Ich war Ende September eine Woche in London und auf der Insel ist der Brexit derzeit das fast alleinige Thema. Kurz zusammengefasst sind nach meiner Einschätzung etwa die Hälfte gegen den Brexit und diejenigen, die ihn wollen, sind sich nicht einig, wie er denn durchgeführt werden soll. Deshalb ist bis jetzt auch jeder in den Medien als "Durchbruch" bejubelte Verhandlungsergebnis gescheitert. Teresa May versucht einen Deal auszuhandeln, aber alles, was sie versucht, wird von den Hardlinern abgeblockt.
Von den Hardlinern selbst habe ich keine Vorschläge gehört. Es kommt nur ein "nach dem Brexit wird alles besser".
Selbst wenn sich die Briten auf eine Linie einigen sollten, wie in Zukunft das Verhältnis zur EU aussehen soll, müsste die EU dem zustimmen.
Was hat die Brexitentscheidung vor zwei Jahren gebracht: erstmal eine tiefe Zerstrittenheit unter den Briten, die bis in die Familien hinengeht und bei vielen eine Panik, weil ihnen langsam klar wird, dass ab dem 30.03.2019 ein Chaos ausbrechen wird.
In einer Tageszeitung wurde darüber berichtet, dass London Ambulance Service 100 Mercedes Krankenwagen (Produktion in Deutschland, Endmontage in Irland, beides EU) geordert hat, weil nicht sichergestellt ist, dass diese nach einem eventuellen (oder wahrscheinlichen?) No-Deal-Brexit nicht mehr (rechtzeitig) geliefert werden können. Weiter wurde berichtet, dass man in Großbritannien zwar den Spanienurlaub buchen könne, aber derzeit keine Garantien gegeben werden können, ob dieser auch angetreten werden kann (welche Pass- oder Visumsverordnungen werden gelten?). Bis jetzt ist alles über EU-Verträge geregelt, aber was passiert nach einem Brexit? Vor allem, wenn es ein No-Deal-Brexit werden sollte?
Ich habe eine Fernsehdiskussion gesehen, in der eine junge Frau sagte, dass sie seinerzeit für den Brexit gestimmt habe. Inzwischen fühle sie sich von den Brexiteers belogen und fordere ein zweites Referendum.
Expremier Tony Blair wirbt mit dem Argument für ein neues Referendum mit dem Argument, dass mittlerweile klar wird, dass der Brexit, so wie er damals beworben worden war, sich nicht durchführen ließe.
Ich könnte noch eine ganze Menge schreiben, aber um es kurz zu machen: Ich hatte das Gefühl, dass bei vielen Briten mittlerweile Angst vor einer ungewissen Zukunft herrscht.
Gruß Flevo