Ich verfolge das Theater seit Beginn sehr intensiv, ohne bisher etwas dazu geschrieben zu haben. Nicht ohne Grund, denn es ist als Unbeteiligter immer schwer, aus der Distanz zu urteilen. Urteilen muß man aber, wenn man etwas Sinnvolles zur Diskussion beitragen möchte, denn heiße Luft produzieren viel wichtigere Leute in ausreichend großem Maße. Jetzt ist aber ein Punkt erreicht, an dem man auch aus der Entfernung durchaus einmal eine Art Zwischenfazit ziehen darf. Dabei lasse ich bewußt alle "harten Fakten" (so es denn solche überhaupt sind) außer Acht und beschränke mich auf Gefühl, Menschenverstand und Parallelen aus dem inzwischen fast alltäglich gewordenen manipulierten Sportleben.
Sobald im Individualsport irgendjemand einen mehr oder weniger klaren Vorsprung gegenüber der Konkurrenz herausgearbeitet hat, wehen ihm/ihr auf der Stelle die Dopingverdächtigungen um die Nase. Es kann allerdings nunmal nicht sein, was nicht sein darf. Und deshalb, auch weil im heutigen Spitzensport jeder mal irgendwie irgendwo und in irgendeiner Sportart profitiert, wird das meist erst einmal vornehm unter dem Teppich abgelegt. Vorerst unsichtbar und den guten Eindruck nach außen bewahrend, aber trotzdem für Notfälle immer griffbereit, um es wieder hervorzuzaubern - und sei es nur als Munition für die Konterattacke, falls das eigene Nest mal angegriffen wird. Dementis sind sowieso grundsätzlich erst einmal angesagt, ob nun von den Angeschuldigten selbst oder rein vorsorglich von denen, die befürchten müssen im Fahrwasser noch naß zu werden. Alles Mechanismen, die im vorliegenden Fall genau so greifen wie im Sumpf des internationalen Spitzensports gewohnt. Nur daß man es im Individualsport relativ einfach hat, zwischendurch immer mal mehr oder weniger prominente Bauernopfer zu präsentieren. Sind diese medienwirksam erstmal abgewatscht, geht es im gewohnten Trott weiter: business as usual. Dabei wird - wie zuletzt beim Biathlon geschehen, Sippenhaft meist vorsichtig umschifft. Wenn Weltcupführende gesperrt werden und von einem flächendeckenden Betrugssystem im Lande gesprochen wird, feiert die Sportwelt kaum zwei Wochen später freudig und einträchtig die zuvor noch mit angeklagten Trainingsgenossen als Weltmeister.
Trotzdem ist es was anderes, wenn plötzlich in den Bereich des Möglichen rückende sportpolitische Erdrutsche auf persönliche und private Ebenen heruntergezogen werden, zumal in einer Mannschaftssportart und so ganz fern des (medizinischen) Dopings. Da zerbrechen Freundschaften am (zu Kopf gestiegenen?) Erfolg, duellieren sich Ehefrauen/Freundinnen derart, daß Gräben aufbrechen, die locker ganze Heerscharen von weitläufig Beteiligten in Gänze verschlingen könnten. Es wird mit Geldern für einen Einzeltransfer jongliert, die zumindest bei einem gut situierten Handball-Zweitligisten 100% des gesamten Saisonetats ausmachen. Personen finden sich in den Sumpf hineingezogen, die sich noch vor Wochenfrist vielleicht gar nicht im klaren waren, was jahrelang um sie herum vorging. Ein sportpolitischer Skandal(?), der beängstigende Dimensionen aufzeigt. Dimensionen, die sich noch vor 14 Tagen kaum jemand hätte vorstellen können (oder wollen?).
Dabei geht es doch "nur" um etwas, das sporthistorisch seit Ewigkeiten fester Bestandteil im System ist. Kaum eine Sportart, in der nicht schon Egebnisse erkauft worden wären. Man erinnert sich noch gut an den Fußball-Wettskandal, der heute bei einem Großteil der interessierten Bevölkerung schon wieder vergessen ist. Der Fußball feiert einen Zuschauerrekord nach dem nächsten, für die TV-Rechte werden Phantasiesummen gehandelt. Schaden für den gesamten Sport? Keiner. Schaden für den Fußball? Keiner. Schaden für den Großteil beteiligter Vereine? Keiner. Schaden für einzelne Personen? Richtig: einer ist öffentlichkeitswirksam in den Bunker gewandert und heute kennt jeder seinen Namen - Hoyzer. Ansonsten? Nix. Schmutzige Finger oberflächlich ablecken und weiter geht's.
Übertragen auf die "Kiel-Affäre": klar ist es zu verurteilen, was da möglicherweise über Jahre hinweg gelaufen ist (und falls es stimmt, unter Garantie auch aktuell noch praktiziert wird - ob nun von Kiel oder sonst irgendjemand anderem). Aber für mich ist nicht diese (nach wie vor spekulative) Bestechung die eigentliche Bakrotterklärung, sondern das Drumherum. Wie viele andere bin ich der Meinung, daß gerade die (halb-)offiziellen Stellen der beteiligten Vereine (Kiel, RNL, mit Abstrichen Flensburg und nun plötzlich sogar des HSV in Person von A.Rudolph) ein teilweise erbärmliches Bild abgeben, von der HBL-"Führung" mal ganz zu schweigen. DAS ist für mich der eigentliche Skandal dabei. Denn falls an den bisher noch als Gerücht zu behandelnden Beschuldigungen tatsächlich etwas dran ist, werden ganz sicher auf Vereinsebene Köpfe rollen. Ich zweifele allerdings daran, daß besagte HBL-Offizielle, die vordergründig mit den eigentlichen Vorgängen angeblich nichts zu schaffen haben, aufgrund ihrer teils kläglichen Außendarstellung zur Verantwortung gezogen werden oder - noch illusorischer - selbst Konsequenzen ziehen aus ihrem mitunter jämmerlichen Auftreten. Denn der Schaden für den Handballsport als Solchen ist auf administrativer Ebene weitaus nachhaltiger als auf sportlicher. Da gerät Kiel selbst bei einem ebentuellen Nachweis von begangenen Unregelmäßigkeiten ganz schnell in Vergessenheit, wenn Lemgo (einfach stellvertretend gesetzt) demnächst mal einen großen Titel ins Land holen sollte. Und wollen wir Wetten abschließen, welche Funktionäre das dann als erste sebstverliebt vor einem Dutzend Kameras für die eigene Reputation ausschlachten? Die Crux ist nur: die Ostwestfalen (wieder nur stellvertretend gesetzt) werden sich im Erfolgsfalle die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn vielleicht mehr investieren mußten als "damals" der THW. Denn die Inflation macht auch vor dem Handball nicht Halt - in jeglicher Beziehung ...