Meiner Einschätzung nach hat der Fußball in der britischen Gesellschaft (insbesondere in der Arbeiterklasse/Mittelschicht) einen noch größeren Stellenwert als hierzulande. Wenn dann die Sehnsucht nach dem ersten Titelgewinn seit 55 Jahren sich mit einem Finale im heimischen Nationalstadion paart und auf eine Bevölkerung trifft, die nach mehreren harten Lockdowns mit mehrwöchigen Ausgangssperren (nicht zu vergleichen mit unseren Maßnahmen) gerade wieder ihre "Freiheit" zurückerlangt hat, dann birgt diese Konstallation viel Potential für ausufernde Emotionen.
Zu klären ist aber wie das Sicherheitskonzept rund um das Wembley Stadion so eklatant versagen konnte. Dass mobile Absperrgitter mit wenigen Ordnern nicht gegen eine große Masse an Menschen nicht zu halten sind, hatte sich unlängst am Capitol in Wasington gezeigt. Gleichzeitig ist es ein Dillema, weil tragische Unglücke in der Vergangenheit gelehrt haben, dass von festen Absperrungen eine große Gefahr für Leib und Leben ausgeht. Auf den ersten Blick scheint das Sicherheitspersonal und vor allem die Polizeipräsenz rund ums das Stadion nicht ausreichend und vor allem nicht konsequent genug gewesen zu sein. Bereits am frühen Nachmittag kristallisierte sich die enorme Anzahl Menschen heraus, die weit über die Zahl der verkauften Eintrittskarten hinausging. Hier wäre noch die Möglichkeit gewesen frühzeitig einzugreifen und nur Besucher mit Eintrittskarte auf das Gebiet um das Stadion zu lassen. Vielleicht hoffte man auf das britische Sommermärchen mit friedlich feiernden Menschen rund um das Stadion.
Im Hinblick darauf, dass England eine Bewerbung für die FIFA WM 2030 in Erwägung gezogen hat, besteht auf jeden Fall Bedarf zur Aufarbeitung.