Mit Sand im Getriebe 40 Tore gegen Wetzlar
Kiel - Nach der überraschenden Rückrunden-Auftaktniederlage am vergangenen Sonntag in Minden machte es der THW Kiel gestern beim Heimdebüt 2006 wieder standesgemäß. Abstiegskandidat HSG Wetzlar wurde mit einer 40:27 (18:15)-Klatsche auf die Heimreise geschickt. Es war die erste Bundesliga-Niederlage der Mittelhessen mit der Zahl 40 auf dem Gegentorkonto.
Die Zebras hatten mehr Freude an Zahlenspielen. Als Frode Hagen den achten von insgesamt 13 gegen Wetzlar verhängten Siebenmeter zum zwischenzeitlichen 24:17 an Axel Geerken vorbei brachte, war zugleich das 20 000-Tore-Jubiläum für den THW in der Bundesligageschichte perfekt geworden. Der Tabellenführer hat auch in dieser Statistik die Nase weit vor der Konkurrenz. "Eine Runde Bier für die Mannschaft darf es gerne kosten", schmunzelte Hagen, "das ist mir bedeutend lieber als ein Euro für jedes bisherige THW-Tor."
So etwas wie Handball-Spaß zauberten die Zebras allerdings nur in der zweiten Halbzeit in die ausverkaufte Ostseehalle. Die ersten 30 Minuten wurden für Trainer und Zuschauer zur Geduldsprobe: Sand im Getriebe. Der Meister knüpfte genau dort an, wo er die Blamage in Minden beendet hatte: Die Abwehr unkonzentriert und fahrig, im Angriff servierten Szilagyi, Andersson, Ahlm, Kavticnik und Co. dem Gast Konterchancen auf dem Silbertablett.
Der Tabellenviertletzte nahm dankend an. Vor allem Wetzlars rechter griechischer Flügel. Alexis Alvanos traf sechs-, sein Landsmann auf Rechtsaußen, Savas Karipidis, gar achtmal. An der Sensation schnupperte das Team von Trainer Dragan Markovic trotzdem nur bis kurz nach der Pause. Die Fehlerquote der Zebras rutschte in den Keller, Kiels gefürchteter Hochgeschwindigkeitshandball nahm Fahrt auf und nach dem Zwischenspurt von 19:15 (30.) auf 29:17 (42.) waren die Verhältnisse zurecht gerückt. Am Auffälligsten: Linksaußen Henrik Lundström mit acht blitzsauberen Toren, Frode Hagen, der die Siebenmeter-Flaute beendete und Kim Andersson, der es nach der Pause dreimal richtig krachen ließ.
Vorteile hatte Kiel vor allem in der qualitativ wie quantitativ weitaus besser besetzten Bank, außerdem haderte der Gast mit Pech. So musste der starke Axel Geerken seinen Platz zwischen den Pfosten Mitte der zweiten Halbzeit räumen, weil er bei einem Siebenmeter von Vid Kavticnik versehentlich am Kopf getroffen worden war. Der Wurf sei nicht hart gewesen, erklärte Ex-Zebra Geerken, "aber es war ein Dreher, der mein Auge traf, Harz war auch im Spiel." Unfreiwillig räumte auch Jung-Nationalspieler Lars Kaufmann vorzeitig das Parkett: Wechselfehler, dritte Zeitstrafe, Disqualifikation. Die Schiedsrichter beendeten Kaufmanns Auftritt in der 42. Minute und sorgten für das Comeback von Ghenadi Khalepo, der vom Zweitligisten TV Hüttenberg zurückgeholt worden war. Der Weißrusse war ein Fremdkörper im Team und nicht austrainiert. Übergewichtig tapste der Zwei-Meter-Mann nach Luft schnappend über das Parkett. "Einfach zu früh für mich", bekannte Khalepo, "dieses Tempo ist zu hoch."
Der THW indes will weiter an der Schraube drehen. "Wir sind längst nicht wieder da, wo wir vor der EM-Pause standen", sinnierte Noka Serdarusic. Dieses unbeschreibliche Niveau vermisse er. "Aber", so Kiels Trainer, "ich bin überzeugt, dass es wieder kommt."
(Von Reimer Plöhn, aus den Kieler Nachrichten vom 20.02.2006)