"Verjüngungsprozess musste kommen"
VfL-Handballchef Hans-Peter Krämer hofft in Lemgo auf eine Trotzreaktion der Mannschaft
Über die aktuelle Situation beim VfL Gummersbach sprachen Andrea Knitter und Dieter Lange vor dem EHF-Halbfinalrückspiel beim TBV Lemgo (Sonntag, 14.30 Uhr) mitVfL-Handballchef Hans-Peter Krämer, Trainer Velimir KIjaic und Manager Stefan Hecker.
Frage: Herr Krämer, das Final Four verpasst, im EHF-Cup droht im Halbfinale erneut das Aus, ist der VfL trotzdem noch im Soll?
Krämer: Erstens sind wir im EHF-Cup noch nicht ausgeschieden, ich habe für das Rückspiel in Lemgo ein gutes Gefühl, dass die Mannschaft eine ähnliche Trotzreaktion zeigt wie in Flensburg nach der Niederlage in Magdeburg. Außerdem haben wir das letzte Meisterschaftsspiel 2005 in Lemgo mit drei Toren gewonnen.
Kljaic: Zwei Tore im Handball sind nicht viel, wenn man gut spielt. Ich habe das Hinspiel analysiert, Lemgo hat zwei Drittel seiner Tore nach schneller Mitte, aus Tempogegenstößen und in Überzahl erzielt. Da müssen wir ansetzen. Außerdem waren die Portugiesen wahrlich keine Heimschiedsrichter - im Gegenteil, ich habe sechs Fehlentscheidungen gegen uns gezählt.
Frage: Trotzdem, die Mannschaft wirkt in den letzten Wochen nicht mehr so souverän wie noch in der Hinrunde. Zeigen die Turbulenzen um die Vertragsverhandlungen mit Kyung-Shin Yoon Wirkung?
Krämer: Um es noch einmal zu sagen, wir hätten Yoon liebend gern beim VfL gehalten, aber wir mussten finanziell die Reißlinie ziehen. Yoon hat für den VfL viel geleistet, aber auch gutes Geld hier verdient. In Zeiten als er Alleinunterhalter war, war das in Ordnung. Aber jetzt haben wir auch andere Weltstars, da kann es nicht angehen, dass ein Spieler das Doppelte des nächsten verdient.
Hecker: Es .ist tatsächlich so, dass der VfL vor einigen Jahren überdurchschnittliche Gehälter bezahlen musste, um Topspieler zu erhalten. Das war der berühmte Schmerzensgeld-Effekt. Heute sind wir eine gute Adresse, da müssen wir auf ein gleichmäßiges Gehaltsniveau achten.
Frage: Sportlich droht der VfL aber nach dem Abgang von Yoon deutlich schwächer zu werden, oder?
Kljaic: Das sehe ich nicht. Sicher ist ein Spieler wie Yoon nicht leicht zu ersetzen, aber ich denke mit Alexandros Alvanos, der zwar noch nicht unterschrieben hat, von dem wir aber die Zusage haben, haben wir mehr als einen Ersatz. Und dann ist da auch noch der junge schussgewaltige Denis Sacharow, der zwar noch einige Anpassungsprobleme hat, aber schon im Mai eine echte Verstärkung sein wird.
Frage: Und die Mittelposition? Da stand zunächst ein Kracher auf der Wunschliste des VfL, jetzt setzt der VfL noch ein weiteres Jahr auf Kapitän Francois-Xavier Houlet.
Krämer: Es gibt im Moment keinen Weltklasse-Mittelmann auf dem Markt, es sei denn, man zahlt 200 000 Euro Ablösesumme. Die kann und will der VfL aber nicht bezahlen. Dass Houlet aber immer noch einer der besten Mittelmänner der Bundesliga ist, hat er erst im letzten Spiel gegen Lemgo bewiesen. Wir haben aber auch noch Frank von Behren, dessen Lieblingsposition dies zwar nicht ist, der aber sicherlich immer besser in die Position hereinwächst.
Klajic: Auch Valur Gudjon Sigurdsson ist eine Option für die Mittelposition.
Frage: Sieben Spieler werden den VfL zum Saisonende verlassen. War das so geplant?
Kljaic: Der Verjüngungsprozess musste kommen, wir werden in der kommenden Saison mit einem Durchschnittsalter von gut 25 Jahren eine der jüngsten Mannschaften in der Bundesliga haben.
