"Der TBV Lemgo will Titel gewinnen!"
Volker Zerbe gilt als der personifizierte TBV Lemgo. 22 Jahre hielt er dem Verein als Spieler die Treue, mit dem er gemeinsam den Aufstieg zu einem nationalen und internationalen Spitzenverein schaffte und selbst zum Weltstar reifte. Seit 2007 lenkt der 40-Jährige als Geschäftsführer die Geschicke „seines“ TBV. Wir sprachen mit dem zweifachen Familienvater unter anderem über die abgelaufene Saison, die aus sportlicher Sicht die als Ziel ausgegebene Europapokal-Qualifikation mit sich brachte. Doch Zerbe, der als Spieler stets Maßstäbe setzte, will mehr.
? Volker, Deine erste Saison als Geschäftsführer des TBV liegt hinter Dir. Wie fällt das Fazit aus?
! Wir haben sicher eine in Teilen turbulente Saison hinter uns. Der TBV Lemgo wurde neu strukturiert und eine solche Umstellung bedarf immer einer gewissen Eingewöhnungsphase. Für mich war es eine neue Aufgabe, zudem musste ich noch in Teilen den Trainerjob ausfüllen. Das war schon eine stressige Zeit, aber nun haben wir mit Markus Baur seit Jahresbeginn den Trainer, mit dem wir unsere Zukunft planen. Ich denke, dass sich nun langsam alles eingespielt hat und wir gemeinsam den TBV auf seinem Weg voranbringen können.
? Sportlich war es eher eine durchwachsene Saison…
! Wir haben uns vor der Saison sicherlich etwas mehr erwartet. Wir hatten viele Hochs und Tiefs, es war keine Konstanz in der Mannschaft, da so viele Neuzugänge naturgemäß Zeit brauchen, sich aufeinander einzuspielen. Aber es hat sich entwickelt und unser ausgegebenes Ziel „Qualifikation Europapokal“ haben wir dann auch erreicht.
? Die angesprochene Entwicklung sollen nun weitere neue Spieler weiterführen?
! Der Umbau der Mannschaft wird fortgeführt, das ist ein normaler Vorgang. Unser Bestreben ist es, eine Mannschaft zusammenzustellen, die dann auch über einige Jahre im Kern zusammenbleiben wird. Der TBV Lemgo möchte zurück an die Spitze! Das ist unser erklärtes Ziel, allerdings verzichten wir dabei nicht auf die Werte, die uns seit Jahren begleiten und auszeichnen. Der TBV steht für eine hohe Identifikation zwischen Team und gesamtem Umfeld, für ehrliche Arbeit und Seriosität. Dabei wollen wir den Erfolg nicht mit der Brechstange erzwingen, dies ist nicht unsere Art zu arbeiten. Wir möchten die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre aufnehmen und kontinuierlich in die richtige Richtung fortführen.
? Angesichts der finanzkräftigen Konkurrenz kein leichter Weg. Wobei dem TBV ja auch finanzielle Sorglosigkeit nachgesagt wird.
! Das ist so definitiv nicht richtig. Mit dem Einstieg der heristo aktiengesellschaft als neuem Mehrheitsgesellschafter konnten wir die breite regionale Basis ausbauen und freuen uns, einen starken Partner gewonnen zu haben. Allerdings gibt es beim TBV keine finanziellen Sorglospakete, das ist schlichtweg falsch, auch wenn es selbst innerhalb der Liga immer gerne so propagiert wird.
? Um die Olympia-Absage von Markus Baur gab es Irritationen, es war zu lesen, dass die Sponsoren die Entscheidung getroffen hätten.
! Ein Punkt, der mich ärgert. Solche Meldungen über die Personalpolitik sind schlichtweg falsch, beim TBV Lemgo gibt es kein Mäzenatentum. Heristo verfügt über ein immenses wirtschaftliches Know-how, das auch beim TBV eingebracht wird und unser Partner ist in wirtschaftlichen Fragen beratend und unterstützend tätig. Sportliche Entscheidungen werden jedoch in letzter Instanz von mir getroffen – natürlich in Absprache mit dem Trainer und der sportlichen Leitung. Wir haben ein solch „sportliches Kompetenzteam“ nicht installiert, wenn es nicht auch in der Praxis umgesetzt würde. Markus Baur hat schweren Herzens die Entscheidung getroffen, nicht mit nach Peking zu fahren, weil eine Teilnahme mit den Aufgaben beim TBV schlichtweg nicht unter einen Hut zu bringen gewesen wäre.
