"Wir hatten am Ende auch eine Riesenportion Glück"
MT-Interview: GWD-Trainer Richard Ratka spricht über die schlimmste Woche seiner Karriere / "Hoffe, dass mit Gylfi Gylfason alles klar geht"
Minden (mt). Man merkt Richard Ratka die Strapazen der letzten Wochen an. Auch im Interview mit dem MT fällt dem Trainer des Handball-Bundesligisten GWD Minden die Spannung erst nach und nach ab.
Von Jürgen Knicker und Michael Lorenz
Ratka äußert sich an dieser Stelle zu den dramatischen Minuten bei der Rettung in Flensburg, zur schlimmsten Woche seiner Trainerkarriere sowie zu anstehenden Personalentscheidungen.
Wie haben Sie die entscheidenden Sekunden in Flensburg erlebt?
Ich habe immer nur zu Björn Buhrmester neben der Bank geschaut, der über Handy die anderen Zwischenstände kontrollierte, und ihn über Zeichen gefragt, ob wir noch zwei Punkte oder nur einen Zähler benötigen. Er hat signalisiert, dass er gerade keine Verbindung hat. Da bin ich fast wahnsinnig geworden. Als ich gleich nach Spielschluss vom Fernsehen interviewt wurde, hab ich gedacht, wir haben höchstens einen Relegationsplatz erreicht. Als sie mir dann gesagt haben, dass wir völlig gerettet sind, konnte ich das zunächst gar nicht glauben.
Andreas Simon hat nach dem Foul an Jonny Jensen und der roten Karte ziemlich schnell das Weite gesucht.
Wir wussten durch Frank von Behren: Wenn Jensen liegen bleibt, hat er meist nichts. Gefährlich wird es, wenn er sofort wieder aufspringt.
Es tauchen jetzt von verschiedenen Seiten gewisse Verschwörungstheorien auf. Wie empfinden Sie das?
Das ist eine natürliche Reaktion. Wir haben nur unser Spiel gemacht und auf sportlicher Ebene alles versucht, dieses Spiel zu gewinnen. Nichts anderes haben wir getan. Aus einem späteren Gespräch mit Flensburgs Manager Fynn Holpert weiß ich, dass er hinterher erheblichen Ärger mit den Flensburger Sponsoren bekommen hat. Ich und die Mannschaft stehen mit reinem Gewissen da. Wir haben uns wie von Bob Hanning gefordert auf die rein sportlichen Aufgaben konzentriert.
Es gab von Ihrer Seite nach dem Derby gegen Lübbecke einen Satz in Richtung Berlin, die Füchse hätten nur wenig Interesse, in Lübbecke zu gewinnen, weil sie auf Spieler aus Minden spekulieren würden. Steckte ein Zweck dahinter?
Ich wollte erreichen, dass sich der Focus auf das sehr bedeutsame Spiel in Lübbecke richtet. Und ich wollte gleichzeitig auch von unserem Spiel in Flensburg ablenken. Wir konnten uns deshalb sehr ruhig darauf vorbereiten. Unser Spiel hat dann kaum noch jemand gekümmert. Sollte ich jemanden damit zu nahe getreten sein, entschuldige ich mich dafür.
Wie war die Nervenbelastung in der Woche nach dem Derby und vor dem letzten Spieltag?
Es war emotional grenzwertig, einfach brutal. Ich bin seit 1983 im Bundesligageschäft, als Spieler und Trainer. Es war ein Abstieg und Wiederaufstieg innerhalb einer Woche. Letztlich war es entscheidend, die Dinge von den Spielern fern zu halten, die Konzentration zu wahren und der Mannschaft neuen Mut zu vermitteln.
Gab es auch innerhalb des Teams Probleme nach der Derby-Niederlage?
Gerade unsere Eigengewächse waren doch sehr beeindruckt. Schlimmer konnte es nicht mehr werden. Erst am Donnerstag waren die Köpfe halbwegs frei. Vielleicht haben all diese Dinge dazu geführt, dass wir in Flensburg solch eine Leistung bringen konnten. Es war mit Abstand unser bestes Saisonspiel. Aber man muss ganz deutlich sagen, dass wir auch eine Riesenportion Glück hatten.
Wären Sie auch im Falle eines Zweitliga-Abstiegs Trainer bei GWD Minden geblieben?
Ich hatte meine Bereitschaft dazu signalisiert. Gegenüber dem Vereinsmanagement habe ich betont, dass ich zu meiner Sache stehe. Die Entscheidung darüber hätten jedoch Vorstand und Gesellschafter treffen müssen.
Warum ist Stephan Just nicht mit nach Flensburg gefahren?
Er hatte eine Art Blutvergiftung in seinem entzündeten Fuß. Die Ärzte haben gesagt, dass es den Heilungsprozess beschleunige, wenn er zu Hause bliebe. Und ich hatte in meinem Hinterkopf ja immer noch die Relegationsspiele. Da hätte ich ihn wieder gebraucht.
Warum haben die Verstärkungen wie Michael Haaß, Frank von Behren Svenn-Erik Medhus erst so spät gegriffen? Das Team holte nach der Winterpause nicht mehr Punkte als davor.
Schwierig zu sagen. Wir hatten in der Hinrunde ein leichteres Programm. Dennoch war das Team zu diesem Zeitpunkt zu dünn besetzt. Eigentlich hatten wir über die letzten drei Jahre immer wieder qualitative Einbußen. Im Vorjahr haben wir dann Snorri Gudjonsson und Dima Kusilew abgegeben und nur Anders Hendriksson geholt. Das war zu wenig, weil zwei starke Aufsteiger kamen. Dann kamen Michael Haaß und Frank von Behren dazu, die beide jedoch ihre Probleme zu uns mitbrachten. Frank war jahrelang nur in der Reha. Und auch Michael hatte in Kronau fast nur auf der Bank gesessen. Es kamen gute Spiele aber auch sehr schwache. Vielleicht liegt die Wechselhaftigkeit daran, dass die meisten unserer Spieler seit vier Jahren ständig im Abstiegskampf stecken. Sie müssen immer am Limit spielen und kassieren dennoch pro Jahr 25 Niederlagen. Deshalb bin ich froh, dass wir demnächst neue Spieler bekommen, die Siegesgefühl mitbringen und den anderen frischen Wind und neue Kraft vermitteln können.
Gibt es schon konkrete Entwicklungen bei den Verpflichtungen?
Michael Hegemann, der als Zugang feststeht, kann das Team mit seinem Siegeswillen mitreißen. Beim Wilhelmshavener Gylfi Gylfason hoffe ich, dass alles glatt geht. Der ist ein richtiger Beißer und Publikumsliebling. Außerdem sollen Michael Haaß und Svenn-Erik Medhus natürlich gehalten werden.
Wie gestaltet der GWD-Trainer diese trainingsfreie Woche?
Nach den Strapazen natürlich mit der eigenen Regeneration sowie mit neuen Planungen mit unserem Manager Horst Bredemeier.