In Stuttgarts Handball-Gau dominiert das Kickers-Blau
Auf Stuttgarts Höhen, droben über dem Südrand des Talkessels, residiert "Blauer Adel". Dass mit dieser erlesenen Spezies die direkt unter dem Wahrzeichen der Stadt, dem weltweit erstgebauten Fernsehturm, beheimateten Stuttgarter Kickers gemeint sind, hat sich weit über die schwäbische Region hinaus herumgesprochen. Sportlich gesehen ist der 1899 gegründete Traditionsverein, dessen Kicker insgesamt einundzwanzig Saisonjahre der Zweiten, während zwei Spielzeiten sogar der Ersten Bundesliga zugehörig waren und heute in der Regionalliga Süd gegen den Ball treten, weniger hoch angesiedelt. In Memoriam an glanzvolle (Fußball-)Zeiten ist er jedoch immer noch in aller Munde und gilt nach wie vor als eine der angesehensten Adressen Fußball-Deutschlands. Vom guten Namen und Image der mit adeligem Kultstatus bedachten "Blauen" profitieren auch die bei den Kickers bereits seit 1922 etablierten Handballer.
Ihren derzeit drittklassigen Kollegen von der kickenden Zunft haben die in der vergangenen Saison erstmals in der vierthöchsten Spielklasse, der Baden-Württemberg Oberliga, agierenden Handballer freilich einiges voraus: Während die Fußarbeiter seit ihrem Abstieg aus der 2. Bundesliga vor fünf Jahren auf der Stelle treten und mehrmals schon nur knapp ein weiteres Abrutschen verhindern konnten, führte der Weg der Handball-Akteure, die sich zum Zeitpunkt der Jahrtausendwende noch in den Niederungen der Bezirksliga tummelten, kontinuierlich nach oben. Innerhalb von sechs Jahren sind sie viermal aufgestiegen, die beiden letzten Male davon in unmittelbarer Folge! Und im Gegensatz zu den kickenden "Blauen", die in Stuttgart hinter den "Roten" vom Erstligisten VFB lediglich die zweite Geige spielen, amtieren die handball-orientierten Kickers als spielklassenhöchster Verein in Baden-Württembergs Landeshauptstadt als unangefochtene Nummer Eins.
Dass sie mit diesem aufsehenerregenden Werdegang aus dem Schattendasein des übermächtigen Fußballs herausgetreten sind, macht die mit den Händen ballernden "Blauen" besonders stolz. Doch die Oberliga soll keineswegs Endstation der Aufwärtsentwicklung bleiben, die Stuttgarter wollen noch höher hinaus! Nachdem sie – für viele Experten sehr überraschend – im vorletzten Spiel der abgelaufenen Saison mit einem 37:34 Heimerfolg gegen den ehemaligen Bundesligisten TuS Schutterwald den Klassenerhalt geschafft und in der Endabrechnung den achten Tabellenrang erreicht haben, möchten sie sich in der kommenden Runde konsolidieren und in der übernächsten Saison zum Sprung in die Regionalliga ansetzen. Geht es nach ihrem Präsidenten Jürgen Hollenbach soll danach ein weiteres blaues (Handball-)Wunder folgen: der Aufstieg in die 2. Bundesliga.
Wer den seit 1998 für den Kickers-Handball alleinverantwortlichen Hollenbach kennt, traut ihm die Umsetzung dieser visionären Ziele zu. Der Mann hat blaues Blut in den Adern, infiziert damit sein Umfeld, reißt alle mit, sorgt indessen ebenso für Kontinuität. Sein Engagement und Optimismus, seine emotionale Leidenschaft wirken ansteckend. Der umtriebige Schwabe weiß hingegen, dass Stillstand wie in der Wirtschaft genauso im Sport Rückschritt bedeutet. Ausruhen auf dem Erreichten ist deshalb für ihn tabu. Nicht nur sich selbst, auch seine Mitstreiter treibt er ständig weiter. Schließlich gibt es auf dem Weg nach ganz oben auch fortan allerhand zu tun. Insbesondere sollen und müssen Strukturen und Umfeld nachhaltiger und effizienter professionalisiert werden. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben, das Konzept steht. Der mit seinen erst 39 Lebensjahren in der Immobilienbranche bereits höchst erfolgreiche Unternehmer hat die Weichen gestellt.
Nicht von ungefähr wünschen und fordern viele Anhänger der kickenden Kickers, dass Hollenbach, ehemals zugleich Vizepräsident des Hauptvereins, als erster Mann ebenfalls die Geschicke des Fußballs lenken soll. Der früher zwanzig Jahre lang aktive Handballer (siebzehn davon bei den Kickers) hat jedoch fürs Erste einmal abgewinkt, bis auf weiteres steht er ausschließlich für die blaue Handball-Zukunft. Sofern die Rufe nach ihm noch lauter und intensiver werden, darf allerdings angenommen werden, dass der "Blaublütler" trotz seines jetzt schon übervollen Terminkalenders die Verantwortlichkeit für den Fußball zusätzlich übernehmen würde. Auch in einem solchen Falle bliebe es aber bei einer im März 2005 vollzogenen Entscheidung: Hollenbach hatte damals den aktiven Spielbetrieb der Handball-Abteilung aus dem finanziell klammen Gesamtverein ausgegliedert und als "HV Stuttgarter Kickers" auf eigene, ökonomisch gesunde Füße gestellt. Mit seiner Unternehmensgruppe hat er zum soliden Fundament des Handball-Konstrukts als Sponsor sein Scherflein beigesteuert und will sich in dieser Hinsicht weiterhin engagieren. Getreu seiner unternehmerischen Devise wird jedoch zugunsten der Handball-Kickers gleichfalls "eher schwäbisch-sparsam und mit Augenmaß gekleckert statt geklotzt".
