DOPPEL-INTERVIEW GUILLAUME UND BERTRAND GILLE (HSV HANDBALL)
»Die Deutschen sind brandgefährlich«
NILS WEBER
Sie sind Urgesteine der HSV-Handballer und Säulen des französischen Nationalteams,
das als einer der Topfavoriten in der WM-Vorrunde auf Island, Ukraine und Australien trifft.
Im großen MOPO-Interview sprechen Guillaume (30) und Bertrand Gille (28)
über Titelträume, Bruderrache und Vaterfreuden.
MOPO: Hat euch das WM-Fieber schon gepackt?
Bertrand: Ehrlich gesagt noch nicht, denn die Vorbereitung war sehr hart.
Am Wochenende hatten wir zwei Tage frei und waren bei unseren Familien.
Das Härteste an einer WM ist, dass man so lange von Frau und Kindern getrennt ist.
MOPO: Frankreich ist als Europameister automatisch Top-Favorit.
Wie groß ist der Erwartungsdruck in eurer Heimat?
Guillaume: Natürlich sind die Erwartungen hoch, aber die haben wir ja auch an uns selbst.
Der Favoritenstempel bedeutet nicht viel.
Die Spitze ist so eng, man braucht zwei Minuten, um alle Medaillenkandidaten aufzuzählen.
MOPO: Was bedeutet es euch, in eurer sportlichen Heimat eine WM zu spielen?
Bertrand: Es ist eine Ehre, ein Teil dieser WM zu sein.
Deutschland ist das Handball-Land schlechthin.
Wir haben es selbst erlebt in Frankreich bei der WM 2001, als wir den Titel geholt haben.
Wenn ich an die Atmosphäre denke, kriege ich noch heute Gänsehaut.
Ich wünsche den deutschen Spielern, dass sie ein genauso geiles Gefühl haben wie wir damals.
Guillaume: Die Bedingungen für uns sind perfekt.
Wir kennen die Hallen, das Essen, das Klima, sprechen die Sprache ...
MOPO: Fast wie zu Hause. Setzt ihr gar auf einen Heimvorteil?
Guillaume: Das zu behaupten wäre arrogant! Und pikant. (lacht)
Man bedenke die historischen Vorgänge zwischen Deutschland und Frankreich ...
MOPO: Nach WM-Gold im eigenen Land habt ihr jetzt die Chance,
in eurer zweiten Heimat Gold zu holen.
Bertrand: Das ist eine riesige Motivation für uns.
In Deutschland Weltmeister zu werden - das wäre traumhaft.
MOPO: Was traut ihr dem deutschen Team mit den HSV-Kollegen Toto Jansen, Pascal Hens und Stefan Schröder zu?
Guillaume: Deutschland wird schwer zu schlagen sein.
Die haben die Fans im Rücken.
Bertrand: Die können Weltmeister werden.
Die Deutschen sind brandgefährlich, Verletztensorgen hin oder her.
Wer auch immer auf dem Feld steht, wird 200 Prozent geben.
MOPO: Hand aufs Herz: Würde es euch freuen, wenn eure HSV-Kollegen Weltmeister werden?
Bertrand: Wenn wir es nicht schaffen sollten, drücken wir ihnen die Daumen, klar.
Sie dürfen es aber nicht gegen uns werden, sorry, so stark ist der Teamgeist beim HSV nun auch wieder nicht.
Wir haben übrigens einen internen HSV-Wettbewerb, wer bei der WM am weitesten kommt.
MOPO: Eine stärkere Bindung zwischen Spielern als bei Brüdern kann man sich kaum vorstellen.
Wie ist es, mit anzusehen, wenn der Bruder gefoult wird?
Guillaume: Das ist schwer zu ertragen.
Man will sich sofort für seinen Bruder revanchieren.
Mit Worten oder mit dem Körper. Es muss aber im Rahmen der Regeln bleiben.
Bertrand: Die Emotionen kochen drei Mal höher, als wenn ein Mitspieler gefoult wird.
Ich bin dann wütend und zeige das. Diese Aggressivität hilft sogar.
Aber wenn du zu emotional reagierst, verlierst du den Kopf.
MOPO: Die Franzosen spielen unheimlich hart, was nicht gerade beliebt ist.
Ärgert es euch, wenn es heißt, Frankreich zerstört nur und spielt kaum?
Guillaume: Ach was. Die Abwehr ist unsere beste Waffe.
Wir spielen hart, aggressiv. Man kann es meinetwegen brutal nennen.
Wir sind ja keine Kinder.
Bertrand: (grinst) Wir haben ein paar richtige Ochsen im Team!
Guillaume: Es ist ja nicht so, dass die Gegner mit Samthandschuhen spielen.
Wir kriegen auch auf die Fresse.
MOPO: Beim HSV sprecht ihr auf dem Feld manchmal Französisch miteinander.
Redet ihr im Kreise der französischen Equipe auch mal Deutsch?
Bertrand: Nur wenn wir wollen, dass uns die anderen nicht verstehen.
Guillaume: Meistens bei Späßen ...
MOPO: Viel Spaß scheint euch auch die Nachwuchsarbeit zu machen.
Ihr werdet im Frühjahr jeweils zum dritten Mal Vater.
Plant etwa jeder von euch eine Handballmannschaft?
Bertrand: (lacht) Oh, damit wären unsere Frauen sicher nicht einverstanden!
Also für mich und meine Frau Raphaelle ist nach dem dritten Kind Schluss.
MOPO: Was ist schöner: Weltmeister werden oder Vater werden?
Guillaume: Kein Titel kann dir geben, was du an Liebe von deinen Kindern bekommst.
Sie sind ein Teil von dir selbst, dein eigenes Blut.
Bertrand: Beides ist unheimlich emotional.
Aber Papa zu werden, ist noch viel schöner.
Weltmeister kannst du werden, wenn du zwei Wochen lang dein Bestes gibst.
Wenn du ein guter Vater sein willst, musst du jeden Tag dein Bestes geben, ein Leben lang.