Thimo Kirsch schon auf dem Sprung in die Bundesliga
Kreis Altenkirchen. Ein wenig schüchtern wirkt der schlaksige Thimo Kirsch. Nichts ungewöhnliches für einen 15-Jährigen. Wenn er über sich redet, spricht er leise. Auch das für einen Jungen in seinem Alter ganz normal. Doch was er sagt, wenn er von seinen sportlichen Zielen spricht, überrascht dann doch. "Es war mir früh klar, dass ich ganz nach oben will."
Einen großen Schritt hat der Handballer jetzt getan. Der Altenkirchener hat sein Zimmer im Handball-Internat des VfL Gummersbach bezogen und ist in die Handball-Akademie des Bundesligisten aufgenommen worden, am heutigeen Montag startet der Trainingsbetrieb.
"Am Anfang wollte ich nicht von zu Hause weg", gibt Thimo unumwunden zu und schiebt eine erstaunlich abgeklärte Begründung für seinen Sinneswandel hinterher: "Aber mir ist klar geworden, dass es nur so geht, und dann mach ich das." Seine Mutter Ursula überraschen die Aussagen ihres Sohnes nicht mehr. "Thimo war immer schon etwas weiter als Gleichaltrige, reifer. Ich war von Anfang an überzeugt, dass er das schafft."
Das Talent hat Thimo, das haben auch die Gummersbacher erkannt. Immerhin durchlief er sämtliche Jugendmannschaften der SG Altenkirchen, sein Vater war dabei immer sein Trainer; Mehrfach spielte er in der Rheinlandauswahl. "Er war bei uns ja schon länger als ein Jahr im Fokus", erklärt Projektleiter Peter Kammer, "alle Anforderungen und Aufgaben hat er erfüllt."
Denn die Oberberger verlangen mehr, als "nur" Begabung im Handball. Zusätzlich müssen die Noten in der Schule stimmen, eine Vier auf dem Zeugnis ist ein Ausschlusskriterium.
Die sportlichen Qualifikationen hatte Thimo bei mehreren Sichtungen nachgewiesen. Handball liegt ihm sozusagen im Blut. Mutter und Vater Thomas waren früher selbst aktiv, die jüngeren Brüder Thorben (14) und Till (9) spielen ebenfalls; Schwester Hannah (4) bestimmt auch bald. In der Schule musste er sich dagegen "ein bisschen verbessern", wie er sagt. Physik und Chemie waren das Problem. "Die Lehrer haben genau gemerkt, wann Thimo die Vorgaben aus Gummersbach bekommen hat", erklärt Mutter Ursula.
Thimo verfolgte zielstrebig seinen Traum und schaffte es.
Die Handball-Akademie gewährt ihm ein Stipendium, das den Verein jeden Monat rund 600 Euro pro Nachwuchssportler kostet. Eine Investition in die Zukunft für den Verein, der dieses Projekt nun in der dritten Saison vorantreibt. Talentierte B- und A-Junioren werden gezielt gefördert. In diesem Jahr stieß der erste Akademie-Absolvent zu den Profis. Torhüter Stanislaw Gorobtschuk hat das geschafft, was Thimo sich vorgenommen hat..
Im Handball-Internat lebt er auf der obersten Etage eines Hotels gemeinsam mit 13 anderen Talenten, immer zu zweit auf einem Zimmer.
Der Tag ist straff organisiert: Morgens geht´s zur Schule, danach zwei Mal Training, dazwischen Hausaufgabenbetreuung, Bettruhe um 22 Uhr; am Wochenende Training oder Spiel. "Er muss vieles bewältigen", sagt Kammer, "Wäsche waschen, bügeln, neue Schule, neue Freunde und Handball. Das ist nicht einfach."
Da zeigt sich schnell, wer es mit seinem Wunsch, Profi zu werden, ernst meint. Freizeit beschränkt sich auf ein Minimum, dessen ist sich Thimo voll bewusst. "Die werde ich zu Beginn sicher vermissen", gibt er zu, hält kurz inne und sagt dann entschlossen: "Ich verzichte auf viel, was andere in meinem Alter machen. Aber wenn ich ein Ziel habe, lebe ich dafür."
Bei diesen Worten staunt auch die Mutter kurz und schluckt ein wenig. Jahrelang hat sie ihre Kinder unter hohem logistischen Aufwand zu Training und Spiel gefahren. Jetzt ist der Älteste früh aus dem Haus. Aber sie hatte Zeit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. "Ob mit 15 oder 18 ist eigentlich egal", sagt sie und weiß - der nächste Kirsch steht schon bereit. Thorben spielt ebenfalls Rheinlandauswahl und nimmt am Fördertraining in Gummersbach teil. Seinem älteren Bruder hat er schon angekündigt: "Ich komme nach."
Thimo hat in Gummersbach erst mal einen Jahresvertrag. Der wird verlängert, wenn Sport und Schule passen. Kammer erklärt: "Das Talent hat die Spieler hergebracht, nur harte Arbeit bringt sie weiter." Das hat Thimo selbst in der Hand, doch was ist, wenn sich sein Traum vom Handball-Profi doch nicht erfüllen lässt? Thimo überlegt kurz und sagt dann: "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich werde im Sport bleiben."
Westfälische Rundschau
22.07.2007