Vieles, was ich hier geschrieben hätte, ist schon geschrieben worden.
Was für meine Begriffe noch fehlt - und zwar als massiver Flop:
Der schnelle, moderne "Handball von Heute" kriegt immer größere Probleme mit der Schrittfehler-Regel. Das ist natürlich nicht nur ein Problem der HBL sondern des Spitzenhandballs allgemein. Aber da ich eben hauptsächlich die HBL schaue, stößt es mir da eben am dollsten auf. Das nervt mich so sehr, dass ich teilweise während der Spiele die Lust verliere.
Die Sportart verändert sich komplett, wenn der Angriffsspieler in 1vs1-Situationen regelmäßig bis zu 5 Schritte macht, 3 davon in der Vor-Kontakt-Phase zur idealen Positionierung der Hüfte bzw. des Körpers allgemein, um dann diesen irregulär erzielten Stellungsvorteil nur noch mit hoher Explosivkraft nach Hause fahren zu müssen.
Auch wenn es nicht fair ist, sich bezüglich dieses allgemeinen Problems an einzelnen Spielern festzubeißen - und auch, wenn die SCM-Fans hier vermutlich stark protestieren werden - für mich manifestiert sich dieser Missstand in der Spielweise von Gisli Kristjansson.
Er macht diese Saison 152 Tore in 31 Spielen. Wird als Weltklassespieler bezeichnet. Er spielt ohne Frage absolut beeindruckend und wird als einer der Großen der Spielmacherposition gesehen, teilweise sogar als (durch die Form und Verletzungen des letzteren bedingt) stärker denn Gottfridsson.
Da stellt sich mir aber wirklich die Frage: Wieviele von diesen 152 Toren hätte er gemacht, wenn die Schrittfehler-Regel konsequent angewendet worden wäre? Ist er nur Weltklasse, weil er mit beschriebener, irregulärer Vorteilsbeschaffung dann eben seine unheimliche Schnelligkeit und Athletik ausspielen kann - einer der großen Profiteure dieser Regel-Krise?
Das soll nicht ketzerisch klingen, versteht mich nicht falsch. Und natürlich kann man ihm da nicht die "Schuld" für geben. Wenn der Schiri nicht pfeift, würde ich es auch immer wieder machen - führt ja schließlich zum (Tor-)Erfolg. Und ich will auch Kristjanssons Talent nicht schmälern. Der ist unheimlich athletisch und hat zudem ein sehr gutes Gefühl für den Spielrhythmus.
Aber, und das ist so ein bisschen mein Fazit, wenn heute Spieler als Weltklasse bezeichnet werden, sie aber eigentlich (in meinen Augen) nur maßgeblich davon profitieren, dass die gesamte Sportart da ein gewaltiges Problem mit der Konsequenz der Regelverfolgung hat, dann fragt sich insbesondere der langjährige Handballfan, ob das noch die Sportart ist, die man früher so geliebt hat. Den ganzen Kram mit 7. Feldspieler hin oder her.
Es ist ein bisschen so, als würde im Fußball die Abseitsregel nur in 2/10 Fällen ernst genommen: Die Stürmer wissen das irgendwann, stellen sich drauf ein und erzielen unheimlich viele Abseitstore, weil sie einfach direkt vorne am Strafraum warten - völlig egal wo die Abwehrkette steht. Klar schießt man so viele Tore und es sieht sicher auch spektakulär aus, wenn die langen Bälle alle punktgenau beim wartenden Stürmer landen. Aber wäre das Weltklasse? Und wäre das dann "wirklich Fußball"?
Dieses Schritte-Problem hat sich diese Saison in der HBL für meine Begriffe nochmal verstärkt. Und es ist, das ist wichtig zu betonen, natürlich nicht nur Kristjansson, der das Problemkind ist. Aber bei ihm fällt es eben besonders auf, insbesondere in Verknüpfung damit, wie sehr er in den Himmel gehoben wird.
Die Verbände werden schnell Lösungen finden müssen. Sehr schnell. Sonst läuft man Gefahr, dass sich insbesondere nach wichtigen Spielen immer die gleichen Diskussionen einstellen werden. Siehe z.B. auch die entscheidenden dänischen Meisterschafts-Momente dieser Saison.
Da schädigt sich der Handball ungemein selbst.