Auf den ersten Blick scheint bei internationalen Turnieren, die Linie der Schiedsrichter großzügiger zu sein und das kommt bei vielen Zuschauern gut an. Aber unterm Strich denke ich, dass dies einfach nur ein Eingeständnis an die Grenzen der eigenen Wahrnehmung ist.
Wo vor zehn Jahren noch wurfgewaltige Rückraumspieler vom Kaliber eines Nikola Karabatic oder Mikkel Hansen den Handball dominiert haben, ist der aktuelle Spitzenhandball geprägt von kleinen, schnellen Spielern, die auf Durchbrüche aus sind. Wenn ein Spieler in die Nahtstelle zwischen zwei Abwehrspielern stößt und dort binnen Sekundenbruchteilen die Körper, Arme und Köpfe sich aneinander vorbei bewegen, dann ist es aus den Blickwinkeln der Schiedsrichter kaum aufzulösen, wann und wo es zum Kontakt kommt. Selbst in Zeitlupen und aus dem erhöhten Sichtwinkel der Kamerapositionen ist oft nicht eindeutig zu erkennen, ob die Hand des Abwehrspielers den Angreifer an der Brust trifft oder vorher die Nasenspitze streift. Das ist für die Schiedsrichter in vielen Situationen schlicht nicht eindeutig zu erkennen oder sie können nur Teilaspekte erkennen und auf dieser Basis entscheiden. Wenn die Schiedsrichter pfeifen, dann wird die entstehende Spielunterbrechung (inklusive Wischen des Bodens) genutzt, um dem Zuschauer Zeitlupen aus zwei oder drei Kamera-Perspektiven zu liefern, die eventuelle Fehlentscheidungen offenlegen. Haben die Schiedsrichter eine "großzügige Linie", dann laufen viele Spielsituationen einfach weiter und werden seltener für den TV-Zuschauer aufgelöst.
Ich persönlich erlebe ein Handballspiel in der Halle ganz anders als am Fernseher bzw. Stream. In beiden Fällen beurteile ich viele Spielsituationen im ersten Moment anders als die Schiedsrichter und trotzdem konzentrieren sich in der der Halle meine Gespräche mit den Sitznachbarn in der Halbzeitpause oder während Spielunterbrechungen viel mehr auf die Leistungen einzelner Spieler. Denn in der Halle gibt es schlicht nicht diesen verstärkenden Feedback-Loop aus der Meinung des Kommentators und den Zeitlupen, die dazu führen, dass wir hier seitenlang vor allem über die Schiedsrichter schreiben. Wie viele Kommentatoren sitzen - frei nach Rudi Völler - locker bequem auf ihrem Stuhl, um nach drei Weizenbier und zwei Zeitlupen sich über Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu eschauffieren und das alle paar Angriffe zu wiederholen, bis auch der letzte Zuschauer vorm Fernseher miteinstimmt.
Gebt den Schiedsrichtern mal eine Google Glass o.ä. Datenbrille, um dem Zuschauer zu vermitteln, was Schiedsrichter eigentlich leisten müssen. In schwierigen Situationen nicht zu pfeifen, ist oft nur ein Eingeständnis daran, dass man es einfach nicht besser sehen und beurteilen konnte. Das dies die bessere oder fairere Spielleitung ist, würde ich so pauschal nicht unterschreiben.