Die Fäden auf der Trainerbank zieht seit vier Jahren Ralf Rascher. Der noch 30-jährige B-Lizenzträger, im Hauptberuf Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport, unterstützt die Hollenbach´sche Strategie, verstärkt auf Spieler aus der Region zu bauen. Rascher setzt neben Routiniers wie Tobias Unger, der vor zwei Jahren vom Regionalligisten SG Haslach/Herrenberg/Kuppingen gekommen ist, Christof Haffa (früher SV Fellbach) sowie Wolfgang Heinz, Sebastian Humpfer, Torsteher Andreas Kunz und Tobias Dürler, alle schon mehrere Jahre bei den Blauen, zudem auf ganz junge Talente: Von den vier Neuzugängen, die sich ab der Nächstsaison das blaue Trikot mit dem markanten Kickers-Logo überstreifen werden, sind drei - Lukas Grundler (SG Haslach/Herrenberg/Kuppingen), Marc Schwöbel (TSV Scharnhausen) und Philipp Frey (SV Remshalden) - im Schnitt gerade mal 20 Jahre alt. Die Kickers-Novizen stehen zusammen mit dem vierten Zugang, dem vom TV Altenstadt kommenden Oliver Gomes (25 Jahre) vor einer schwierigen Aufgabe. Sie sollen ein Quartett von hoch erfahrenen Ü30-Kickers-Haudegen ersetzen: Reinhardt Kriessler, Joachim Rieck, Steffen Schafferdt sowie Timo Werner haben ihre Karriere als Leistungssportler beendet.
Timo Werner, früher Zweitligaakteur bei Göppingens Frisch Auf, wird den vier Neuen als künftiger Co-Trainer behilflich sein, die Herausforderung zu meistern. Genauso wie den anderen Youngsters im blauen Kader: Julian Hermann (21), Simon Pitterle (24), Emanuel Sonnenwald (21), David Thomitzni (22) sowie Julius Emrich, dem vom Namen her prominentesten Jungspund. Der 20-jährige, ehrgeizige Sprössling des früheren Bundesliga- und Nationalspielers sowie derzeitigen Bundestrainers der DHB-Frauen-Nationalmannschaft, Armin Emrich, wechselte Anfang des Jahres vom Zweitliga-Aufsteiger TV Bittenfeld unter den Fernsehturm, um dort mehr Spielanteile zu erhalten und sich so rascher weiterzuentwickeln. Im Team der Blauen ist der an Stuttgarts Uni eingeschriebene Fahrzeugtechnik-Student als Kreisläufer bereits zur unverzichtbaren Größe geworden, wovon sich sein handballerischer "Übervater" bereits zweimal per Augenschein überzeugen konnte.
Dass die Stuttgarter Kickers mittlerweile überdies eine attraktive und höchst empfehlenswerte Handball-Adresse geworden sind, blieb Vater Emrich gleichfalls nicht verborgen. Das haben ebenso bereits Erst- und Zweitligaspieler, wie z.B. Markus Gaugisch (VfL Pfullingen) und Mike Wolz (TSG Oßweil), registriert. Beide hatten unlängst ernsthaft über einen eventuellen Wechsel zum "Blauen Adel" nachgedacht, sich letztlich aber doch für höherklassige Clubs und damit für eine weiterhin "bürgerliche Handball-Existenz" entschieden.
Auch ohne solche Hochkaräter dürfen sich die Kickers-Handballer auf ein vielversprechendes zweites Spieljahr in Baden-Württembergs Oberliga freuen. Bleiben sie auch darüber hinaus in der Erfolgsspur, könnte es ihnen vielleicht sogar gelingen, noch vor der blauen Fußball-Fraktion dort anzukommen, wo die unbedingt wieder hin möchte – in der 2. Bundesliga. Mit dem Sprung in die Zweitliga wäre Hollenbach am Ziel seiner Träume angelangt und hätte sein ihm stets wesentlichstes Anliegen realisiert: Die Blauen hätten, wie er es auszudrücken pflegt, "als eigenständiger und reinrassig Stuttgarter Verein, ohne Hilfe von außen, den Handball in Stuttgart salonfähig gemacht".
Doch solcher Aufstieg wäre zwangsläufig zugleich mit einem Abstieg verbunden: Die Stuttgarter Kickers könnten ihre Heimspiele nicht mehr in Stuttgarts Höhenluft austragen, sondern müssten ihr jetziges, nur drei Kilometer vom Fernsehturm entferntes Domizil, vom noblen Stadtteil Sillenbuch in eine größere Lokalität hinunter ins Neckartal verlegen. Jürgen Hollenbach würde diesen Talgang gerne antreten, könnten seine "salonreifen" Kickers ihren Sport dann doch in Stuttgarts schönstem Handball-Tempel, der erst kürzlich eröffneten Porsche-Arena, zelebrieren. Ganz so, wie es angemessen ist für "Blauen Adel".