kiel.
Und keine 24 Stunden nach seinem größten Triumph hat er bereits potenzielle Neuverpflichtungen im Auge: "Der Urlaub muss warten", sagt der 48-Jährige.
Die abgelaufene Saison dürfte selbst für einen erfahrenen Handball-Macher wie ihn eine absolute Ausnahmeerscheinung bleiben.
Sein Klub holte trotz einer Verletzungsserie das Triple aus Champions League, Pokalsieg und Meisterschaft.
Am Tag nach der Meisterfeier sprach Sport1.de mit Schwenker über die große Sause, Henning Fritz' Abschied und die Personalplanungen.
Sport1: Ihr Trainer Noka Serdarusic hat die Meister-Feier geschwänzt. Wie haben Sie die Nacht erlebt?
Uwe Schwenker: Noka genießt solche Erfolge lieber im Stillen und sucht nicht das Bad in der Menge. Das überlässt er den Spielern, die es verdient haben, mit den Fans anständig zu feiern. Es war eine schöne Siegerehrung und eine tolle Verabschiedung der Spieler, die den THW verlassen. Danach gab es einen Autokorso, die Feier auf dem Rathausplatz bis in die Nacht und schließlich wurde bei einem Edel-Italiener weitergemacht. Ich war natürlich dabei und habe mir das Ganze in Ruhe angeguckt.
Sport1: Hatten Sie schon Zeit zu realisieren, was die Mannschaft vollbracht hat?
Schwenker: Nein. Am Tag danach war erst einmal relaxen angesagt. Für uns geht es jetzt auch darum, noch den einen oder anderen Spieler für die nächste Saison zu verpflichten. Der Urlaub muss noch warten. Auch die Spieler müssen teilweise schon wieder zu ihren Nationalmannschaften. Schweden spielt Qualifikation gegen Rumänien (für die EM 2008, Anm. d. Red.), auch die Deutschen müssen ran.
Sport1: Gibt es eine Wertigkeit unter den drei Titeln 2007?
Schwenker: Die Champions League haben wir zwar noch nie gewonnen, aber über allem steht sie deshalb nur bedingt. Wenn man in der ausgeglichensten Liga der Welt Meister wird, ist das eine Bestätigung für eine tolle Saisonleistung. Die Meisterschaft zeigt, dass die Mannschaft die ganze Saison über sehr gut gearbeitet hat. Die Champions League hat nur deshalb den größten Stellenwert, weil wir sie vorher noch nie gewonnen hatten.
Sport1: Der THW hatte unglaubliche Verletzungssorgen. Haben Sie nach dem Champions-League-Triumph daran geglaubt, dass es mit der Meisterschaft auch noch klappen würde?
Schwenker: Nein, davon konnte man nicht ausgehen. Wir hatten bei acht ausstehenden Spielen zwei Punkte Vorsprung auf Hamburg. Darunter waren Partien in Lemgo, Kronau, Flensburg und Göppingen. Dazu kamen Magdeburg und Nordhorn zu Hause - ein ganz, ganz schweres Restprogramm. Wie die Mannschaft das gelöst hat und auch vom Trainer immer wieder perfekt eingestellt wurde, das war unglaublich. Noka hat perfekt die Balance zwischen Regeneration und taktischer Vorbereitung gefunden und dann die Zügel im richtigen Moment wieder angezogen.
Sport1: Können Sie einen Spieler aus dem Team hervorheben?
Schwenker: Nikola Karabatic war sicherlich der überragende Spieler der ganzen Saison und der ganzen Liga. Er war der Motor. Aber es sind immer wieder andere Spieler in die Bresche gesprungen, deshalb sollte man eigentlich niemanden hervorheben. Der Erfolg gebührt der Mannschaft. Wir haben uns in jeglicher Hinsicht als das beste Team präsentiert.
Sport1: Obwohl aufgrund der Verletzungen viel umgestellt werden musste.
Schwenker: Teilweise haben ja Spieler auf Positionen gespielt, die sie überhaupt nicht gewohnt sind. In den beiden Champions-League-Finals hat Christian Zeitz auf der Mitte überragt. Die Jungs haben sich damit in die Herzen der Fans gespielt, weil man gemerkt hat: Die wollen immer alles geben. So kam es auch zu dem überragenden Torverhältnis. Das Team hat nie aufgegeben und immer 60 Minuten das Beste gegeben - egal wie der Spielstand war.
Sport1: Wie haben Sie die letzten Minuten von Henning Fritz im THW-Dress erlebt?
Schwenker: Es hat mich unheimlich gefreut, dass er noch ins Spiel kam, das Bad in der Menge hatte und so einen gebührenden Abschied aus Kiel feierte. Er hat an den Erfolgen der letzten Jahre maßgeblichen Anteil und verabschiedet sich nun mit drei Titeln. Das war sicherlich gut für ihn.
Sport1: Ein junger Spieler wie Dominik Klein, der sein erstes Jahr beim THW spielt, hat vier Titel geholt, darunter die WM im eigenen Land. Besteht die Gefahr, dass die Spieler den Hunger verlieren?
Schwenker: Das denke ich nicht. Schon in den letzten Jahren dachte man: So eine Saison kann man nicht mehr toppen. Das wir im nächsten Jahr wieder drei Titel holen, davon kann man natürlich nicht ausgehen. Die Spitze in der Liga rückt immer enger zusammen. Kronau unternimmt erhebliche Anstrengungen, Hamburg wird ganz vorne dabei sein. Mit Beginn der neuen Saison gehen wir wieder auf die Jagd. Wir haben aber großen Respekt vor den anderen Mannschaften. Spieler, Trainer und Umfeld haben in der Vergangenheit immer versucht, Erfolge zu bestätigen und sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen.
Sport1: Sie haben die Personalplanungen angesprochen. Wie ist der Stand der Dinge?
Schwenker: Momentan steht noch kein Neuzugang für die kommende Saison fest. Filip Jicha kommt 2008, es gibt aber noch Gespräche mit Lemgo, ihn vielleicht doch schon zur nächsten Saison zu holen. Börge Lund aus Nordhorn hat ebenfalls einen Vertrag beim THW ab 2008 unterschrieben, der drei Jahre läuft. Aber auch hier gibt es noch Gespräche, wir würden ihn gerne früher holen. Aber ich gehe das ganz gelassen an.
Das Gespräch führte Julian Meißner