Auf der Lauer
Kretzschmar kritisiert die Macher der Handball-WM
Karin Bühler
BERLIN. Dem Handball, den Stefan Kretzschmar zwischen den Händen knetet, fehlt Luft. Aber derzeit hat der Handball ohnehin eine variable Größe. Die Sicht auf ihn verdeckt ein anderer Ball - der Fußball, dessen Bedeutung gerade zur Größe eines Fesselballons aufgeblasen wird. Kommende Woche beginnt in Deutschland die Fußball-WM. Nur ein halbes Jahr später, vom 19. Januar bis 4. Februar 2007, findet hier die Handball-WM statt. Aber: Wen interessiert das jetzt?
Kretzschmar, Linksaußen des SC Magdeburg kritisiert diese gefühlte Ignoranz. Gleichzeitig wirft er dem WM-Organisationskomitee (OK) der Handballer vor, seine Möglichkeiten nicht zu nutzen, "schon jetzt etwas für unsere Sportart zu tun. Ich meine, dass man sich unter Wert verkauft". Bundestrainer Heiner Brand sieht das gelassener. "Ob gerechtfertigt oder nicht, der Fußball bewegt sich in anderen Dimensionen. Wir müssen uns darum kümmern, dass wir guten Sport bieten."
Am Pfingstmontag haben seine Nationalspieler in der Berliner Max-Schmeling-Halle (20.15 Uhr/DSF) dazu Gelegenheit. Sie treten beim All-Star-Game gegen eine Bundesliga-Auswahl an. 11 000 Fans haben ehemalige Nationalspieler wie Jan Holpert, Christian Schwarzer, Daniel Stephan und Volker Zerbe ins Team gewählt, Kretzschmar wird auch dabei sein. Man könnte sagen: Am Montag spielt das neue Nationalteam gegen das alte. "Da steckt Brisanz drin", meint Kretzschmar.
Last der Vorschriften
Am 14. Juli werden in Berlin dann die WM-Gruppen ausgelost. Gleichzeitig soll die PR-Maschinerie anlaufen. Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) und Mitglied des OK, das sich aus drei weiteren Präsidiumsmitgliedern des DHB zusammensetzt, sagt: "Wir haben mit Marketingfachleuten beschlossen, unsere Offensivkampagne erst nach der Fußball-WM anzufangen. Alles andere wäre unprofessionell."
Allerdings bietet die Arbeit des OK schon eine Weile Anlass zum Streit. Der Magdeburger Chef der Handball-Bundesliga, Bernd-Uwe Hildebrandt, etwa sagt: "Mit der Arbeit des zentralen OK kann man nicht zufrieden sein." Die Handball-WM müsse ein gesellschaftliches Thema werden, etwas Großes. "Es muss herauskommen, dass Deutschland ein Handball-Standort ist. Damit müsste man schon weiter sein." Hildebrandt fordert schon lange einen PR- und Marketingfachmann im OK. Das Geld für solch einen Profi haben die vier ehrenamtlichen Organisatoren jedoch gespart und sich stattdessen selbst je 2 000 Euro Aufwandsentschädigung pro Monat zugesprochen.
Kretschmar findet, das Handball-OK in Dortmund "könnte einiges von der Infrastruktur des Fußball-OKs übernehmen". Bredemeier dagegen meint: "Wir wollen nicht den Fußball abkupfern. Damit sind wir überfordert." Die Kritik an der Arbeit des OK weist er zurück. Schließlich habe man schon 80 000 Karten verkauft. Die Schwierigkeit dieser WM bestehe darin, dass die IHF zum ersten Mal selbst als Vermarkter auftritt - nach dem Vorbild des Fußballweltverbandes Fifa. Das garantiert am meisten Profit. Der DHB ist der Dienstleister, der Sponsorpartner genehmigen lassen muss. Den Veranstaltern an den Spielorten bleibt als drittem Glied der Kette kaum noch Spielraum, regionale Partner auszusuchen.
Indem er die Veranstaltungen in den zwölf Spielorten an Betriebsgesellschaften, Klubs oder Landesverbände vergab, hat sich der DHB die Hallenmieten gespart. Die IHF wiederum bezahlt die Bereitstellung der TV-Signale in den Hallen. Bredemeier rechnet mit etwa 4,5 Millionen Euro Ausgaben für den DHB.
Verhandelt wird noch über die Fernsehrechte, die der IHF-Agentur Sportfive gehören. Bisher sind bundesweit noch keine WM-Trailer zu sehen. Bredemeier sagt: "Die Verhandlungen liegen nicht in der Macht des DHB." Stefan Kretzschmar fürchtet, dass sich der Handball auch hier unter Wert verkaufen wird.