Anbei ein netter Artikel vom Internet-Portal handball-world.de (by Frank Schneller)
Aufsteiger Dormagen? Aller guten Dinge sind drei - Warum der TSV Bayer (wieder) so stark ist
Bayer Dormagens Trainer Kai Wandschneider konnte wahrlich zufrieden sein nach dem 38:28-Erfolg seines Teams in Coburg. Der Tabellenführer der 2. Liga Süd eilt weiter von Sieg zu Sieg und fast scheint es mit Blick auf die lang ersehnte Rückkehr ins Oberhaus, als seien wirklich aller guten Dinge drei. Wie Wandschneider und seine Spieler bislang die Herausforderungen meistern, die sich ihnen stellten, beeindruckt. Vor allem scheint das Ensemble ohne Stars tatsächlich derart gefestigt, dass man in der Handball-Hochburg zwischen Köln und Düsseldorf allmählich für die erste Liga planen kann.
"Wir sind über Jahre zusammen gewachsen, strahlen mittlerweile die nötige Ruhe aus und die Gegner haben Respekt vor unserer "schwarzen" Mauer", so Kai Wandschneider über den Zusammenhalt - vor allem, was die Abwehr betrifft. Nervenstärke ist eines der Attribute, das für Dormagen gilt.
Und das, obwohl man nach den letzten beiden Spielzeiten, in denen jeweils ein einziges Tor zum Aufstieg fehlte, befürchten musste, dass die nötige Siegermentalität auf der Strecke geblieben ist. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Der zweimalige Vizemeister und Play-Off-Teilnehmer würde durch einen Sieg über Verfolger Willstätt am nächsten Freitag wohl enteilen.
Nach dem Rückzug von Bayer: Herausforderung Umstrukturierung
Neben dem akribischen Wandschneider ist es vor allem der gewiefte und strategisch geschickte Manager Uli Derad, Geschäftsführer des Gesamtvereins TSV, der die Weichen gestellt hat: Der Rückzug Bayers als Hauptsponsor nach der Saison - nicht das Aus für die Dormagener, sondern eine Herausforderung und Ansporn für Team, Trainer und Management zugleich. Derad, einst selbst ein Klassespieler, bastelt am TSV ohne Bayer - ohne Panik, dafür mit viel Geduld und Nachdruck. Während man als Außenstehender den Eindruck gewinnen mag, das Team trotzt nach dem Motto "Jetzt erst recht" dem Schicksal, seinen Hauptförderer zu verlieren, hat Uli Derad bereits mehr als nur einen Plan in der Schublade: Für jedes Szenario ein Konzept.
Das wahrscheinlichste Szenario ist der Aufstieg: Dort wären die Dormagener als potentieller Werbeträger ohnehin attraktiv genug, um mehr als nur Ersatz für den einstigen Bayer-Etat zu finden.
Derad und Wandschneider reagierten in der jüngsten Vergangenheit mit spontaner Präzision und beinahe Gelassenheit auf personelle Rückschläge, zumal in Dormagen große Namen keine Rolle spielen: Der kurzfristige Weggang Adrian Wagners zum VfL Gummersbach unmittelbar vor dem Saisonstart - kein Problem. Ohnehin hatte sich der Ex- Kieler und Hamburger in der 2. Liga offenbar überschätzt. Seine Verpflichtung in der letzten Saison jedenfalls brachte nicht den erhofften Schub. Dormagen ersetzte den Linksaußen ohne namhafte Verstärkung. Michiel Lochtenbergh übernahm wieder mehr Verantwortung - und lässt die Erinnerung an den prominenten Mitläufer Wagner verblassen.
Der Kreuzbandriss von Kreisläufer Kjell Landsberg, ebenfalls ein Spieler mit Erstliga-Erfahrung und entsprechendem Selbstverständnis - kein Grund zur Panik. Derad zauberte den Ungarn Máté Jósza aus dem Hut, der die Lücke, die der Ex-Hamburger Landsberg hinterließ, ohne große Eingewöhnungsphase schließen konnte.
