"Finanziellen Wahnsinn machen wir nicht mit"
Volker Zerbe, Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten TBV Lemgo, kündigt Sparkurs an
VON JÖRG HAGEMANN
Der TBV Lemgo steht vor einschneidenden Veränderungen. Geschäftsführer Volker Zerbe erklärt die Gründe.
Vor einem Jahr ist der TBV als Zweiter in die Winterpause gegangen, jetzt als Siebenter. Wie ist das zu erklären?
Zerbe: In der fehlenden Konstanz. Wir haben uns mit dem ständigen Auf und Ab selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Beispiel: Die vermeidbare Niederlage in Wetzlar, kurze Zeit später dann die herausragende Leistung in Kiel.
Inwieweit haben dem TBV die fürchterlichen Heimniederlagen gegen den HSV und die Löwen die Augen geöffnet?
Zerbe: Die Art und Weise hat uns gezeigt, dass wir die Mannschaft neu aufstellen müssen, um zu altbekannten Tugenden wie Kampfgeist und bedingungslosen Einsatz zurückzufinden – ein immens wichtiges Signal für Fans, Sponsoren und Gesellschafter. Daran müssen wir tagtäglich arbeiten.
Ist mit den Beurlaubungen von Markus Baur und Daniel Stephan im Sommer nicht voreilig gehandelt worden?
Zerbe: Sportlich negative Tendenzen waren bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison erkennbar. Leider hat sich diese Entwicklung zur neuen Saison nicht geändert. Im Gegenteil. Wir haben eine sehr schlechte Vorbereitung gespielt, sind in drei von vier Turnieren Letzter geworden. Auch in Leon haben wir nie zu unserer Form gefunden und eine große Chance leichtfertig vertan. So entstand ein Druck, der uns zum Handeln gezwungen hat – auch wenn die neue Serie direkt vor der Tür stand und die zeitliche Abfolge von außen betrachtet nicht glücklich war.
Wobei das Image des Vereins gelitten hat...
Zerbe: Wenn man Leute mit großen Namen freistellt, findet das auch große mediale Beachtung. Aber man muss trennen. Es ging nicht um die einzelnen Personen, sondern um den TBV. Als Spieler und Menschen haben Markus und Daniel große Verdienste um den Verein. Und ich bin sicher, dass sie aufgrund ihrer Fachkenntnis ihren Weg gehen werden. Auch dadurch, dass der Bundestrainer sofort Partei ergriffen hat, bekam der Vorgang eine ganz besondere Dimension. Ich fand es sehr bedauerlich, wie sich viele Außenstehende geäußert haben, ohne über tiefere Einblicke zu verfügen. Doch auch im Sport greifen gewisse Gesetzmäßigkeiten, wenn der Erfolg in Gefahr gerät.
Von Champions League ist keine Rede mehr?
Zerbe: Derzeit ist die Champions League wohl kein realistisches Ziel. Wir möchten mit dem Kader, den wir neu formen, international spielen und uns mittelfristig, wie in den Jahren zuvor, an der Spitze festsetzen. Doch die Konkurrenz ist größer geworden. Neben uns spielen auch Flensburg, Göppingen und Großwallstadt um die internationalen Plätze. Doch den finanziellen Wahnsinn, der offensichtlich nötig ist, um die allervordersten Plätze zu garantieren, machen wir nicht mit.
Das klingt, als würde der TBV den Gürtel enger schnallen.
Zerbe: Man darf nicht vergessen, dass mittelfristig die wirtschaftlichen Zeiten schwierig sind. Selbst renommierte Fußballklubs wie Bayern und Schalke sparen. Auch wir arbeiten an den Kosten, ohne dabei den eigenen sportlichen Erfolg aus den Augen zu verlieren. Die allgemeine Entwicklung im Personalkostenbereich in der HBL ist ungesund. Wir sind nicht bereit, diesen Weg mitzugehen. Alleine daraus ergibt sich ein Sparpotenzial. Diesen Weg werden wir, wie in der Vergangenheit, in enger Abstimmung zwischen den Organen wie Beirat und Management sowie den Hauptgesellschaftern gehen.
Lässt sich die Etatsenkung summenmäßig beziffern?
Zerbe: Konkret nicht. Wir verfolgen weiter einen nachhaltigen, finanziell vertretbaren Weg. Wohlgemerkt, ohne jene Qualität zu verlieren, die den TBV sportlich wie wirtschaftlich immer ausgezeichnet hat: bodenständiges, ehrliches und solides Handeln.
Zuletzt standen die gezeigten Leistungen der Mannschaft zu oft in keinem Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln.
Vier von fünf auslaufenden Spielerverträgen werden nicht verlängert...
Zerbe: Es ist normal und legitim, dass auslaufende Verträge nicht zwingend verlängert werden. Dabei geht es nicht um die persönliche Wertschätzung eines Einzelnen, sondern um das große Ganze. Wir werden dem Team ein neues Gesicht geben, frische Impulse setzen. Ein elementarer Faktor unseres Masterplans ist die hundertprozentige Identifikation mit dem Umfeld, sprich dem Verein, den Fans und den Sponsoren. Die Verankerung mit der Region ist ganz wesentlich. OWL und das südliche Niedersachsen sind unsere Basis. Zudem gilt es weiterhin, die Marke TBV deutschland- und europaweit zu positionieren.
Quelle:http://www.lz-online.de/sport/tbv_lemg…_nicht_mit.html