Hecker: Außerdem holen wir mit Torhüter Nandor Fazekas, Momir Ilic und Vedran Zrinic drei Spieler mit Champions-League-Erfahrung.
Krämer: Wir liegen genau im Plan. Die erste Phase war die Konsolidierung, dann kam der Einzug in einen internationalen Wettbewerb - und im nächsten Jahr greifen wir ganz oben an.
Frage: Mit einem Etat von rund 4,7 bis 4,8 Millionen Euro haben Sie eine der teuersten Mannschaften der Bundesliga. In der Kölnarena stellt der VfL einen Zuschauerrekord nach dem anderen auf, bei der Sponsorensuche ist Stefan Hecker auch sehr erfolgreich. Schwimmt der VfL im Geld?
Krämer: Genau das Gegenteil ist der Fall, wir haben in den letzten vier bis fünf Jahren nicht immer einen ausgeglichenen Haushalt gefahren. Das muss sich ändern, wir müssen jetzt auch Verbindlichkeiten abbauen, wenn wir nicht wieder in die Situation, wie vor zehn Jahren kommen wollen. Deshalb waren wir zwangsläufig gezwungen, an die Gehaltsstruktur heranzugehen -und deshalb hatten wir auch im Fall Yoon keine andere Wahl.
Hecker: Bei der Kölnarena darf man nicht vergessen, dass sie sehr teuer ist. Mit allem Drum und Dran kostet sie uns pro Spiel eine fast sechsstellige Euro-Summe. Aber ohne die Kölnarena haben wir keine Chance, an Großsponsoren heranzukommen - allein wegen des Eventcharakters.
Frage: Wie heißt der VfL-Trainer in der nächsten Saison?
Krämer (böse): Ich verstehe diese Frage nicht. Wir haben mit Velimir Kljaic einen Klassetrainer, der die Mannschaft nach vorn gebracht hat, unter dem fast alle Stammspieler 20 bis 30 Prozent bessere Leistungen bringen. Mit seiner Arbeit sind wir hundertprozentig zufrieden.
Frage: Trotzdem gibt es aus Mannschaftskreisen andere Stimmen, die von antiquierten Trainingsmethoden sprechen.
Krämer: Das sind keine Ernst zu nehmende Stimmen, die auch nur von Bankdrückern kommen. Das ist aber normal, das sportlich Unzufriedene die Fehler nicht bei sich sondern beim Trainer suchen. Wenn ihm einer vorwirft, er trainiere wie vor 15 Jahren, dann sind das oft Spieler, die Handball wie vor 30 Jahren spielen.
Kljaic: Ich bin stolz auf meine Methoden und habe damit schon viele Erfolge verbucht.
Hecker: Bis jetzt hatte noch kein Spieler unter Kljaic eine Muskelverletzung und das habe ich in 25 Jahren noch nie erlebt.
Frage: Sitzt Herrn Klajic der designierte VfL-Trainer Alfred Gislason nach seinem Rauswurf in Magdeburg nicht im Nacken?
Krämer: Um es noch einmal zu sagen, wir alle, auch Herr Kljaic und Herr Gislason, gehen mit der Sache sehr professionell um. Alfred Gislason wird ab 1. Juli 2007 in Gummersbach Trainer, und bis dahin ist Velimir Kljaic unser Trainer. Die frühe Festlegung auf einen Trainer wechsel mag in der Branche ungewöhnlich sein, aber in dem Punkt weichen wir keinen Deut von unserem Konzept ab.
Frage: Herr Kljaic liebt bekanntlich das offene Wort, hält mit seiner Kritik über die Spieler auch nicht hinter dem Berg. Gibt es da Probleme?
Hecker: Ich kenne Kljaic noch als aktiver Spieler, ich weiß, dass er gerade nach dem Spiel impulsiv ist und eine blumige Sprache hat. Wir haben ihn in einem Sechs-Augen-Gespräch einmal gebeten, sich mit der öffentlichen Kritik etwas zurückzuhalten, aber das ist lediglich eine Geschmacksfrage keine Richtungsfrage.
Frage: Wo steht der VfL zum Saisonende und im nächsten Jahr?
Krämer: Ich habe schon vor der Saison gesagt: Kiel und Flensburg sind uns noch eine halbe Nummer voraus. Aber im nächsten Jahr greifen wir mit unserer Supertruppe auch diese beiden Teams an.