Die Personalie Alexander Koke - Rückraumspieler mit Star-Potential: Der Ex-Lemgoer ist ein starker Individualist, muss aber in Wandschneiders Konzept akzeptieren, nur Einer unter Vielen zu sein. Seine Einsatzzeiten sind deutlich geringer, als es seine Popularität und seine Vita vermuten lassen. Koke ist meist nur noch Joker - wenn auch oftmals ein wichtiger - in einem sehr leistungsdichtem Kader mit etlichen Rückraum-Optionen.
Erfolgreiche Personalpolitik
Die Personalie Adrian Pfahl: Der Linkshänder im rechten Rückraum verhandelte und trainierte im Winter mit und beim VfL Gummersbach und sagte dem Nachbarn prompt einen Wechsel zu. Vertrauensbildung sieht anders aus. Eigentlich ...
Doch die Verantwortlichen des TSV blieben ruhig, ließen deswegen keine Unruhe entstehen und fanden offenkundig einen Weg, Pfahl bis zum Saisonende trotz feststehenden Weggangs auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Der Bald-Gummersbacher bringt jedenfalls weiterhin Leistung. Und der TSV muss nicht mehr mit einem Angestellten mitten im Aufstiegskampf pokern.
"Gut an der Situation ist, dass wir so frühzeitig wissen, woran wir sind - und uns personell entsprechend neu ausrichten können, ohne Panikkäufe tätigen zu müssen", erklärt Derad - und obwohl er es eleganterweise nicht ausspricht, meint man ihn sagen zu hören: "Reisende soll man nicht aufhalten" - oder "Jeder ist ersetzbar". Angesichts des starken Kollektivs made in Dormagen mehr als nur Plattitüden.
Personell fällt dem Dormagener Duo Derad/Wandschneider immer wieder etwas ein, was zusammenpasst - wie auch im Falle der beiden Verpflichtungen von Torwart Vitali Feshchanka (Aurich) und Maciej Dmytruszynski (Magdeburg) die vor allem die Defensive immens verstärkten.
Erfolg im Kollektiv: „Wir haben eine 12“
Überhaupt ist die Breite des Kaders, die Unberechenbarkeit der Dormagener beeindruckend: Es gibt keinen wahren Goalgetter, keinen Topstar, den es auszuschalten gilt, um ein Spiel gegen den TSV zu gewinnen. In der Torjägerliste sucht man einen Dormagener vergebens. Jeder in Wandschneiders Kader ist in der Lage, ein Spiel zu entscheiden. Meist erzielen pro Spiel fast alle Feldspieler Tore, in der Regel gelingt einem Großteil des aufgebotenen Kaders zwischen drei und fünf Treffer. Der Blick auf die Statistik belegt das allemal. Wandschneider kann auf nahezu gleich bleibendem Niveau mehrfach durchwechseln und sein Team umbauen - es ist ihm zuzurechnen, dass die offenbar nicht in Stein gemeißelte Hierarchie kein Problem darstellt, wie da bei anderen Teams durchaus der Fall ist.
Florian Wisotzki mag man die Rolle des Führungsspielers zuschreiben. Er bringt die Voraussetzungen dafür mit und setzt sie auch meistens um. Doch selbst, als er verletzt ausfiel bzw. gehandicapt war, richtete das beim Spitzenreiter keinen größeren Schaden an.
Ein Kollektiv auf dem Weg in die Eliteliga - geht es nach Wandschneider, könnte man die bisherige Erfolgsgeschichte durchaus so aufschreiben. Er sagt: "Wir haben keine erste Sechs, wir haben eine erste Zwölf. Das bietet uns eine Menge an taktischen Möglichkeiten." Mit dem großartigen Dormagener Publikum im Rücken - der TSV erfreut sich stets großen Andrangs bei seinen Heimspielen - sollte es dem seit nunmehr drei Jahren geduldig auf den großen Coup wartenden Traditionsklub in dieser Spielzeit gelingen, die Gesellschaft zu wechseln. Wer Dormagen in Coburg oder beim Triumph in Düsseldorf vor ein paar Wochen erlebt hat, kann daran kaum noch zweifeln.
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Aufsteiger Dormagen? M.E. noch zu früh, um hierauf eine Antwort zu geben. Immerhin: In einer handball-board-Umfrage trauen der HSG Düsseldorf trotz zuletzt 26:2 Punkten - nur etwa 4% den Sprung auf Platz 1 zu.
Hoffentlich weden am Ende die übrigen 96% Recht behalten...
Gruß, TSV-Fuchs