? Der Zeitpunkt der Absage war sicherlich nicht der glücklichste…
! Das ist richtig. Rückblickend muss man sagen, dass die Entscheidung früher hätte getroffen werden müssen. Wir haben lange nach einer Möglichkeit gesucht, den Interessenskonflikt zu lösen, es war allerdings nicht umsetzbar.
? Der TBV hätte die Nationalmannschaft im Stich gelassen, war ein Kritikpunkt.
! Welcher Verein stellt denn auch in dieser Vorbereitung die meisten Spieler für die Nationalmannschaft ab? Dazu erübrigt sich im Prinzip jeder Kommentar. Eines muss man abschließend einmal in aller Deutlichkeit sagen: Ich weiß selbst am besten, was für ein Erlebnis Olympische Spiele sind und wie wichtig ein solches Turnier im Leben eines Sportlers ist. Aber jeder Bundesliga-Verein unterliegt wirtschaftlichen Interessen, die untrennbar mit sportlichem Erfolg verbunden sind. Und für das Abstellen des Trainers zu den Olympischen Spielen erhält auch der TBV keinen Bonus, wenn es dann nach einer gerade einmal zehntägigen Vorbereitung auf die neue Saison anfangs nicht so gut laufen würde.
? Was ist zu Beginn der kommenden Saison denn überhaupt zu erwarten? Viele neue Spieler stehen im Team, etliche davon sind bei Olympia dabei.
! Das ist ganz bestimmt eine schwierige Situation, naturgemäß können da die Abläufe noch nicht hundertprozentig sitzen. Aber wir haben einen hervorragenden Trainer und Spieler, die bereits über große Erfahrung verfügen. Von daher können diese Defizite auch individuell gelöst und überbrückt werden, um dann so schnell wie möglich immer besser zusammen zu wachsen.
? Die Verpflichtungen wurden mit Bedacht ausgewählt. Gutes Personal ist nicht im Vorbeigehen zu verpflichten, derzeit ist der Transfermarkt sehr stark in Bewegung, Spieler werden immer früher aus Verträgen gekauft.
! Der gesamte Sport hat sich verändert. Die Gesetzmäßigkeiten haben sich in eine Richtung verschoben, die im Fußball seit Jahren Gang und Gäbe ist. Ob ich diese Entwicklung gut finde, ist unerheblich, aber es ist ein Trend, dem sich der TBV nicht verschließen kann. Um seine Ziele zu verwirklichen, muss man im Markt anders auftreten, aber der TBV steht dabei dennoch zu den von mir angesprochenen Werten.
? Der Wechsel von Martin Galia von Frisch Auf! Göppingen nach Lemgo haben in diesem Zusammenhang für viel Wirbel gesorgt.
! Um es noch einmal zu verdeutlichen: Dieser Trend ist nicht vom TBV Lemgo initiiert worden. Wir planen langfristig und suchen Spieler, die zu uns passen. Wobei nicht alleine die sportlichen Qualitäten eine Rolle spielen, sondern eine Neuverpflichtung muss auch vom Charakter her zum TBV passen. Martin Galia war ein für uns sehr interessanter Spieler und aus diesem Grund haben wir auch den Kontakt aufgenommen. Dies ist nun einmal der Trend, der im Markt Einzug gehalten hat.
? Nun hat der TBV mit Daniel Kubes einen weiteren Ausländer verpflichtet. Ist dies die Abkehr vom „TBV Deutschland“?
! Ganz sicher nicht, wir stehen nach wie vor dazu, nach Möglichkeit mit jungen deutschen Talenten zu arbeiten. Aber zum Erreichen der hohen Ziele, die wir haben, müssen wir auch europäisch denken. Nur mit deutschen Spielern ist dies de facto nicht zu erreichen. Wobei man auch festhalten muss, dass der damalige „TBV Deutschland“ mit Markus Baur, Daniel Stephan, Christian Schwarzer, Florian Kehrmann und auch mir sicherlich ein absoluter Glücksfall in dieser Konstellation war. Dies kann man nicht einfach kopieren. Aber wie gesagt: Deutsche Spieler spielen bei uns nach wie vor eine zentrale Rolle.
