Herr Brand, mit ihrem Anteil am WM-Titel der deutschen Nationalmannschaft im Jahre 2007 haben Sie sich ein Denkmal gesetzt. Das sei Ihnen unbenommen und auch keinesfalls geneidet. Auch Ihr Einsatz für die Jugendarbeit und Ihre Zukunftsvisionen "unserer" Sportart sind ehrenwert.
Ihre Position jedoch zu nutzen, um auf einzelne Vereine öffentlich einzuprügeln, das empfinde ich schlicht als Unverschämtheit. "Der Ungar" in Diensten der MT Melsungen spielte und lebt seit einer halben Ewigkeit in diesem unserem Lande. Seit 1990, also seit 18 Jahren, spielt und arbeitet er für die MT. Das gleiche gilt für "unseren Rumänen". Ich erinnere mich gut an den Tag, als er in Melsungen ankam. Ich war damals gerade mit der Ausbildung fertig, als er ins Nachbarbüro "einzog". Das ist jetzt ebenfalls knappe 20 Jahre her. So genau weiß ich das nach der langen Zeit nicht mehr. Die Nennung der Nationalitäten beider im Kontext des Interviews empfinde ich fast schon als persönlich diffamierend. Herr Brand, Sie sollten sich in ihrer Vorbildfunktion als Bundestrainer besser überlegen, wie Sie mit der Nationalitätenfrage umgehen!
In Zeiten, da Hunderttausende "-ic" oder "-owski" in diesem unserem Lande in zweiter und dritter Generation aufwachsen und leben, werden auch Sie - sofern Sie dann noch Bundestrainer sein werden (oder wollen?) - irgendwann einen "-ic" oder "-owski" als Spieler deutscher Nationalität im deutschen Nationalteam mit Freuden aufnehmen, sofern er Sie in ihrem Streben nach neuen Glanztaten weiterbringt. Sie wollen Anleihen beim Fussball? Gern doch. Während ein Piotr Trochowski bestimmt urdeutsches Familiengut verkörpert, nimmt sich ein Interview (selbstverständlich auf deutsch geführt) mit Herrn Miroslav Klose schon etwas befremdlich aus. Dafür gibt es aber immerhin noch einen Kevin Kuranyi oder einen Mario Gomez. Oder jubeln Sie lieber für und mit Gonzalo Castro? Nein, Herr Brandt, da bleiben wir lieber bei unseren handballerischen Wurzeln und erfreuen uns der Tore von Andrej Klimovets im deutschen Nationalteam.
Bitte nicht falsch verstehen, Herr Brand. Ich habe absolut gar nichts gegen diese Menschen, und ich sehe sie auch allesamt sehr gern bei der Ausübung ihres Sports. Denn im Gegensatz zu Ihnen, die Sie gewisse Rahmenbedingungen für Ihre (erfolgreiche) Arbeit zugegebenermaßen unabdingbar benötigen, erfreue ich mich als reiner "Fan" an dem, was mir Woche für Woche von den Clubs der deutschen Bundesliga geboten wird: hervorragender Sport, gezeigt von absoluten Könnern ihres Fachs. Und, Herr Brand, als "Fan" bin ich "meinem" Verein durchaus dankbar, daß er die Protagonisten auch bezahlt, die mir die Freude in den Hallen bescheren. Und ob Robert Hedin Schwede ist oder Vladica Stojanovic Serbe, ob Savas Karipidis Grieche ist oder Thomas Klitgaard Däne - sie alle sind hervorragende Sportler, die mitnichten verantwortungslos irgendwelche Quotenplätze für "Deutsche" wegnehmen. Ein altes Sprichwort sagt: "Was gut ist, setzt sich durch". Und genau das gilt auch im Handball, Herr Brand.
Vielleicht sollte man nebenbei nachdenken über die Motivation einiger Spieler, die allein über ihre deutsche Herkunft meinen, irgendwelche Ansprüche stellen zu können. Die nicht geduldig genug sind, ihre Zeit abwarten zu können. Auch die haben wir in Melsungen schon erleben dürfen. Die - wie Sie selbst sagen - ewige Talente bleiben und sich nicht wie gewünscht weiter entwickeln. Diese ewigen Talente, Herr Brand, berufen sich irgendwann auf Ihre Aussagen und müssen sich demzufolge gar nicht weiter entwickeln oder gegen starke (ausländische) Konkurrenz durchsetzen. Denn genau diesen ewigen Talenten möchten Sie Quotenplätze in den Vereinen festschreiben lassen. Ist es das, was Sie wollen? Ich kann es mir ehrlichgesagt nicht vorstellen.
Dieses gesamte Themengebiet ist komplex, Herr Brand, und ich selbst bin keinesfalls ein guter Diskussionspartner dafür. Denn ich sehe unseren Sport in seiner Funktion innerhalb der sich immer weiter wandelnden Gesellschaft mit anderen Augen als Sie, die Sie reale Interessen aus Ihrer Funktion heraus vorschieben (müssen). Nur bin ich nicht bereit, Interviews wie das oben zitierte widerspruchslos hinzunehmen, wo ein Verein, der sich mit den gleichen sportlichen Voraussetzungen für die höchste Spielklasse qualifiziert hat wie ein THW Kiel ("Schweden") oder eine SG Flensburg-Handewitt ("Dänen"), namentlich von Ihnen diffamiert wird. Als noch viel schlimmer empfinde ich die herabwürdigende Art, wie von Sandor Balogh und Alexander Fölker gesprochen wird. Ja, Herr Brand, diese Menschen haben auch als Nicht-Deutsche tatsächlich Namen! Und ich wüßte nicht, warum sie als Menschen in ihrer Funktion für die MT Melsungen weniger Wert sein sollten als Sie für die deutsche Nationalmannschaft. Oder würde es Ihnen gefallen bei einem lukrativen künftigen Anschlußjob als Vereinstrainer im Ausland geringschätzig als "ein Deutscher" abgehandelt zu werden?
Damit sind wir zurück am Anfang, Herr Brand. Das Denkmal, Sie erinnern sich? Lassen Sie es bitte stehen, denn Sie haben es sich wirklich verdient. Es wäre schade, auch und gerade für unsere Jugend, wenn Sie Sich selbst und dieses Denkmal mit Interviews wie dem oben zitierten zerstören würden. Denn glauben Sie mir: ehrenwerte Ziele sind nur so lange argumentativ zu vertreten, wie man selbst glaubwürdig bleibt. Aber als "Argument" sehe ich es leider nicht, wenn einzelne Vereine oder - noch viel schlimmer - einzelne Personen, die sehr viel für den Sport getan haben, in dieser völlig inakzeptablen Form abgewertet werden.