Quelle: spiegel.de
INTERVIEW MIT BVB-GETREUEM
"Kaufmännischer Wahnsinn"
Die Nachricht schockierte ganz Deutschland: Borussia Dortmund, Traditionsverein der Bundesliga, steht vor dem Ruin. Stefan Reinke, Mitherausgeber der BVB-Fanseite "Schwatz-Gelb", spricht mit SPIEGEL ONLINE über die Stimmung an der Basis, das Missmanagement der Vereinsführung und Almosen des verhassten Reviernachbarn Schalke.
SPIEGEL ONLINE: Herr Reinke, kennen Sie eigentlich schon diesen Witz? Was ist der Unterschied zwischen Karstadt und Borussia Dortmund? Beide sind pleite aber Karstadt ...
Reinke: ... hat die bessere Sportabteilung. Der Witz ist schon etwas älter.
SPIEGEL ONLINE: Aber lachen können Sie trotzdem.
Reinke: Ja. Ich bin ja auch Journalist, nicht nur Fan. Da ist man etwas zynischer.
SPIEGEL ONLINE: Dann lassen Sie den Journalisten mal weg und schlüpfen in die Fankutte. Lachen Sie dann immer noch?
Reinke: Nein. Ich war erschüttert, als ich gestern im Fernsehen die ersten Meldungen gesehen habe. "Dortmund kurz vorm Aus", das nimmt einen natürlich mit.
SPIEGEL ONLINE: Wie kann es eigentlich sein, dass ein Traditionsverein mit einem Zuschauerschnitt von fast 80.000 derart den Bach runter geht?
Reinke: Durch absolutes Missmanagement. Da wurde Geld ausgegeben, das man noch gar nicht verdient hatte. Es sollte in "Steine und Beine" investiert werden, doch ich habe das Gefühl, dass der Verein sich schon an den Beinen total übernommen hat, weil teure Spieler gekauft wurden, die keine Leistung gebracht haben. Dann konnte man dann auch die Steine nicht mehr finanzieren. Und das Westfalenstadion erst zu verkaufen und dann in 15 Jahren zurück erwerben zu wollen, das ist meiner Meinung nach kaufmännischer Wahnsinn.
SPIEGEL ONLINE: Letzten Samstag haben BVB-Fans gegen Michael Meier als einen der Hauptschuldigen für die Misere demonstriert.
Reinke: Es war eher eine Demonstration für den Verein als gegen Personen. Meier wird zurzeit leider gebraucht, weil er als einziger das Chaos durchschaut.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Hat er es nicht selbst angerichtet?
Reinke: Klar, aber deshalb ist er auch der einzige, der es versteht. Leute von außen müssten erstmal Monate lang Akten sichten, um irgendwelche Leichen im Keller zu finden. So viel Zeit haben wir leider nicht.
SPIEGEL ONLINE: Also akzeptiert man das Übel, um ein größeres zu verhindern?
Reinke: Ja. Meiers Vertrag läuft bis 30. Juni diesen Jahres, danach will ihn hier eigentlich keiner mehr sehen. Meier hat man hier noch nie gemocht. Der wirkt immer so westfälisch knorrig. Niebaum konnte auf der Klaviatur der Emotionen gut spielen und hatte diesen seriösen Habitus.
SPIEGEL ONLINE: Hat Meier die Seele des Vereins verkauft, indem er in den vergangenen Jahren so viele Legionäre gekauft hat?
Reinke: Legionäre spielen bei Bayern München auch. Nur dort wird insgesamt weitsichtiger gearbeitet.
SPIEGEL ONLINE: Aber mit wem im aktuellen Team identifiziert sich denn der BVB-Fan?
Reinke: Mit Jan Koller.
SPIEGEL ONLINE: Warum gerade Koller? Der ist doch nicht mal gebürtiger Dortmunder wie Lars Ricken.
Reinke: Koller ist grobmotorisch, aber er kämpft in jedem Spiel und manchmal ist er sogar unser bester Abwehrspieler. Der verkörpert das, wie die Fans die Borussia sehen wollen. So, wie man es sich auch von anderen Spielern erhofft.
SPIEGEL ONLINE: Ein Fanvertreter hat jetzt gefordert, in der dritten oder vierten Liga neu anzufangen.
Reinke: Es ist ja nicht mal klar, wie es weitergeht: Dortmund müsste ja vielleicht nicht in der vierten Liga spielen, sondern in der elften, wie Lok Leipzig. Ich persönlich sehe immer noch lieber Bundesligafußball.
SPIEGEL ONLINE: Der FC Schalke 04 hat wiederholt Hilfe angeboten. Almosen vom verhassten "Schlacke", wie der Club in Dortmunder Fankreisen genannt wird, geht das?
Reinke: 1974, bei der Einweihung des Westfalenstadions, war das Eröffnungsspiel gegen Schalke. Und das war damals angeblich auch eine "Goodwill"-Aktion. Aber: Wie viele hundert Benefizspiele müsste man denn machen, um die ganzen Millionen zusammen zu bekommen? In unserem Fanforum heißt es, dass man lieber absteigt, als von Schalke Geld anzunehmen. Dem kann ich mich nur anschließen.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Anhänger durch die Erfolge im vergangenen Jahrzehnt hochnäsig geworden?
Reinke: Vielleicht. Damals haben wir auch mal gesungen "Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf". Mit dem Erfolg kommt eben auch die Arroganz. Aber man muss auch die Entwicklung sehen. Ich habe seit 30 Jahren alles mitgemacht. Aufstieg, Relegation. Und plötzlich war man Meister. 1997 habe ich beim Champions-League-Finale in München gedacht: Jetzt müsste man aufhören. Aber Niebaum und Meier haben die Illusion geweckt, dass es immer so weitergeht.
SPIEGEL ONLINE: Könnten denn die Fans jahrelang ohne internationalen Wettbewerb leben?
Reinke: Ich kann das sehr gut. Für mich war Dortmund immer ein Verein, für den ein einstelliger Tabellenplatz ein Erfolg war. Sich das wieder zu erarbeiten, würde Spaß machen - und der Atmosphäre im Stadion täte es auch gut.
SPIEGEL ONLINE: Wie gut tut Großinvestor Florian Homm dem Verein?
Reinke: Am Anfang, kurz nach seinem Investment, wollte er sich überall einmischen, das ging auf den Geist. Mittlerweile hoffen wir, dass er mit zur Rettung beiträgt.
SPIEGEL ONLINE: Der Retter würde den Verein offenbar sogar in "FC Dortmund" umbenennen.
Reinke: Das war aus dem Zusammenhang gerissen. Aber die Verpfändung der Namensrechte an den Gerling-Konzern hat hier nur das Fass zum Überlaufen gebracht. Niemand hat den Fans erklärt, wie es wirklich um das Thema steht. Das hat für große Verstimmung gesorgt.
SPIEGEL ONLINE: In drei Wochen muss der BVB die Lizenzunterlagen einreichen ...
Reinke: Wenn die drei Gläubiger nicht zustimmen, dann wird hier noch die Saison zu Ende gespielt. Und dann ist es wohl wirklich aus.
Das Interview führte Christian Gödecke.