? Im linken Rückraum scheint noch Handlungsbedarf zu bestehen. Wird es zur nächsten Saison weitere Veränderungen im Kader geben?
! Da möchte ich mich nicht festlegen. Wir halten die Augen stets offen und sondieren den Markt. Derzeit steht der Kader für die nächste Saison und wir planen natürlich bereits für die nächsten Jahre. Das heißt aber nicht, dass sich nicht noch kurzfristig etwas ergeben könnte.
? „Neuverpflichtungen müssen auch nach Lemgo wollen“ hat Markus Baur zu diesem Thema gesagt. Was macht den TBV attraktiver als andere Vereine?
! Mit Sicherheit die besondere Atmosphäre, sowohl rund um die Mannschaft als auch innerhalb der Mannschaft selber. Trotz der in den letzten Jahren immer weiter gestiegenen Professionalität der Sportart gibt es beim TBV nach wie vor ein familiäres Umfeld. Und ich denke, dass auch die jüngste Wahl der Handball-Fans dies bestätigt, der TBV ist einmal mehr zu einem der sympathischsten Vereine der Liga gewählt worden. Zudem haben wir ein klares sportliches Konzept, das auf Langfristigkeit setzt. Und auch mit den Spielern, die bei uns angestellt sind, planen wir natürlich langfristig. Jeder Spieler ist ein wichtiger Baustein in dem Gesamtkonstrukt TBV Lemgo.
? Kann man das Konzept kurz anreißen?
! In Gänze würde dies sicher den Rahmen sprengen. Aber wir wollen, wie erwähnt, zurück an die Spitze. Dieses sportliche Ziel steht über allem und hierzu setzen wir eben nicht nur auf renommierte Stars, sondern wollen auch den eigenen deutschen Nachwuchs und junge Talente entwickeln. Dies ist ein enorm wichtiges Element für die Zukunft. Wobei eine solche Umsetzung auch immer von der finanziellen Machbarkeit abhängt.
? Die Rhein-Neckar Löwen haben jüngst ihr Leistungszentrum gegründet. Ein denkbares Szenario für Lemgo?
! Ein solches Leistungszentrum können wir nicht mal so eben aus dem Boden stampfen. Dieses Konstrukt ist eine Ideallösung, insbesondere mit dem angeschlossenen Internat, aber die Kosten hierfür sind natürlich auch extrem hoch. Im Rahmen unserer Möglichkeiten müssen wir einen für den TBV optimalen Weg suchen, um die angesprochenen Ziele entsprechend umsetzen zu können.
? Die gezielte Förderung des Nachwuchses ist ein großes Thema. Sind mit Markus Baur und Daniel Stephan für diesen Bereich zwei ideale „Vorreiter“ gefunden worden?
! Ganz sicher sogar, beide verfügen über enormen handballerischen Sachverstand. Mit Markus Baur haben wir einen Trainer gefunden, der sich in diesem Bereich stark mit einbringt, der beispielsweise stets ein Auge auf unsere Regionalliga-Mannschaft hat, die für uns als Unterbau unerlässlich ist. In dieser Mannschaft sollen junge Talente Spielpraxis bekommen. Zum anderen gehört hierzu natürlich auch unser Jugendbereich, auch hier denken wir langfristig. Talente sollen an ein Spitzenniveau herangeführt werden und somit stärken wir auch nachhaltig unseren Amateurbereich. Daniel Stephan ist zudem für den Bereich Scouting verantwortlich und auch dabei blicken wir über den Tellerrand unserer Region hinaus, denken durchaus auch europäisch. Aron Palmarsson ist hier das beste Beispiel, er kann sich in Ruhe in Island weiterentwickeln und wird bei uns sukzessive an das Bundesliga-Niveau heran geführt. Wir wollen eine Anlaufstelle für junge Talente bleiben, weil sie bei uns bestmöglich ausgebildet werden. Das ist ein Teil des gesamten Konzeptes.
? Gibt es eine Vision, in die dieses Konzept gipfelt?
! Natürlich gibt es diese, denn eine Vision ist unser täglicher Ansporn: Der TBV Lemgo will Titel gewinnen!
Quelle:tbv-lemgo.de