14.10.2006 - Olaf Nolden, Carmen Kayser
THW erwartet heißen Tanz in Constanta
Nachdem Gummersbach und Flensburg ihre weiße Weste in der Champions League verteidigten, steht der THW Kiel heute beim rumänischen Meister HCM Constanta vor der gleichen Aufgabe. Bereits am Freitag Mittag hob der Flieger Richtung Schwarzes Meer ab, wo die Kieler ein heißer Tanz erwartet. Denn in dem rumänischen Badeort wird das Spiel gegen den THW zum "Spiel des Jahres" hochstilisiert, zudem will man Revanche nehmen, gibt man doch den Kielern die Schuld, dass in der Champions League Saison 2002/2003 der damalige rumänische Meister Fibrex Savinesti nach der Gruppenphase ausschied.
Der THW spielte damals zusammen mit RK Zagreb und den Rumänen in einer Gruppe. Nachdem die Kieler beide Spiele gegen Savinesti gewinnen konnte (26-21 in Bukarest und 37-28 in Kiel), verlor der Deutsche Meister daheim überraschend gegen Zagreb mit 24:28. Hätte der THW gewonnen, hätte den Rumänen ein Unentschieden zum Weiterkommen gereicht. "Die Deutschen haben sich damals schlagen lassen. Sie haben die ganze Nacht vor dem Spiel getrunken und gefeiert und am nächsten Tag keine Lust mehr gehabt, Handball zu spielen", polterte vor vier Jahren der Ex-Präsident von Fibrex, Petre Paleu, der heute beim rumänischen Verband tätig ist.
Und selbst heute hat Paleu das damalige Ausscheiden nicht verwunden. "Wir haben (mit Fibrex gegen Kiel - d. Red.) 12:9 geführt zur Halbezeit, obwohl die spanischen Schiedsrichterinnen Kiel geholfen haben. Am Ende hat Kiel mit 26-21 gewonnen, aber sie waren nicht so stark wie sie glaubten. Als wir uns beim offiziellen Training getroffen haben. hat es sie offenbar gestört, dass wir ihnen zuschauten und sie haben uns den Stinkefinger gezeigt. Es war ihnen egal, dass in der Halle Frauen und Kinder waren. Sie sind uns mit Arroganz begegnet. Ich hoffe, dass die Zuschauer von Constanta sie das ganze Spiel auspfeifen", sagte Paleu, der sich gar nicht beruhigen mag. "Kiel ist eine Mannschaft von Schiebern. Es hat damals absichtlich gegen Zagreb verloren."
Der THW trat am 14. Dezember 2002 gegen den kroatischen Meister ohne Preiß und Jacobsen und die Langzeitverletzten Olsson, Lozano und Przybecki an. Und tatsächlich fehlte den Kielern am Ende der knappen Partie ganz offensichtlich der letzte Wille. In der ersten Saison nach Magnus Wislander hatte sich der THW im Verlauf der Bundesliga-Hinrunde mühsam vom letzten Tabellenplatz bis zum Dezember auf Platz sieben vorgearbeitet, litt aber massiv unter den Verletzungssorgen.
Savinesti verlor übrigens das letzte Gruppenspiel in Skopje mit 25:26. Ein Sieg mit einem Tor Unterschied hätte zum Weiterkommen für die Rumänen gereicht. Der Ärger über das knappe Ausscheiden ist in Rumänien bis heute nicht verraucht.
Dabei machte schon damals Petr Ivanesuc deutlich: "Professionelle Mannschaften meckern nicht, hadern nicht. Die anderen dagegen vergessen dann, Handball zu spielen. Bei dieser Erziehung zur Professionalität haben die rumänischen Mannschaften noch einiges aufzuholen."
Constanta hofft heute in jedem Fall auf die Kieler Arroganz, die sie ihnen nachsagen. Und schöpft Mut aus einem Sieg über den großen FC Barcelona, der mittlerweile zwei Jahre zurückliegt. "Warum nicht Kiel schlagen, nachdem wir Barcelona geschlagen haben?", fragt Rechtaußen Laurentiu Toma, einer der besten Spieler von Constanta. Damals, ebenfalls in der Champions League, hatte Constanta die Spanier 29:27 geschlagen, was allerdings nicht für das Viertelfinale reichte. Barcelona, das in jener Saison die Champions League gewann, verlor in Constanta, weil es die Rumänen unterschätzt hatte. Und dasselbe erwarten jetzt die Spieler des rumänischen Nationaltrainers Lucian Risnita von Kiels Spielern und verweisen stolz auf die bisherigen Ergebnisse in der Gruppe D.
Toma & Co. haben die ersten zwei Begegnungen in der Champions League gewonnen (34-31 gegen Banik Karvina und 33-28 gegen GOG Gudme). Nun sollen auch die Deutschen fällig sein. "Alle sagen, dass wir in dieser Gruppe um Platz zwei kämpfen. Aber warum sollen wir nicht für den ersten gut genug zu sein?", so Risnita. Genau so optimistich wie der Trainer sind die Spieler. "Es gibt keine Mannschaft in Europa, die uns mit zehn Toren schlagen kann", meint Spielmacher Marius Stavrositu. "Ich habe keine Angst vor den Deutschen. Es wird ein hartes Spiel für uns, aber es ist nicht unmöglich, sie zu schlagen", hofft Kreisläufer Milutin Dragicevic, einer der fünf Serben, die ihre Geld in Constanta verdienen.
"Wir spielen möglicherweise schlecht, aber arrogant werden wir mit Sicherheit nicht auftreten", sagte unterdessen Kiels Manager Uwe Schwenker vor der Abreise in die 2250 Kilometer entfernte Seehafenstadt an der Schwarzmeeer-Küste. Gewarnt sind die Kieler angesichts der bisherigen Ergebnisse des rumänischen Meisters und letztjährigen Halbfinalisten im Europapokal der Pokalsieger ohnehin. Zwar musste Constanta vor dieser Saison einige wichtige Spieler abgeben, so etwa Silviu Baiceanu (FA Göppingen) und Sandu Florin Iacob (TuS N-Lübbecke) oder Florin Nicolae, der in die Schweiz zu den Kadetten Schaffhausen wechselte. Gekommen sind dafür Mircea Muraru (Dinamo Baumit Bukarest) und die serbischen Spanien-Legionäre Dusko Milinovic (Torrevieja) und Ivan Smigic (Cangas).
Das Spiel wird europaweit von Eurosport 2 live ab 19.15 Uhr (MEZ) übertragen. Reporter ist Dirk Thiele, der bisher durch seine fachkundigen und interessanten Kommentare positiv aufgefallen war